In eigener Sache: Gegen die Wortergreifungsstrategie

Maulkorb für Rechtsradikale

beisskorbWeder der verehrte Jurs Trulie, noch ich als Hausherr hatten eine Vorstellung, was ein antipatriotischer Beitrag wie “Verzweifelte Schlandioten” auslösen würde. Nun ist der Verfasser des Artikels eher konfliktscheu und möchte deshalb zu diesem Thema nicht mehr mitdiskutieren. Dabei habe ich ihm die übelsten Kommentare schon vorenthalten. Anscheinend haben wir mit den Aussagen darin und meinen Kommentaren einen Nerv getroffen – den Nationalnerv, der anscheinend bei vielen Arschgeigen ziemlich bloß liegt. Ohne das jetzt detailliert auszubreiten: Einer dieser Kryptonationalisten macht sich sogar die Mühe, die Herkunft seiner Sermone per TOR zu anonymisieren. Einem anderen steht der Schaum derart vor der protofaschistischen Fresse, dass er seinen Dreck hier gleich mehrfach in die Kommentarspalte zu drücken versucht. Und das alles, weil mir Trainer Baade seinerzeit anempfohlen hat, auf die Registrierungspflicht zu verzichten, weil dann mehr Kommentatoren kämen. Leider erweist sich, dass dies eben die Trolle anlockt – und übrigens auch Spammer, die aber mit ihrem Mist im Filter landen.

Meine Blacklist funktioniert ganz gut, sodass etliche Beschimpfungen und auch unterschwellige Drohungen gar nicht erst hier aufschlagen. Ich habe mich natürlich gefragt, was dieses Online-Magazin mit seinen durchschnittlich 15.000 Lesern pro Monat so attraktiv für diese Trolle macht. Wobei mir auch nicht ganz klar ist, um wieviele Braunmöpse es sich handelt. Denn getrollt wird nicht etwa von Kölnern, die sich über die hiesigen Anti-Köln-Geschichten erregen, oder von Fans verschiedener Fußballvereine, die hier einee symbolischen Verachtung unterzogen werden. Nein, die Trollerei kommt auch nicht aus der bürgerlichen Mitte, die angesichts der hiesigen Linksradikalität gute Gründe hätte – es waren und sind immer Typen, die sich mit ihrer Wortwahl und ihrem Angriff auf bestimmte, hier vorherrschende Sichtweisen als Rechtsaußenwichser outen. Nun haben Neonazis bekanntlich kurze Schwänze und keine Freunde, deshalb drücken sie sich anonym im Weltnetz (so heißt das Internet bei den Faschos) rum und versuchen, Stimmung zu machen.

Wortergreifungsstrategie
Vielleicht ist es zu hoch gehängt, aber in der Debatte um die Patridioten schien es mir, also versuchten ein paar Arschnasen hier, die Wortergreifungsstrategie anzuwenden. Die haben die Naziärsche – wie alle ihre Methoden, den eigene haben sie nicht… – von den Linksradikalen der 70er und 80er abgekupfert. Sie besteht darin, sich in laufende Debatten einzumischen, dort nach und nach Thesen mit wachsender Rechtsradikalität zu vertreten, um bei Protest durch die Betreiber der jeweiligen Plattform und andere Teilnehmer auf die Meinungsfreiheit zu pochen.
Das ist ja überhaupt einer übelsten Tricks der kackbraunen Brut: Von Demokraten einzufordern, man möge sich mit ihnen über Argumente auseinandersetzen. Wir wissen ja alle: “Rechts” ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Und ich werde – wie viele andere Antifaschisten – den Teufel tun, dieses Gesocks hier frei zu Wort kommen zu lassen. Da lasse ich mich von diesen übelriechenden Kreaturen gern als “Linksfaschist” beschimpfen.
Der andere Trick im Rahmen der Wortergreifungsstrategie besteht darin, Themen zu besetzen, die von der Bevölkerungsmehrheit emotional bis zur Hysterie gesehen werden. In diesem Sinne hat sich ja die NPD samit ihrer mehr oder weniger kriminellen Gefolgschaft auf das Thema “Secualstraftäter” gestürzt und eine um die andere Facebook-Gruppe gegründet, in der die Todesstrafe für diese Klientel gefordert wird. Ähnliches geschieht momentan im Themenfeld “Tierschutz”, wo ja gerade die Dummbürger besonders empfänglich sind, wie sich gerade anhand der Straßenkötervernichtung in der Ukraine prima ablesen lässt. Die Argumentation (wenn man da so nennen möchte) der Faschos geht so, dass Angehörige von “Völkern”, die einen entspannten Umgang mit der Tierwelt pflegen, als “Untermenschen” deklariert werden. Das deutsche Wesen ist dagegen tierschützend – wie Adolf Hitler ja an seinem Hundeliebchen Blondi schon demonstrierte.

Nie vergessen
Auch die anscheinend harmlose Aussage “Mönsch, siebzig Jahre nach dem Krieg muss aber auch mal gut sein”, ist auf dem braunen Mist gewachsen – auch wenn das die partysüchtigen Bewusstlosen, die mit dem Bier in der Hand einen Fanmeilenfick anstreben, nicht wahrhaben wollen. Wenig bekannt ist, dass die Patriotismuswelle zur WM 2006 unmittelbar durch rechtsradikale Kräfte in Gang gesetzt wurde. Und wie? Mit Hilfe der Wortergreifungsstrategie, die von der BILD-Zeitung gern mitgetragen und von dumpfen Privatradionsprechpuppen mit Freuden verbreitet wurde. Nein, liebe Nationalisten, die ihr NUR euren Spaß haben wollt, diese Bewegung der Verflaggung und Bewimpelung kam nicht “aus der Mitte des Volkes”, sie wurde inszeniert.
Nein, siebzig Jahre nach dem Krieg ist es nicht gut. Selbst Menschen der zweiten oder dritten Opfergeneration, die Angehörige durch deutschen Terror verloren haben, leiden noch darunter! Das hört vielleicht in hundert, zweihundert Jahren auf. Aber wahrscheinlich nicht, wie die Geschichte der verschiedenen Genozide belegt, die NIE vergessen werden von den Nachkommen der Opfer.
Es sind die Nationalisten, vor allem die antimdemokratischen, radikalen Nationalisten, die wollen, dass wir Deutschen vergessen, was wir Deutschen den Menschen in Deutschland, in Europa und vor allem der Sowjetunion angetan haben. Es sind diese Neofaschisten, die das wollen, weil sie wollen, dass wir wieder Stolz sein sollen auf Deutschland, weil sie wollen, dass die Nation über der Demokratie stehen soll, dass Deutschland wieder den Deutschen gehören soll und Ausländer raus. Wer das angesichts schwarztotgoldener Belappung der Häuser übersieht, ist zumindest politisch dumm und historisch blind.

Politbiografie
Auch wenn ich finde, dass aktiver Antifaschismus ein Nebenkriegsschauplatz ist, werde ich nichts hinnehmen, was die Faschisten jeder Geschmacksrichtung im öffentlichen Raum sagen und tun. Ich war, bin und werde Antifaschist bleiben, und das hat mit meiner persönlichen Geschichte zu tun.
Was irgendwelche Arschlöcher mit kranken Rechtsfantasien sich über meinen Meinungshintergrund zusammenreimen, ist annähernd grotesk. Einer schrub kürzlich was von Alt-68er-Windeln, nicht ahnend, dass ich nun ganz sicher alles mögliche bin, aber kein 68er. Gut, dass ist dann einfach so ein Pawlow’scher Reflex von Leuten, die in der Schulzeit von ihren Kollegen mehrfach mit dem Kopp zuerst ins Klo getunkt wurden, und die Schuld auf ihren linksliberalen Lehrer schieben. Tatsächlich war und bin ich immer historisch und politisch interessiert. Und – wie meine Mutter schon sagte – ein Gerechtigkeitsfanatiker. Jeder politische Philosophie, die nicht explizit den Begriff “Gleichheit” führt, scheidet für mich aus. Einer mutmaßte, ich würde Marxengels auswändig können – weit gefehlt: Meine ersten Zeilen der Herren habe ich vor etwa fünf, sechs Jahren gelesen. Nein, ich habe weder eine DKP-, noch eine K-Gruppen-Vergangenheit; eher war ich in den Jahren 1968 bis 1978 ein Opfer der Doktrinäre – die ja vorwiegend aus dem von mir verabscheuten Bürgertum stammten.
Wenn irgendein Etikett auf mich passt, dann das des Anarcho-Syndikalismus (Okay, das sind so Begriffe, die muss der handelsübliche Kleinfaschist erstmal nachschlagen…). Deshalb trage ich gelegentlich auch eine sternförmige, schwarz-rot emaillierte Anstecknadel, die ich im Sommer 1982 an einem Stand der spanischen Anarchisten auf den Ramblas in Barcelona erworben habe. Aber auch das ist unscharf. Ich bin Beuys-Schüler und bin über den Beuys’schen Kunst- und Gesellschaftsbegriff zu den Grünen gekommen. Besser: In den frühen Jahren der ehemaligen Antipartei habe ich diese auf allen Ebenen mitgegründet. Übrigens auch, um dem muffigen Sozenfilz etwas Linkes entgegenzusetzen.

Der so genannte “freie” Wille
Nur kurz zu diesem Thema: Von den Trollen wird mir ebenfalls gern vorgeworfen, ich missachte die freien Entscheidungen der Menschen, indem ich diese kritisieren. Ja, genau, ich verachte das, was Menschen tun, weil sie glauben, sie hätten einen freien Willen. Noch sind die Ergebnisse der neurologischen Forschungen umstritten, die besagen, dass das Konzept des freien Willens mit der physiologischen Realität nichts zu tun habe. Unabhängig davon halte ich die Vertreter der Theorie, der Mensch sei Herr seiner Entscheidungen, in den Zeiten der allumfassenden Manipulation für mindestens naiv. Wer wirklich annimmt, jemand schiebe sich hauchdünne Scheiben gepressten und künstlich parfümierten Kartoffelmehls in die Fresse, obwohl die um den Faktor 100 teurer sind als selbstgemachte Kartoffelchips, weil er/sie das so WOLLE, kann doch nur mit dem Klammerbeutel gepudert sein.
Ich glaube einfach nicht, dass die Menschen strunzdoof sind, sondern medial missbraucht. Und ich habe für mich erkannt, dass die Manipulation der Menschen ein notwendiges Schmiermittel der heißgelaufenen Maschine Kapitalismus ist. Dieses menschenfeindliche Wirtschaftssystem basiert auf Wachstum. Ohne Wachstum kein Kapitalismus. Wenn aber die natürliche Nachfrage – also die elementare Bedürfnisse deckende – durch die ausreichende Versorgung einer Volkswirtschaft gedeckt ist, stoppt das Wachstum. Da muss sich das System dann was ausdenken, damit weiter gewachsen wird. Die Lösung heißt: Konsum. Die Menschen müssen dazu gebracht werden, mehr zu VERbrauchen als sie brauchen. Und wenn diese Phase ins Stocken kommt, weil die Verbraucher nicht genug Geld haben, um den wachstumsfördernden Konsum zu betreiben, dann muss man sie dazu bringen, Schulden zu machen, mehr Schulden und noch mehr Schulden. Da sind wir jetzt: Die Bürger dieses reichen Landes (das seinen Reichtum vor allem der gnadenlosen Ausbeutung der Ressourcen in armen Ländern verdankt) haben alles und laufen immer noch alles, obwohl sie mehrheitlich hoch verschuldet sind. Konsum macht körperlich und geistig krank, aber es gehört zur Manipulation, a) den Menschen zu sagen “selbst schuld”, wenn sie krank werden und/oder b) Krankheit als Schicksal zu deklarieren.

Wenn das alles auf freiem Willen von Menschen beruhen würde, wäre die Erde gut beraten, sich dieser zerstörerischen Parasiten schleunigst zu entledigen.

[Foto: Joshua Sherurcij via Wikipedia]

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» Kommentar von Chefred am 17.06.12 um 11:21 » in Kategorien: Interna » 1.383 x gelesen » 7 x kommentiert
»   

  1. Hi Rainer,

    meine Frage hat jetzt nur indirekt mit obigem Artikel zu tun, aber das interessiert mich schon länger. Wie stellst Du Dir eine Alternative zum Kapitalismus konkret vor? Wie z.b. sollen Waren verteilt werden, bzw. wer bekommt welche Güter usw. ?

    Gruß

     
    Kommentar von drissib am 17.06.12 um 16:04
  2. wurde imho schon hier diskutiert, eiss aber nicht wann und wo

     
    Kommentar von yallamann am 17.06.12 um 17:40
  3. rainer, wir kennen uns persönlich, meine politische ausrichtung ist dir bekannt und ich spiel hier kein wortergreifungsschach, dies als vorrede zu meinem kommentar.

    wenn mich einer ansaugt bzgl. meiner deutschen erbschuld erwider ich, je nach situation, mehr oder weniger freundlich, dass er mich achtkantig am arsch lecken kann. aus meiner erfahrung hier und auch im ausland, kommt dieses argument immer wenn ich, mehr oder weniger freundlich, versuche menschen auf ihr fehlverhalten hinzuweisen. ich wünsche mir für jede nazi-beschimpung nen euro, dann wäre ich heute finanziell unabhängig.
    darüber hinaus ist mir fanatismus ein greul. mir ist dabei auch scheissegal obs linker, rechter, religiöser, faschistischer, antifatistischer, behindertengerechter, sportlicher oder tierschützender (hab ich was vergessen?)fanatismus ist. hat ein mensch durch scheuklappen den weitblick verloren hat er auch den geistigen horizont eingebüsst.

     
    Kommentar von yallamann am 17.06.12 um 18:03
  4. Stimmt hab nochmal gesucht, war bei “Kapitalismus ist korrupt und intransparent”. Was mir fehlt ist einfach ein konkreter Lösungsansatz, für einen Systemwechsel. Rainer kritisiert ja häufig und auch oft zurecht den Kapitalismus. Wenn man kritisiert sollte man immer auch aufzeigen, wie man es besser machen könnte.

     
    Kommentar von drissib am 17.06.12 um 18:07
  5. Bei Gelegenheit komme ich auf das Thema zurück – so aus dem Ärmel kann ich nur sagen, dass ich mir ein Wirtschaftssystem wünsche, in dem jeder Mensch nach seinen Fähigkeiten und Neigungen produziert und jeder Mensch nach seinen Bedürfnissen versorgt wird. Im Idealfall wäre das ein geldfreies, zinsloses, extrem dezentrales und vor allem herrschaftsfreies System, das auf der Vernetzung autonomer Genossenschaften basiert. Diese autonomen Gemeinschaften können sich wiederum auf Basis der unterschiedlichsten humanen Wertesysteme und/oder Religionen bilden.

     
    Kommentar von Rainer Bartel am 17.06.12 um 18:16
  6. Yallaman, da wir uns persönlich kennen, weiß ich, dass du keiner bist, der aus purer Denkfaulheit oder irgendwelchen rassistisch-chauvinistischen Motiven so handeltst wie du das hier beschrieben hast. Polemik vereinfacht und trifft manchmal eben auch die Falschen.

    Davon ab: “Erbschuld” ist ja auch ein bescheurter Begriff. Selbst ich als Antifaschist würde nie davon reden, alle Deutschen trügen eine Erbschuld mit sich rum. Aber eben doch ein Stück der Geschichte – jeder anders geprägt und anders mit der Historie verbunden.
    Leider gibt es aber eben diese neofaschistische Brut, die das Ablehnen einer spezifischen deutschen Haltung zur Geschichte und ihrer Folgen für ihre dumpfen Zwecke MISSbrauchen. Wie ich schrub: Um eben auf Basis rassistisch-chauvinistischer und antidemokratsichen Vorstellungen eine Welt anzustreben, die von Gewalt geprägt und zutiefst ungerecht wäre, weil sie von natürlichen Unterschieden in der Wertigkeit von Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft ausgeht. DAS ist abzulehnen. Und ich würde mir einfach wünschen, dass die Menschen, die sich als Deutsche verstehen, als Lehre aus der Geschichte des deutschen Faschismusses ziehen würden, dass JEDE Form von Rassismus, Chauvinismus, Revanchismus etc pp besonders intensiv und ausdrücklich abzulehnen ist.

    Und auch davon mal ab verstehe ich einen deutschen Patriotismus einfach nicht, weil ich einfach nicht verstehen kann, was es ausmacht, sich “deutsch” zu fühlen und darauf auch noch (meist diffus) stolz zu sein. Auch wenn jetzt viel aufjaulen: Mich verbindet kulturell mehr mit einem Niederländer als mit einem Niederbayer oder einem Sachsen – zumal ich deren Sprache deutlich schlechter verstehe als die niederländische. Und das meine ich vollkommen ernst.
    Ich lehne die Staatswesen in der jetzigen Form vollkommen ab und bin für eine extrem dezentrale politische Grundordnung samt zugehöriger Vernetzung der autonomen Gemeinschaften.

     
    Kommentar von Rainer Bartel am 17.06.12 um 18:26
  7. Danke, reicht erstmal als Denkanstoss.

     
    Kommentar von drissib am 17.06.12 um 20:12

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