Es nützt nichts, zu jammern und zu klagen. Auch mit der Plattitüde “Früher war alles besser” kommt man nicht weiter. Nein, es gilt zu analysieren, wie und warum das aus der ehemals kritisch-frechen und einflussreichen Talkshow des Sender Radio Bremen geworden ist. Bestürzend ist vor allem, dass der Niveauverlust eindeutig auf das Konto der Moderatoren Amelie Fried und Giovanni di Lorenzo geht. Also einer Dame, die vor Jahren die am besten vorbereitete Talkmasterin war und die spitzen Fragen – unabhängig von Name und Rang des Gastes – immer an den richtigen Stellen setzte. Und des – man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen – Chefredakteurs der ZEIT; also eines der Flaggschiffe des wahren Journalismusses. Nun hat sich der charmante Schweigersohn ja schon seit längerem durch sein feuchtwarmes Ranschleimen an den Ex-Kanzler (dem wir eine der dunkelsten Perioden der Nachkriegsgeschichte zu verdanken haben) in Form eines wöchentlichen Interviews disqualifiziert. Trotzdem hat auch er es lange Zeit hinbekommen, die 3nach9-Gäste nicht ungeschoren aus dem Studio zu lassen.
Vielleicht lässt sich am Abstieg der Sendung die Privatfernsehsierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks beispielhaft verfolgen. Man erinnere sich an grandiose Folgen der Talkshow, in denen der Teufel persönlich Minister bespritzte oder ein Campino mit voller Absicht Maria Schell beleidigte. Da wurden die Themen der Zeit hart und provokant angefasst, und bisweilen musste der Dauerpianist Gottfried Böttger einfach losspielen, um Gewalt am Tisch zu verhindern.
Das alles war einmal. Die aktuellste Folge der Sendung, die im Werbespruch von sich behauptet, Unterhaltung zum Mitdenken zu sein, versammelt – und das ist mittlerweile Bauprinzip – vor allem Leute, die gerade etwas veröffentlicht haben. Daran hat man sich schon gewöhnt. Diese Masche ist aber nichts weniger als die Kapitulation der Redaktion von der PR-Maschine, denn die Gäste werden der Show mittlerweile von denen aufgenötigt, die Geld dafür bekommen, dies zu tun. Gäbe es in der Redaktion noch Journalisten, also richtige Journalisten, bestünde deren Arbeit hauptsächlich aus dem, was man “Themen-Mining” nennt. Also aus dem Beobachten der Zeitströme mit dem Ziel, die relevanten Themen zu erkennen. Hätte man Themen entdeckt, würde man die typischsten und/oder kenntnisreichsten Protagonisten einladen.
Nun setzen die PR-Fuzzis die Themen und bringen die Gäste gleich mit. Das geht massiv auf die Qualität, weil nun jeder Gast nur noch auf den Augenblick wartet, in dem er sich und seine Produkte präsentieren kann. Debatten unter den Gästen fehlen meist ganz. Weshalb der gute Giovanni immer wieder gruppendynamische Aktionen verordnet – so gestern das gemeinsame Absingen von “Junge komm bald wieder” in der Version des verspäteten Hippies Timmerberg, der dazu falsch die Klampfe schlug. Das ging natürlich daneben.
Welche Strategie die Moderatoren inzwischen einschlagen ließ sich besonders schön am Umgang mit der Werbetusse Heumann ablesen. Sie ist Vorständin in der Werbeagentur Jung von Matt, also einem der zynischsten Läden, die diese verkommene Branche zu bieten hat. Angesichts des dramatischen Imageverlusts der so genannten “Kreativen” fragte man sich schon, auf welchem Bus Frau Fried fuhr, als sie einleitend behauptete, früher sei die Werbung verkommen gewesen, aber inzwischen sei sie Kult und würde von manchen als Kunst betrachtet. Jeder denkende Mensch, der sich informiert, weiß, dass es genau anders herum ist. Niemand mag Webung, keiner will von beschissenen TV-Spots, bescheuerten Plakaten und nervigen Aktionen belastigt werden. Und die kurze Phase, in der die Kids auf dem Schulhof Reklame diskutierten wie man früher den jünsten “Tatort” durchgesprochen hat, sind vorbei.
Natürlich konnte Frau Fried auch nicht vom Gemeinplatz ablassen, wieso die Heumann es denn als Frau geschafft hat. Viele Kolleginnen seien ausgestiegen. Ach, meinte die Amelie, wegen Kinderkriegen? Ja, antwortete die Werbeschnatze und gab dann auf maximal frauenverachtende Weise den Satz von sich: “Ich würd auch manchmal lieber Pilates machen.” Dass also diese auf Schulmädchen getrimmte Mittvierzigerin unterstellte, Ex-Werberinnen hätten die Familienlaufbahn vorgezogen, weil sie dann mehr Zeit für Sport hätten, ist unverschämt – wurde aber ungestraft hingenommen.
Das also ist der Brei nach 9, der aus der langen Tradition der kritischen Talkshow des frechen Senders entstanden ist. Da freut man sich immer auf die nachfolgenden 3nach9 Classics, weil man dort sehen kann, wie diese Sendung eigentlich gemeint war.
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[...] den dramatischen Niedergang der bremischen Talkshow 3nach9 ist hier bereits hinreichend geschrieben worden, aber gestern abend sorgten die Gastgeber, Giovanni [...]