Sat1: Wir sind das Volk

Stasi nicht auf Weltniveau

sat1_wirsinddasvolk.jpgNach dem oscarisierten Streifen “Das Leben des Anderen“, in dem Ulrich Mühe einen geheimdienstlichen Volltrottel spielt, konnte man es schon ahnen. Der erste Teil des Sat1-Doku-Thrillers “Wir sind das Volk” bestätigt es: Der Staatssicherheitsdienst der DDR – liebevoll “Stasi” gerufen – war in Sachen Volkskontrolle nicht auf Weltniveau. Noch nicht mal auf der Höhe der sozialistischen Bruderstaaten. Man stelle sich vor, die Securitate des leider versehentlich gelynchten rumänischen Staatslenkers CeauÅŸescu wäre 1989 in Berlin und Leipzig am Werk gewesen, oha, da wär das Blut aber in Strömen geflossen. Selbst der olle KGB hätte sich von den vollbärtigen Kerzenhalter der sozlissischen Replik deutscher Zunge nicht derart abfieseln lassen. Wer sich dann Bilder und Filmchen über das Waldghetto der DDR-Führung anschaut, versteht, warum es zum Anschluss der Ostgebiete an die Bunzreplik kommen konnte.

Denn Bauweise der Datschen und Interior derselben weisen Mielke und Konsorten als absolute Vollspießer aus. Ungefähr auf derm Niveau westdeutscher Gewerkschafter der damaligen Zeit. Da wimmelt es von Häkeldecken und Nippes, und Genosse Honecker verhauste sich die Wohnküche mit Geweihen. In diesen kleinbürgerlichen Kategorien dachten die Lenker des Arbeiter- und/oder Bauernstaates. Nicolae CeauÅŸescu, Bruder im Amte der genannten, hatte dagegen Visionen – wenn auch ziemlich unappetitliche. Seine Pitbull-Truppe rekrutierte er in den Heimen der elternlosen Kindern, die dank seiner schon fast katholischen Vermehrungsdoktrin ziemlich voll waren. Rumänische Knaben wurden zu Robocops umgearbeitet, die sogar nach dem Tod ihres Herrn munter weiter mordeten.

Nicht so die Stasi, die ja eh keine Eier in der Hose hatte. Die verlegten sich auf das Archivieren von Tonbändern, schlecht geschriebenen IM-Berichten und Geruchsproben. Und als man dann die NVA auf das durch die Leipziger Straßen schlurfenden Volkhetzen wollte, da schenkte man den Schießprügeln erstmal Schnaps aus. Alles sehr deutsch, alles sehr kleinkartiert, einfach unprofessionell.

So aber ist die Geschichte der versehentlichen Revolution in Ostdeutschland eine Serie von Pleiten, Pech und Pannen – eher für schwungvolle Komödien im Stile eines Mel Brooks (“Frühling für Hitler“) geeignet als für zweiteilige Schmonzetten mit Liebesbeimischungen. Lieber würde man Hape Kerkeling als Stasi-Offizier sehen denn den Flachschauspieler Lauterbach. Besser wäre ein bebarteter Christian Ulmen als Friedensanführer, und die beiden Filmamateure, um die sich der Sat1-Dreiteiler dreht, wären mit Michael Kessler und Bernhard Hoëcker optimal besetzt. Wie man sich überhaupt wünscht, die geniale Sendung “Switch Reloaded” würde sich an einem Zwei-Minuten-Remake des Wendeschinkens versuchen. Könnte realistischer werden als die Vorlage…


» Glosse von Rainer Bartel am 07.10.08 um 12:53 » in Kategorien: Deutschland,Feuilleton » 1 x gelesen » 1 x kommentiert
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  1. Solche geschichtklitternden, schnulzigen, heuchlerisch-betroffenen und massentauglich kommerziell hochgejazzten Machwerke mit schlechten Schauspielern, für die böse oder betroffen gucken mit hohem Stirnrunzelfakor schon das höchste der Schaupielkunst ist, sind die reine Verarsche. Ich warte schon auf das DDR-Ossi-Wessi-Musical, den Zweiteiler über die Finanzkrise mit einem natürlich eiskalten Lauterbach mit hohem Stirnrunzelfaktor und Pseudo-Stahlblick und irgendeiner betroffen-hysterisch rumschreienden oder vor sich hinleidenden Tussi, die immer im falschen Moment auftaucht. Danach kommt das Finanzkrisen-Musical, dann der Afghanistan-Zweiteiler (Lauterbach stirnrunzelnd und pseudo-entschlossener Blick mit flottem, wüstenstaubgepuderten Dreitagebart, der nie länger wird und irgend sonne Humanitätstussi, die nur Scheiße baut und immer im falschen Moment auftaucht).

    Nein, ich habe es nicht gesehen (seit der Ostpreußen-Farce mit der Furtwängler tu ich mir sowas noch nicht mal mehr zur Recherche an. War es Heinz Rühmann der sagte: “Sowas ignoriere ich noch nicht mal”?

    [Antwort]

     
    Kommentar von Raf am 07.10.08 um 22:04

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