Schlafende Hunde (11)

vaters_labrador.jpgAls es dämmerte, schwammen wir im Pool. Selbst Schiller war hinein gesprungen, hatte eine Runde gedreht und lag jetzt faul auf einem Badetuch, das sich eigentlich Klara zurecht gelegt hatte. Nebeneinander lagen wir im Wasser und hatten die Unterarme auf den Beckenrand gelegt, um ins Tal zu schauen. Unsere Beine berührten sich, wir kamen uns näher. Wir streiften ab, was wir anhatten, meine Badehose und ihr Bikini trieben durchs Becken, während wir im Wasser vögelten.

So ging es ein paar Tage lang. Wir verließen das Grundstück nicht. Standen irgendwann auf, tranken Kaffee auf der Terrasse und aßen aufgebackene Croissants. Dann lagen wir nackt in der Sonne, denn wir hatten es aufgegeben, in dieser Einöde Kleider zu tragen. Später hatten wir dann irgendwo im Haus, im Garten oder im Pool Sex. Klara und ich kochten abends abwechselnd umfangreiche Menüs und stießen mit den besten Weinen auf Wilhelm und Yvonne an. Wir sprachen nicht viel miteinander. Aber eines Tages, wir waren gerade aus dem Schwimmbecken gestiegen, sagte Klara: Jetzt ist es aber an der Zeit, dass du eine Geschichte erzählst. Später, sagte ich, und verbrachte die nächsten Stunden damit, mir eine Story auszudenken, die mit ihrer mithalten konnte.

Schiller war auch nicht aktiver als wir, auch er entfernte sich nicht weit vom Haus, lag meistens rum und ging maximal ein paar Schritte in den Wald hinterm Haus um sein Geschäft zu verrichten. Mir fiel nur auf, dass je öfter Klara und ich miteinander schliefen, er mich immer mehr ignorierte. Nein, er war mir gegenüber nicht feindlich eingestellt, er übersah mich einfach. Morgens begrüßte er nur seine Herrin, mich nahm er gar nicht wahr. Wollte ich ihn streicheln, wich er mir aus. Stellte ich ihm Futter hin, wartete er ab bis ich ein paar Meter entfernt war. Es blieb dabei: Der Hund und ich, das waren getrennte Welten. Mit Klara tollte er dagegen gern herum, sprang ins Wasser, wenn sie alleine schwamm, legte sich in den Schatten ihres Liegestuhls, wenn sie sich sonnte, und folgte ihr, wenn sie im Gemüsegarten Zucchini oder Tomaten erntete. Sie sprachen miteinander. Manchmal hörte ich Klara leise auf ihn einreden, es hörte sich an, als erzählte sie ihm, was sie erlebte. Schiller antwortete nie.

Am gleichen Abend, ich saß mit einem Krimi, der mich langweilte, draußen am Tisch beim Schein eines Windlichts, brachte Klara eine Tablett mit einer Flasche Port, zwei Gläsern und einem Eisbehälter. Sie füllte Eiswürfel in die Gläser, goss den dunklen Wein hinzu und schob mir mein Glas hin. So, sagte sie und setzte sich in den Stuhl neben mir, jetzt erzähl. Natürlich hatte ich mir über Tag etwas zurecht gelegt, eine Sammlung von Anekdoten, die sie erheitern würde, die ein Bild von mir malen würde, das ihren Ansprüchen genügten. Aber dann wurde mir beim ersten Schluck vom kühlen, samtigen Getränk klar, dass ich nichts zu gewinnen hatte. Wir waren verliebt, ja, wir hatten ganz guten Sex miteinander, aber auf eine Beziehung oder gar eine Liebe lief das hier nicht hinaus. Es kam also nicht darauf an. Also beschloss ich, ehrlich zu sein.

Weißt du, begann ich, ich habe kein Glück mit Beziehungen zu Frauen. Das war schon immer so und das wird sich wohl auch nicht ändern. Ich glaube mittlerweile zu wissen, woran es liegt. Ich will entweder verliebt sein oder meine Ruhe haben. Alles dazwischen ist mir unangenehm. Wie bei einem Trinker: Entweder ständig unter Strom oder stocknüchtern. Natürlich kann ich dabei auf die Interessen einer Partnerin nur taktisch reagieren. Also in dem Sinne… Sie unterbrach mich mit einer mürrischen Handbewegung: Ich will hier keinen Psychovortrag. Du sollst mir eine Geschichte erzählen, damit ich dich kennen lerne. Wir müssen uns doch nichts vormachen. Was wir hier betreiben, läuft weder auf eine langfristige Beziehung hinaus noch auf die große Liebe. Also, bitte…
Ich trank das Glas auf einen Schluck aus und steckte mir eine Filterlose an. Genau das meine ich, sagte ich, was soll das Gerede. Ist doch gut so wie es jetzt ist. Du willst doch eine Geschichte von mir um dich unterhalten zu fühlen. Sollst du haben, aber wahr muss das, was ich erzähle, nicht sein. Auch Klara hatte sich eine Zigarette angezündet, drehte sich zu mir um und blies mir den Rauch ins Gesicht. Ihr schmales Gesicht leuchtete im Kerzenlicht, und alles an ihrer Mimik war pure Ironie: Oder glaubst du, dass meine Geschichte von vorgestern authentisch war? Ich musste lachen. Klara lachte auch. Wir tranken jeder schnell noch ein Glas, und dann saß sie auch schon auf meinem Schoss. Ich ließ mich erregen, und wir trieben es ohne ein weiteres Wort.

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Die gnadenlose Selektion des Sahel hat im Azawakh einen Hund geschaffen, der sich durch äußerste physische Härte, Robustheit und Genügsamkeit auszeichnet. Azawakhs müssen bisweilen trocken-heiße Sommertemperaturen von 39 Grad Celsius und mehr ertragen und gelegentlich sogar Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Sie trotzen orkanartigen Sandstürmen ebenso wie extremer Trockenheit und Futterknappheit. Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass sie mit zu den härtesten und zähesten Hunderassen gehören, die wir kennen und auch noch unter für uns unvorstellbar asketischen Umweltbedingungen zu überleben vermögen. Da unter den archaischen Gegebenheiten ihrer Heimat Wachsamkeit, Skepsis und instinktives Misstrauen allem Fremden und Unbekannten gegenüber häufig lebenserhaltend sind, ist auch heute noch das Wesen der meisten Azawakhs gekennzeichnet durch eine geradezu vornehme Zurückhaltung und Reserviertheit Fremdem und Neuem gegenüber. Ein Azawakh ist jedenfalls kein Hund, den man leicht stehlen könnte. Er tendiert dazu, sich auf eine oder mehrere Bezugsperson(en) zu fixieren – und dies oftmals mit der Tendenz zur Ausschließlichkeit. Jenen Menschen gegenüber, denen er sein Herz zu schenken geruht, ist er ein äußerst liebevoller und anschmiegsamer Gefährte, der eine sehr innige Beziehung zu seinem Besitzer beziehungsweise seiner Familie eingeht.

Ich hätte nicht gedacht, dass die blasse Klara so schnell so braun werden würde. Aber sie bewegte sich auch ständig in der Sonne, von morgens früh bis zur Dämmerung. Sie roch gut, ich nahm ihren Geruch wahr, auch wenn sie am anderen Ende des Gartens war. Einmal kam sie zu mir als ich auf einem Handtuch neben dem Pool lag und sagte: Ich seh dich gerne an, du bist schön. Das war mir unangenehm. Unser Zusammenleben in diesen Tagen war vollständig reduziert auf die Sinne, am Ende der ersten Woche war ich nicht mehr in der Lage, mehr als eine Seite am Stück zu lesen. Wir saßen oder lagen drinnen oder draußen herum, wir schwammen und gingen im Garten umher, wir aßen und tranken, wir vögelten. Sie und ich, wir waren beide bemüht, den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Manchmal ging ich sie im Wald suchen, wenn sie sich mit Schiller ein paar Schritte entfernt hatte. Bisweilen rief sie mich ohne Grund. Wenn wir uns begegneten, berührten wir uns leicht. Es war nicht nur der Sex, der uns diese Zeit genießen ließ.
Schiller schlief viel, bestimmt achtzehn oder zwanzig Stunden am Tag. Oft fragte ich mich, was denn in einem derart kleinen Hirn vorginge im Schlaf. Nicht selten schien er zu träumen, er gab kleine Laute von sich, seine Beine zuckten. Trotzdem kam es mir so vor als ob so ein Hund nichts weiter ist als ein Automat, der auf maximal Bedürfnisbefriedigung programmiert ist. Auf Schlafen, Fressen und Beachtung. Wie soll ein Hundehirn, das bei einem Rüden ja meist kaum größer ist als seine Testikel, imstande sein, Zusammenhänge zu erfassen. Was kann sich dort mehr abspielen als Schlaf und die automatischen Abläufe rund um die Körperfunktion im Wachen? Warum, dachte ich mir, läuft er nicht einfach weg? Was hält ihn bei seiner Halterin? Die Tatsache, dass er von ihr Fressen und Streicheleinheiten bekommt? Reicht das aus?
Tatsächlich wurde Schiller immer aktiver. Am Beginn der zweiten Woche blieb er gelegentlich eine halbe Stunde weg und war ausgesprochen nervös nach seiner Rückkehr. Klara schien das einfach hinzunehmen. Und so nahm ich an, dass es ausgemachte Sache zwischen den Beiden wäre, dass der Hund immer zurückkehren würde.

Dann wurde uns das Paradies zu langweilig. Klara hatte herausgefunden, dass es nur knapp dreißig Kilometer bis zum Meer waren. Und so packten wir eines Morgens unsere Badesachen und ein wenig Proviant zusammen, verschlossen das Haus gründlich und fuhren mit dem Jeep los. Wir fanden den Weg ins Dorf unerwartet gut. Als wir auf den Marktplatz einbogen, sah ich aus den Augenwinkeln, dass der Wirt eilig in seinem Cafe verschwand und die Türen von innen schloss. Ich hatte ohnehin keine große Lust, mit ihm reden zu müssen. Also drehte ich eine Runde um den Brunnen und gab Gas in Richtung auf die Durchgangsstraße. Tatsächlich erreichten wir die Küste nach kaum einer Stunde. Wir wählten auf gut Glück einen Weg, der von der breiten Straße abging. Der Pfad führte an einem Bach entlang, der sich durch eine Schlucht schlängelte, die sich schließlich verbreiterte und den Blick auf einen schmalen Strand frei gab.
Ein paar Autos parkten direkt unter den Felsen. Nicht weit entfernt gab es eine windschiefe Bude, an der Reklamefähnchen flatterten. Über den weiten Sand verstreut lagerten Menschen unter Sonnenschirmen, liefen am Wasser entlang oder lagen still in der Sonne. Schiller fürchtete sich vor dem Atlantik, der starke Wellen an den Strand warf, und ging dicht an Klaras Seite. Wir zogen die Schuhe aus und suchten das Wasser, wanderten durch den feuchten Sand direkt am Meer bis wir die Strandbude und die Sonnenschirme nur noch als bunte Punkte sahen.
Zwar hatten wir keinen Sonnenschirm mit, aber Klara errichtete aus Treibholz und einem mitgebrachten Laken ein Sonnensegel, das uns schützte. Schiller rollte sich zwischen uns zusammen, und es kam mir vor als ob er mich hier ebenso als Wesen anerkannte, das ihn schützen konnte. Dann liefen wir ins Wasser, stürzten uns in die Brandung. Klara schrie vor Vergnügen, lachte und war außer sich, so hatte ich sie noch nicht erlebt. Immer wieder ließ sie sich von den Wellen überrollen, tauchte auf, und das lange Haar klebte an ihr wie nasser Tang. Der Hund lief mit eingezogenem Schwanz an der Wasserkante entlang. Sie rannte hin zu ihm und führte ihn am Halsband ins Wasser. Er folgte unwillig. Ich kam dazu und sah in seine hellen Augen. Schiller war in Panik. Lass ihn doch, rief ich, aber Klara hatte ihren Spaß daran, den Hund nass zu spritzen. Dann machte er sich los, stürmte aus dem Meer, schüttelte sich und galoppierte zu unserem Unterstand.
Klara kam gar nicht mehr heraus aus der Brandung. Ich lag längst im Schatten und döste, da war sie plötzlich über mir und schüttelte ihre Haare aus. Hey, das ist das Meer! rief sie, das richtige Meer! Ihr Langweiler! Sie trocknete sich ab, zog das Kleid über und ging schnell in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Schiller sah ihr nach und rückte näher an mich heran. Ich glaube, er fühlte sich auf einmal solidarisch mit mir. Klara brachte Bier mit, die Dosen waren ziemlich kalt, und wir tranken schweigend. Kommen wir Morgen wieder hierher? fragte sie. Wenn du willst, antwortete ich.

Am nächsten Tag hatten wir Mühe, Schiller dazu zu bewegen, in den Jeep zu steigen. Er jaulte und sah mich an. Aber Klara hievte ihn einfach auf die Rückbank. Wieder suchten wir einen einsamen Platz und wieder verbrachte sie die meiste Zeit im Meer, während ich im Schatten blieb und nachdachte. Abends grillte ich Sardinen, die wir unterwegs gekauft hatten. Wir aßen und tranken, und Klara erzählte ununterbrochen vom Meer, von Stränden, an denen sie schon war oder an die sie unbedingt reisen wollte, von Inseln im Mittelmeer und in der Karibik, von Segelschiffen und vom Tauchen, und das sie das alles noch machen würde. Morgen wieder, ja? waren ihre letzen Worte vor dem Einschlafen. Ich ließ mir den Stress mit dem Hund noch einen weiteren Tag gefallen. Aber am folgenden Morgen sagte ich einfach: Du, ich möchte lieber hier bleiben. Sie antwortete: Okay, dann lass ich Schiller hier, packte und fuhr ohne uns los. Der Hund und ich verbrachten einen geruhsamen Tag mit Nichtstun. Ich hatte einen Weltempfänger entdeckt und frische Batterien und mich stundenlang damit beschäftigt, Musik zu empfangen, die mir gefiel. Ein Sender, auf dem der Ansager vorwiegend Rachenlaute von sich gab, spielte mehrere Stunden lang Musik von Kraftwerk und anderen Elektroniker. Komisch, hier in diesem stillen Tal ‚Autobahn’ in voller Länge zu hören. Klara kam spät, roch nach Meer, was mich sehr erregte. Auch sie war mehr als bereit, sodass wir kaum einen Meter vom Jeep entfernt übereinander herfielen.


» Neue Folge von Rainer Bartel am 06.07.08 um 16:04 » in Kategorien: Allgemein » 743 x gelesen » noch kein Kommentar
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