11Freunde gegen die Ultras
Wie Ultras die Stimmung machen
Es gab Zeiten, da war ich ein großer Fan der Fußballzeitschrift “11Freunde“, ja, ich bin sogar Abonnent des fetten Heftes. Leider hat sich in den letzten Monaten ein gewisses Unbehagen in die Lektüre eingeschlichen. Seit der aktuellen Ausgabe, weiß ich, worin das Unbehagen besteht und welchen Namen es trägt: Philipp Köster. Der ist Chefredakteur, Bielefelder und – seitdem er mit seinem Blatt regelmäßig in den Massenmedien zitiert wird – selbsternannter Meinungsmacher. Nun muss man sich nicht, wie es derzeit deutschlandweit von Diskutanten in den Fußballforen getan wird, über dessen Physiognomie lustig machen, da kann er nichts dafür. Verantworten muss er sich allerdings dafür, dass er sich und seine Zeitschrift inzwischen einfach viel zu ernst nimmt.
Die Vorgeschichte: Auf dem Titelblatt der Dezember-Ausgabe sieht man ein durchgestrichenes Megafon und die Überschrift “Ruhe bitte!” Das wäre ja noch witzig, lautete die Unterzeile nicht “Wie Ultras die Stimmung in den deutschen Fankurven kaputt machen.” Das ist provokant gemeint, muss aber als perfide bewertet werden. Und opportunistisch ist es zudem, weil es eine Diskussion aufgreift, die in den Fanforen vieler Vereine geführt wird, die Pro-und-Kontra-Debatte über die Ultras.
Regelmäßig stehen sich da zwei Gruppen feindlich gegenüber: Die den Ultras nahestehenden Fans und diejenigen, die Oldschool-Support vertreten. Leider findet die Auseinandersetzung aber nicht nur virtuell statt; in einigen Stadien kam es in der Vergangenheit bereits zu Boxereien unter den Fans desselben Teams, wobei es meist so ablief, dass Ultras angepöbelt, dann angegriffen wurden und sich schließlich körperlich wehrten. Immer wieder – und in diese Kerbe haut der Köster – wird den Ultras vorgeworfen, sie seien arrogant und nähmen für sich in Anspruch, die einzig wahren Fans zu sein. Bei Licht betrachtet sehen aber die Anhänger der anderen Fraktion nur, dass es seit einigen Jahren straff organisierte Gruppierungen gibt, die ihre Mannschaft mit Dauersupport im Stile der italienischen Ultr´s-Bewegung unterstützen wollen. Daraus leiten gerade die älteren Fans ab, die Ultras würden ihre eigene Stimmung killen, weil nicht mehr die bewährten Schlachtgesänge und -rufe (so genannter “Oldschool-Support”) angestimmt würden, sondern jede Menge neuer Lieder mit teilweise komplexen Texten. Ein weiterer Vorwurf lautet: Die interessieren sich überhaupt nicht für das Spiel, die feiern nur sich selbst.
Zugegeben: Bisweilen kommt es (dies am Beispiel von UD, der Düsseldorfer Ultra-Gruppierung mit dem rastlosen Capo namens Nico) tatsächlich zu merkwürdigen Situationen, wenn mitten in eine hohe Führung der eigenen Mannschaft der Gassenhauer “Marmor. Stein und Eisen” schallt. Denn der ist traditionell Aufbauhilfe für die Jungs auffem Platz, denen man damit zu verstehen geben will, dass man sie auch dann unterstützt, wenn es gerade nicht so gut läuft. In solchen Fällen heißt es dann immer: Ja, der Capo (Vorsänger), der steht ja die ganze Zeit mit dem Rücken zum Spielfeld, der kriegt ja nix mit mit. Würden sich die Ultra-Kritiker (auch der investigative Journalist Köster) einmal ins Gespräch mit aktiven Ultras und dem einen oder anderen Capo begeben, ließe sich der Vorwurf schnell entkräften. Erstens hat ein guter Capo ständig ein Ohr (und Gespür) für die Spielsituation wie sie durch die Reaktion der Zuschauer gespiegelt wird, und zweitens ist er von seinen Helfern umgeben, die das Spiel verfolgen und ihn auf dem Laufenden halten. Dass es aber bei neunzig Minuten Dauersupport schon mal zu Peinlichkeiten kommen kann, sollte tolerierbar sein.
Die Arroganz der Ultras wird immer wieder auch daran festgemacht, dass der Capo die Anfeuerungsrufe der anderen Fans einfach ignoriere, ja, systematisch durch die Gesänge seiner Truppe unterdrücken lasse. Auch das können nur Typen behaupten, die nie in der Kurve stehen. In der Düsseldorfer Arena hat sich beispielsweise ein wunderbarer Gegenpol zu UD gebildet: Die Alte Garde Bilk, die sich zwei Blocks rechts von den Ultras aufhält und sich vorwiegend aus alterfahrenen Fortuna-Fans im Alter von vierzig und älter zusammensetzt, zeichnet zunehmend für die Oldschool-Lieder und -Rufe verantwortlich, die dann mit Vergnügen vom UD-Capo aufgenommen werden. Das scheint übrigens der wahre Trend in Sachen Kurven-Kultur zu sein: Dass die Ultra-Jungs mit ihrem Engagement die alten Säcke anspornen wieder so Gas zu geben wie zu der Zeit als sie selbst jung waren.
Apropos alte Säcke: Ein Kollege aus St. Pauli hat auf die Köster’sche Provokation mit einer treffenden Analyse geantwortet. Seine Argumentation läuft darauf hinaus, dass die älteren Fans sauer auf die Ultras sind, weil deren Support anders ist als ihr eigener damals, und sie das so erleben, dass Ihnen ein Stück ihrer Jugend weggenommen wird. Das dürfte auch für den Köster gelten, dessen Alterungsprozess zunehmend auch in seinen Artikeln in 11Freunde sichtbar wird. Alles schonmal da gewesen: Die Kuttenträger haben auch schon mit Aggression auf die nachwachsende, eher vergnügungsorientierte Fangeneration reagiert. Und was die Herren im Renterblock des altehrwürdigen Rheinstadions in den späten Siebzigern über die Kuttenträger im 36er gesagt haben, das ist kaum zitierfähig.
Natürlich kann man vieles an den Ultras kritisieren. Jedem aufgeklärten Geist muss der inhärente Ehren- und Fahnenkult der Ultras niedlich vorkommen. Ja, Erinnerungen an Pfadfinderspielchen, aber auch an die Bedeutung von Ehre und Fahnen bei den Faschisten kommen auf. Kindlich bis frühpubertär erscheint Erwachsenen oft auch die Geheimnistuerei, das Verhalten als Geheimbund, der aus dem Mythos gespeist wird, die Polizei (Förster, Team Green, Bullen, Cops) sei der natürliche Feind des Ultra-Anhängers. Derlei Haltungen münden meist in Verschwörungstheorien, besonders der vom Modernen Fußball.
Tatsächlich ist “Against modern football” die wichtigste Forderung der Ultras weltweit, eine legitime dazu. Denn natürlich hat sich der Fußball bereits in einem Maße kommerzialisiert, dass das, was einst Fankultur hieß, in den Arenen nicht mehr erwünscht ist und deshalb auf vielfältige Weise denunziert wird. Allerdings sind die Ordnungskräfte dabei nur ausführende Organe. Die Theorie, dass die Förster Spaß daran hätten, Ultras zu verkloppen, lässt sich nicht belegen. Im Gegenteil: Die meisten körperlichen Auseinandersetzungen zwischen Fans und Team Green entstehen aus den verschiedenen Formen der Unfähigkeit ihrer Anführer.
Dem Trend zum modernen Fußball wollen die Ultras eine wiederbelebte Kultur der Kurve entgegensetzen. Der Eventtouri, also der Zuschauer, der statt zum Flohmarkt zum Fußball geht, ist ihnen verhasst. So gesehen steht Ultrà auch für Konsumverweigerung, denn mit der Förderung der Eventtouris durch die Fußballinstanzen (DFB, DFL, TV etc.) soll ja die Wertschöpfung rund um das Spiel angekurbelt werden, selbstverständlich im Sinne der Profitmaximierung. Die Ultras sehen das als Missbrauch des Fußballs, dem sie andere Werte zuordnen: Heimat, Freundschaft, Treue, Engagement, Emotion. Gerade im letzten Punkt versuchen die Kräfte, die den Kommerzfußball wollen, wiederum die fans auszubeuten. Jede dritte Reklame, die mit Fußball operiert, zeigt glückliche Kerle, die vor dem Fernseher in Emotionen ausbrechen, weil die Scheißbayern ein Tor gemacht haben. Dass das falsche Emotionen sind, liegt auf der Hand. Was sich aber innerhalb einer Ultra-Gruppierung an Gefühlen ergibt – untereinander und gegenüber der Mannschaft – das ist echt und nicht für Geld zu haben.
Insofern setzen die Ultras genau das fort, was alle Fans, seit es Fans überhaupt gibt, immer schon wollten: Wahr und echt zu der Mannschaft zu stehen und diese zu unterstützen, weil irgendein Schicksal dazu gezwungen hat, Anhänger dieser Mannschaft zu sein. “Fan”, das kommt von “fanatic”, also vom Fanatismus, und der ist laut Wikipedia eine Form von Besessenheit. Nicht jeder Depp, der einen Arenasessel vollfurzt, ist ein Fan. Ein Fan ist jemand, der gar nicht anders kann, als samstags um zwei oder halb vier, aber auch am Mittwochabend um sieben bei seinen Freunden in der Kurve zu stehen, um seine Mannschaft anzufeuern – egal, in welcher Liga die sich gerade herumdrücken. Ein Besessener ist, wer sich alle vierzehn Tage auf Reisen in so unwirtliche Regionen wie die Niederlausitz oder den Bayerischen Wald begibt, um bei polaren Temperaturen, tropischen Regengüsse und sengender Sonne in einem fremden Stadion, eingepfercht in einen Käfig, beschimpft von den Heim-Fans und bedroht von den Cops das eigene Team anfeuert. Fan ist, wer sich die meisten Zeit in Gedanken mit seiner Mannschaft befasst und mit der Frage, wie er die Spieler anfeuern kann. So betrachtet sind Ultras wahre Fans – was nicht heißen soll, dass es auch Nicht-Ultras gibt, die besessen genug sind.
Das alles wird ein Philipp Köster aber nur sehr theoretisch verstehen. Zumal er inzwischen die Fan-Szene betrachtet wie ein Ethnologe: Er sieht keine Menschen mehr, sondern Phänomene. Er ist nicht mehr Teil des Gegenstand seines journalistischen Tuns, sondern nur noch Beobachter. Sein zur Schau gestelltes Fan-Sein ist bloß noch Attitüde. Das wäre ja auch okay so, denn auch aus einer solchen haltung können prima Artikel entstehen. Er sollte bloß aufhören, sich mit der Fan-Kultur zu befassen und das jüngeren Kollegen überlassen, die noch aktiv in der Kurve sind.
[...] richtige Meinung habe ich mir noch nicht gebildet. Gedanken hat man sich u.a. in Essen, bei Fortuna Düsseldorf, in Stuttgart, in Bochum und nochmals in Essen [...]
Die wohl wichtigste Methode in der Ethnologie ist die teilnehmende Beobachtung. Ein Ethnologe versucht die Dinge von “innen heraus” zu erklären. (Emische Perspektive)
Neben dem Beobachten auch “Teil des Gegenstands” zu sein ist zumindest ethnologischer Anspruch.
Der Vergleich ist somit nicht ganz glücklich gewählt.