Heinz Erhardt zum 100. Geburtstag
Bei uns Zuhause war Heinz Erhardt ein Superstar. Natürlich auch schon in den Zeiten, als das Familienradio im Wohnzimmer auf dem Spitzendeckchen stand. Deshalb war ich einigermaßen überrascht, als ich ihn – vermutlich im Alter von 11 Jahren – zum ersten Mal im Fernsehen sah. Nein, einen dicken Mann, der aussah wie Herr Kraft, ein Bekannter meiner Eltern, hatte ich nicht erwartet. Aber lustig fand ich ihn trotzdem. Heinz Erhardt war im Fernsehen der sechziger Jahre omnipräsent. Ungefähr wie heute dieser Mario Barth. Vermutlich hat die ARD gedacht, dass man ihm deshalb zum 100. eine Art Chart-Show schenken sollte. Zum Glück habe ich diesen bunten Abend nicht selbst gesehen.
Allgemein wird Heinz Erhardt als Komiker bezeichnet. Da kann er noch von Glück sagen, denn wäre er heute noch aktiv, würde man ihn als “Comedian” bezeichnen und mit dieser Cindy aus Marzahn in einem Atemzug nennen. Dabei war er vor allem ein Dichter von der Größe eines Ringelnatz, eines Morgenstern und auch eines Robert Gernhardt. Natürlich waren meine Eltern im Buchclub. Und deshalb stand eine dicke Heinz-Erhardt-Schwarte direkt neben dem großen Wilhelm-Busch-Album. Wir lasen also gelegentlich auch einfach nur seine Gedichte. Vermutlich war der einzige Komiker, der in den Augen meines Vaters neben Erhardt Bestand hatte, der Jürgen von Manger, dessen LPs wir besaßen und hörten.
Wenn man sich heute mit dem Abstand von vierzig Jahren, Erhardt-Auftritte anschaut, wird man aber auch feststellen, dass er eine eigene Technik der Komik erfunden hat, die viele der heutigen Comedians kopiert haben. Schon Otto hat nach eigenem Bekunden einiges bei ihm abgeschaut. Diese Pausen in den Texten, dieses Einstreuen von kleinen mimischen und gestischen Elementen, die den Fluß verzögern. Das brachte er auch bei seinen vielen Filmrollen ein, die sein Image leider nachhaltig prägten. Denn dieses ungeschickte, ja fast linkische Verhalten, das war nicht das des Heinz Erhardt auf der Bühne.
Das wirklich Widerliche an der Art, wie er heute gefeiert wird, zeigt sich daran, dass man in der ARD-Show die Gäste in Kabinenrollern einfahren ließ, also einem Auto, das den geschichtsfremden Fernsehmachern als Symbol der fünfziger Jahre gilt. Natürlich war Heinz Erhardt auch in jener Dekade oft zu hören, aber stellvertretend für das “Wirtschaftswunder” steht er nur für diejenigen, die seine Wirkungsgeschichte missverstehen. Aber was will man auch von Redakteuren und Autoren erwarten, die sich selbst für kreativ und lustig halten und glauben, die Geschichte der Menschheit habe mit dem Tag der eigenen Geburt begonnen? Die zudem davon ausgehen, dass ihr Publikum dumm und anspruchslos ist. Das es auch anders geht, bewies die Dokumenation zu Erhardts achtzigstem Geburtstag, die dieser Tage in den dritten Programmen gezeigt wird. Die Autoren der Doku nehmen Erhardt ernst. Das ist das Mindeste, was man ihm schuldig ist.
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