Das Ruhrgebiet ist immer eine Reise wert - auch wenn's nur eine kleine ist...

Ruhrtour: Bunt, groß, eckig und rund

Folge 19 von 26 in Schöne Plätze

ruhrtour_2011Auch wenn Menschen aus Bayern, dem Bundesland, das den langen Jahren der Subventionen aus Nordrhein-Westfalen alles zu verdanken hat, dem Irrglauben zuneigen, Düsseldorf sei ein Teil des Ruhrgebiets, ist die Fahrt von der schönsten Stadt am Rhein nach Norden doch auch immer eine Reise in eine fremde Welt. Gestern fuhren wir im Rahmen der Kurzurlaubswoche ein paar Punkte zwischen Essen und Oberhausen an: das Museum Folkwang, die Kokerei Zollverein, den Tetraeder und den Gasometer. Wer den Pott noch nie anders als aus der Autobahnperspektive gesehen hat, sei dringend empfohlen, diese Plätze auch einmal aufzusuchen. Das ist einerseits beeindruckend angesichts der Spuren von Kohle und Stahl und macht andererseits sehr nachdenklich in Bezug auf die alte Leier vom “Strukturwandel”. Beginnen wir mit dem Erfreulichen. Das Museum Folkwang an der Bismarckstraße ist natürlich ein uralter Bekannter, dem man eine Erweiterung verpasst hat, die wie angegossen sitzt.

Schon die Architektur des alten Teils hat sich gegenüber den ausgestellten Kunstwerken immer schön zurückgehalten; das kann der von David Chipperfield auch. Überall bieten sich Durch- und Einblicke, oft in die kleinen begrünten Patios. Alle Bestandteile sind aufeinander abgestimmt, nichts drängt sich nach vorne. Das macht es überhaupt erst möglich, in den ausgestellten Sammlungen diese wahnwitzige Zeitreise von Mitte des achtzehnten bis zum Ende des zwahzigsten Jahrhunderts zu präsentieren. Für mich sind viele der Bilder dort wie alte Freunde: Man kennt sich, man mag sich. Neu gehängt sind sie, und wer immer dafür verantwortlich ist, sollte einen fetten Kunstorden kriegen. Mit ein bisschen Grundwissen über die Kunstgeschichte erkennt man die Zusammenhänge und Übergänge der Epochen und Richtungen, denn die Bilder sind entsprechend ausgewählt und zusammengestellt. Das fällt besonders in dem Raum mit den Gemälden von Caspar David Friedrich auf. Da hängt das kleine Gemälde “Frau vor der untergehenden Sonne“, das in seiner Zeit von geradezu unverschämter Romantik war. Dazu dann von Zeitgenossen gefertigte Kopien von C.D-Friedrich-Bildern und Beispiele für Epigonen, die sich vom Meister emanzipiert haben.
Aktuell wird eine Werkschau des US-Fotografen Joel Sternfeld gezeigt, einem Vertreter der Neuen Farbfotografie. Seine frühen Bilder sind wenig beeindruckend, auch wenn sie manchmal nach Effekten heischen. Später dienen die Fotos immer auch zur Meinungsäußerung und werden von Sternfeld selbst mit Kommentaren oder ausführlichen Texten begleitet. Besonders eindrucksvoll ist seine Reportage über die Demonstrationen rund um den G8 in Genua 2011, bei denen Carlo Giuliani von der Polizei erschossen wurde. Sternfeld sagt übrigens selbst, dass ein Buch die angemessenste Präsentationsform für seine Fotos sei…
Das Museum Folkwang ist, und mit der Meinung stehe ich nicht allein, eines der schönsten und besten Museen für bildende Kunst in ganz Deutschland; der Besuch wird dringend und ausdrücklich empfohlen.

Kokerei Zollverein
Beruflich habe ich u.a. mit den Folgen des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet zu tun. Da musste ich mich bisher schämen, dass mein einziger körperlicher Kontakt mit der Materie ein Besuch im Museumsbergwerk in Bochum vor ca. 20 Jahren war. Mein Auftraggeber errichtet zur Zeit ein neues Firmengebäude auf dem Gelände der Kokerei Zollverein. Also wollte ich mich dort einmal umschauen. Die Anlage, die zwischen 1957 und 1961 erbaut wurde und ingesamt keine 40 Jahre in Betrieb war, liegt in der Nähe der Zeche Zollverein im Essener Stadtteil Stoppenberg. Das Verrückte ist, dass man als Besucher über das Gelände stromern kann und die verschiedenen Maschinen, Gebäude und Einrichtungen aus der Nähe sieht. Nichts ist verschönert oder umgewidmet – mit drei Ausnahmen: dem Café unter einer der fahrbaren Koksbühnen sowie einer Agentur und einem Institut in Nebengebäuden.
Das heißt: Du wanderst die gut 600 Meter entlang grauen Koksöfen, unter den ein Wasserbecken angebracht ist (das übrigens im Winter als Eisbahn freigegeben ist). Rostrote Stützen dient den dicken Rohrleitungen als Tragwerk, und obwohl niemand sie unter ästhetischen Gesichtspunkten entworfen hat, haben sie doch denselben Reit wie die Kreuzbögen einer Kathedrale. Alles ist auf den Zweck ausgerichtet und dort errichtet, wo es am sinnvollsten ist. Das ist groß und eindrucksvoll. Das Ensemble aus Zeche und Kokerei lässt aber auch erahnen, wie tief der Eingriff der Kohle- und Stahlindustrie in das damals landwirtschaftlich geprägte (die Adresse lautete “Arendahls Wiese”!) Gegend wirklich war.
Man vergisst ja, dass der unterirdische Abbau der fossilen Rohstoffe im Ruhrgebiet – nach Kohle gegraben hatte man hier schon im Mittelalter – erst Mitte des achtzehnten Jahrhunderts begann und erst um 1840 gelang es, an die unter dem Deckgebirge in mindestens rund 150 Meter Tiefe liegenden Fettkohleflöze abzubauen. Alles was wir heute über die “Tradition” des Bergbaus und der Bergarbeiter wissen, ist in jenen Tagen entstanden. Und die Glanzzeit des Ruhrkohlebergbaus begannen noch später und währten nicht einmal 80 Jahre…

Tetraeder, Bottrop
Das rasante Ende des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet brachte ab Mitte der sechziger Jahre eine schwere soziale und wirtschaftliche Krise mit sich. Hatten die Kumpels im Pütt mir ihrer Arbeit in den Jahren nach dem Krieg noch für wachsenden Wohlstand in ganz Deutschland gesorgt, so stiegen jetzt die Arbeitslosenzahlen, und ganze Gemeinden starben aus, weil die Menschen wegzogen. Noch unter Kanzler Ludwig Erhard war es das Land Nordrhein-Westfalen, das durch Kohle und Stahl in wenigen Jahren wohlhabend geworden war, der wichtigste Geldgeber für den finanziellen Ausgleich zwischen den Bundesländern. So flossen Abermillionen D-Mark aus dem Pott in die strukturschwachen Regionen des Freistaates Bayern – und machten es Txpen wie Franz-Josef Strauß möglich, einen Strukturwandel mit massiven Subventionen (und wohl auch diversen Schmiergeldern…) anzuschieben. Spätestens nach den olympischen Spielen in München 1972 hatten sich die Verhältnisse gedreht. Jetzt waren es die Ruhrgebietler, die einen Strukturwandel brauchten und finanzielle Hilfe beötigten.
Aus vielerlei Gründen zogen sich die Diskussionen darüber, was denn in der Region wirtschaftlich geschehen sollte, über lange Jahre hin. Um 1990 herum war ich im Umfeld eines Kunden mit einem Recycling-Projekt in Castrop-Rauxel beschäftigt. Ich erinner mich an endlose Meetings, in denen Umweltschutz und eben Recycling als Zukunftschancen fürs Revier definiert wurden. Nur: Konkret geschehen ist wenig. Erst Ende des Jahrhunderts kam man drauf, dass die Umnutzung der Brachen den Schlüssel zum Strukturwandel darstellten und ging Erfassung, Aufbereitung, Entwicklung und Vertrieb der Flächen an. Ein wichtiges Datum stellt dabei die Internationale Bauausstellung (IBA) “Emscher Park” von 1999 dar. Denn Ziel der Ausstellung war es, Beispiele für die Umwandlung der Landschaft zu geben. Eines der sichtbarsten Zeichen dieser IBA stellt der Tetraeder in Bottrop dar. Dabei handelt es sich um eine 70 Meter hohe, begehbare Skulptur auf der Halde Beckstraße, die zur Zeche Prosper-Haniel gehört. Wer schwindelfrei ist und keine Höhenangst hat (also stieg ich nicht…), kann auf 18, 32 und 38 Metern den Blick von der jeweiligen Plattform genießen. Der Blick reicht bei klarer Sicht bis zum Düsseldorfer Rheinturm, die Hüttenwerke in Duisburg-Huckingen sind immer zu sehen, die Stadt Essen kann man komplett überschauen und je nach dem Wetter erkennt man alle Landmarken, die das Ruhrgebiet nach Osten, Westen, Norden und Süden begrenzen.

Strukturwandel
Wir hatten noch eine weitere Station im Programm – den Gasometer Oberhausen. Dabei handelt es sich um einen fast 120 Meter hohen Gasspeicher, erbaut in den zwanziger Jahren, indem Gichtgas aus der nahegelegenen Gutehoffnungshütte und später Koksgas der Kokerei Osterfeld gespeichert wurde. Zur IBA “Emscher Park” wurde der nicht mehr genutzte Speicher zu einer Ausstellungshallte umgebaut. Auf drei Ebenen gibt es so 3.000 qm Fläche für Exponate. Der Gasometer liegt am Rand dessen, was sie in Oberhausen die “Neue Mitte” nennen, und direkt neben einer der übelsten Shopping-Höllen des Landes. Die heißt CentroO und versammelt Läden und Filialen für den ganzen Müll, den man heute den Leuten vertickt, obwohl sie den Kram weder brauchen, noch sich leisten können. Dekoriert wird der Konsumwahnsinn mit einer der widerlichsten Ansammlung an Fast-Food-Latrinen, die man sich denken kann.
Und damit die Söhne und Töchter mit Papi “Spaß” haben können, während Mutti shoppt bis sie droppt, hat man eine Kinderverarschungsspaßbad mit riesenhaftem Parkhaus sowie eine Halle mit einer dieser bescheuerten Miniatureisenbahnwelten daneben geklotzt. Natürlich gibt es auch ein Musical, so zu sagen als unterhaltsamens und verblödendes Kultursurrogar sowie eine Veranstaltungshalle namens “König-Pilsener-Arena”, die aussieht wie eine Uniklinik. Apropos: Einen eigenen Bahnhof hat diese neue Mitte auch; an dem hat ein minderbegabter Architekt einen auf “Schräg ist schön” gemacht. Das ganze Ensemble ist nichts anderes als ein großer Haufen Scheiße.
Und war der Gasometer mit Ausstellungen wie “Feuer und Flamme”, “Ich Phoenix”, “Der Ball ist rund” oder “Sternstunden” noch ein Ort vorbildlicher, didaktischer Schauen, hat man sich mt den “Magischen Orten” der bildungsfernen Beliebigkeit, die nur auf den Effekt setzt, angepasst.
Ein Künstler hat einen 40 Meter hohen, künstlichen Regenbwaldbaum in die Behälter geklotzt, zusammenhanglose Bilder mit blöden Texten sind angebracht und um das ganze mystisch erscheinen zu lassen, erklingen sinnlose Sphärenklänge. Das ist nicht nur enttäuschend, sondern auch typisch.

Denn wenn man am Beispiel “Neue Mitte” (das Projekt kostete den NRW-Steuerzahler Milliarden!) einmal verfolgt, in welche Richtung sich die Strukturen gewandelt haben, dann stehen unter dem Strich die Begriffe “Shopping und Freizeitgestaltung” – vielleicht auch noch “Irgendwas mit kreativ”. Man fragt sich angesichts der ganzen Erlebnisparks, der Skihallen und Indoor-Fallschirmspringanlagen (beides Bottrop), der Vergnügungsparks und Wanderwege, wer die alle so befüllen soll, dass sich wirtschaftlich tragen können. Genug Zeit hätten die immer noch vielen Arbeitslosen im Revier, aber die haben das Geld nicht. Und um ernsthaft Touristen anzulocken, die von weiter her kommen als Düsseldorf, fehlt eine bündige Marketingstrategie. Viel hat man sich auch von den Kreativen versprochen, die ja gern in aufgelassenen Industriebauten hausen. Aber für die gibt es zu wenig Auftraggeber, und die Geschichte zeigt ja am Beispiel Düsseldorfs, dass Marketingsfuzzis kommen und wieder gehen – als nachhaltige Wirtschaftsfaktoren taugen sie nicht. Man fragt sich weiter, was denn mit diesen ganzen Entertaiment- und Marketingsachen passiert, wenn die Subventioniererei des Strukturwandels aufhört…
Zum Glück zeigt sich nun im Umfeld der Umnutzung von Flächen ein wirklich nachhaltiges Wirtschaftskonzept für das Ruhrgebiet. Anstelle von Aussichtstürmen – so schlagen Experten vor – könnte man Windräder auf die Halden setzen, um Strom zu erzeugen. Und die Schächte ließen sich als Speicherpumpkraftwerke nutzen, in denen überschüssiger Energie gespeichert wird bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie gebraucht wird. Mit dieser Technologie könnte ein wichtiger Baustein für ein Deutschland nach der Energiewende vorliegen; die ersten Pilotprojekte werden in wenigen Jahren stehen…

Fazit
Keine Frage: Der Pott ist eine faszinierende Region mit interessanten Punkten in Hülle und Fülle. Wer sich auf die spezifische Exotik der Gegend einlässt, wird belohnt. Und wir planen eine Radtour an der Ruhr entlange…

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» Reisebericht von Chefred am 23.07.11 um 15:00 » in Kategorien: Innenpolitik » 1.492 x gelesen » 8 x kommentiert
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  1. Ich habe noch nicht alle genannten Punkte besichtigt (nur Gasometer und das angrenzende Grauen), würde würde in der Reihe aber noch den Landschaftspark Duisburg-Nord sehen. Ich kanns mangels eigener Anschauung nicht wirklich mit der Zeche Zollverein vergleichen, aber nach den Fotos aus Essen zu urteilen, die ich gesehen habe, scheint mir der Zollverein irgendwie cleaner, geleckter als der Landschaftspark DU-Nord, in dem der Niedergang der Schwerindustrie dank einer erheblichen Angeranzt- und Abgefucktheit womöglich sinnlicher erfahrbar ist.

    Kann mich aber auch täuschen.

     
    Kommentar von mark793 am 25.07.11 um 14:32
  2. Ich kenn den Landschaftspark Duisburg-Nord (noch) nicht, werde dieser Unkenntnis aber ganz bald mal abhelfen.
    Also das Gelände der Kokerei Zollverein ist so zu sagen pur. Man hat da nichts verändert. Alles ist wie am letzten Produktionstag. Nur das Minimuseum im Hauptgebäude und das Café sind neu. Außerdem die Nutzung von zwei Nebengebäuden. Diese Authentizität hat mich so beeindruckt…
    Leider sind die meisten “offezjellen” Fotos ziemlich auf ästhetisch gemacht, ärgert mich auch ein bisschen.

     
    Kommentar von Rainer Bartel am 25.07.11 um 15:24
  3. Der LaPaDu lohnt sich auf jeden Fall!

     
    Kommentar von Michael am 25.07.11 um 16:04
  4. stümmt! war selbst schon oft genuch da.
    lustich find ich, dass im gasometer getaucht wird.
    hab ich von nem exkumpel der ichbineigentlichscheisseundbraucheinhobbyzumtollegeschichtenerzählen taucher ist oder war.

     
    Kommentar von yallamann am 25.07.11 um 18:39
  5. @yallamann: Ne, ne, im Gasometer Oberhausen kann man nicht tauchen. Das geht im Gasbehälter eines Stahlwerks in Duisburg: http://www.focus.de/reisen/reisefuehrer/deutschland/tauchen-im-ruhrgebiet-unterwasser-statt-untertage_aid_418363.html

     
    Kommentar von Rainer Bartel am 25.07.11 um 20:24
  6. Yallamann meinte nicht DEN Gasometer in Oberhausen, sondern den Gasometer der Eisenhütte im LaPaDu. Auch dort kann getaucht werden:http://www.landschaftspark.de/freizeit-sport/tauchen
    Und nicht nur das: der Alpenverein hat dort auch ein Kletterrevier..

     
    Kommentar von Michael am 26.07.11 um 08:38
  7. Hier ein kleiner Vorgeschmack. In diversen Fotoforen kursieren natürlich auch viele Bilder, auf denen die Lokäischn iwäntmäßig mit vielen bunten Leuchten postmoderinisiert wurde. Aber an einem trüben Tag kommt das Ganze irgendwie besser.

     
    Kommentar von mark793 am 26.07.11 um 17:08
  8. danke michael. wollte den herr bartel grade bitten die brille aufzuziehen. das kletterrevier ist klasse!

    aber @rainer: ist das betreten das gasometers in ob nicht auch ein “eintauchen” in kulturelle welten? *frins*

     
    Kommentar von yallamann am 26.07.11 um 20:20

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