Der lange Marsch

berlin_funkturm.jpgÜber mehrfach verschachtelte Empfehlungen hatten wir ein Quartier gefunden, das nur über mehrfach verschachtelte Empfehlungen zu mieten ist. In der Eichkamp-Siedlung, südlich von Deutschlandhalle und Funkturm, jenseits der AVUS und unweit des Teufelsberg – eine stilistisch unreine Eigenheimsiedlung am Rande des Grunewalds. Die Eigentümer haben sich in jahrelanger Handarbeit im Garten einen Altersruhesitz gebaut. Ganz aus Holz, energetisch ausgefeilt und schlicht. Auch die Einrichtung ist schlicht, aber geschmackvoll und mit unendlicher Liebe zum Detail gestaltet. Dazu ein Wohfühlgarten, den Galgo-Hündin Pina sofort in ihr Hundeherz schloss. Am ersten Abend waren wir mit Freunden verabredet; ein Biergartenbesuch war geplant. Man wollte sich bei denen in Schmargendorf treffen und dann gemeinsam hinüber gehen. Berlin ist groß, und die Berliner haben keine Vorstellung davon, wie groß Berlin ist. Unsere Gastgeber schätzten den Fußmarsch nach Schmargendorf auf etwas mehr als eine halbe Stunde. Tatsächlich aber brauchten wir abends gegen sieben bei rund 30 Grad Schattentemperatur mehr als 45 Minuten. Hunger, Durst und Erschöpfung nach fast sechs Stunden Autoanreise bei großer Hitze hatten uns an den Rand der Bewusstlosigkeit gebracht.

Und dann wurde aus dem angeblich fünfzehnminütigen Weg zum Biergarten eine Wanderung. Wir kamen an einladenden Biergärten vorbei, gingen durch stille Straßen, bogen um eine Ecke und waren plötzlich auf dem Land. Da gab es eine Schafweide, und die Bäuerin brachte gerade Gülle mit dem Trecker auf einen Acker. Ein völlig falscher Film. Mitten in der Metropole, die ja ohnehin voll auf Effekthascherei setzt. Domäne Dahlem heißt die Ecke, lernten wir, bestehend aus zwei voll funktionsfähigen Bauernhöfen. Wir durchquerten die Landwirtschaft, bogen ein paar Mal ab und hatten plötzlich einen völlig überfüllten Biergarten vor uns.
Das Chaos im Alten Krug nahm seinen Lauf, denn – das erfuhren wir später – der Tag stand hier im Zeichen eines Service-GAUs, der sich als Kette aus Pleiten, Pech und Pannen darstellte. Und wir waren die Hauptopfer. Bayernmäßig konnte man sich Gegrilltes am Feuer abholen, aber da war nichts mehr zur Zeit unseres maximalen Hungers. Der Grill war defekt, der Kühlwagen leer. Wir bezogen Plätze im Bedienbereich, wo man uns übersah. Dann nahm eine junge Frau unsere Bestellung auf und verschwand. Kurzum: Als es nach einer Stunde wieder Gegrilltes gab, waren die von uns, die nichts bestellt hatten, fein raus. Die anderen hatten weitere 30 Minuten zu warten. Immerhin wurde ein Teil der Speisen nicht berechnet.

So gestärkt und entspannt durch insgesamt knapp zweistündiges meditatives Warten beschlossen wir, auch den Heimweg fußläufig zu bestreiten. Wir nahmen die Abkürzung, die nur unwesentlich länger war als der Hinweg. Die komplette Podbielski-Allee entlang, große Teile der Rheinbaben-Allee, Hagen- und Fontanestraße, durch den Tunnel am S-Bahnhof Grunewald. Dann nur noch eine Viertelstunde quer durch die Siedlung. Wir belohnten uns mit Weißweinschorle auf der Veranda. Zuerst mussten wir jedoch die Lichtanlage des Hauses austricksen, denn der Erbauer hatte viel Wert auf eine gepflegte Leuhctregie gelegt. So schaltet die Verandabeleuchtung per Bewegungsmelder. Kaum hatten wir Platz genommen, ging das Licht dort nach zehn Minuten schon aus. Solange machten wir es uns im Scheinwerferschein gemütlich. Eine unbedachte Handbewegung, und schon wurden wir wieder angestrahlt. Der betreffende Schalter war mit einem “Nicht berühren!”-Etikett markiert. Wir hielten uns nicht daran, und das kühle Getränke schmeckte im Dunkeln auch viel besser.

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Folge 1 von 5 in Berlin, Berlin



» Reportage von Rainer Bartel am 02.06.08 um 12:46 » in Kategorien: Inland » 591x gelesen » 1 x kommentiert
» Schlagworte: , , , , , ,   

  1. Wer nach Berlin fährt, der muss leiden. Ist nun mal so.

    Kommentar von richie am 03.06.08 um 13:03

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