Schlafende Hunde (13)

vaters_labrador.jpgFür mich auch. Letztlich bin ich kein Naturmensch. Stille geht mir auf die Nerven. Dauerhaft schönes Wetter finde ich öde. Wäre Klara nicht dabei gewesen, wäre ich sicher nach wenigen Tagen abgereist. Nicht erst der ermordete Hund hatte mich gelehrt, dass die südlichen Völker kollektiv einen an der Waffel haben.

Was soll man von Menschen halten, die aus lauter Jux und Dollerei auf die Jagd gehen? Gut, auch hierzulande gibt es Hobbyjäger, die ihr barbarisches Tun ökologisch verbrämen; nach dem Motto: Erst sorgen wir dafür, dass viel zu viel Tiere durch abgesperrte Wälder streifen, dass sich Dam- und Schwarzwild vermehrt wie blöde, und dann knallen wir das Viechzeug im Namen des Naturschutzes ab. Heuchelei ist eine deutsche Tugend. Der Südeuropäer hat das nicht nötig, der steht zu seinen archaischen Defekten – Männer müssen jagen. Außerdem sind die Leute da unten wenigstens in der Lage, die Beute in schmackhafte Mahlzeiten zu verwandeln, was den Jagdgasthäusern in unserer Region völlig abgeht, oder hat jemand schon mal einen leckeren Wildschweinbraten gegessen? Dabei kann man aus den Schinken der wilden Säue wunderbare Sachen machen.

Wie komme ich jetzt darauf? Ach ja, meine erste Station nach der Flucht aus Santa Clara war Huelva, eine merkwürdige Stadt. Ich hatte Alegria und sonstige andalusische Spezialitäten erwartet, fand aber eine Industriestadt vor, die früher vom Bergbau gelebt hatte und inzwischen auf Chemie und industriellen Fischfang umgesattelt hatte, entsprechend roch es in Huelva. Immerhin eine Stadt. Ich traf am Montag gegen Mittag ein, und der ganze Ort war ein einziges Hupkonzert, durchsetzt von lauten Gesprächen auf spanisch, die sich immer anhören als würden die Leute wild miteinander streiten. Landete am Hafen, der überhaupt nichts von einem Hafen hatte, jedenfalls nicht von den romantischen Vorstellung rund um La Paloma und so weiter. Hier, sagte mir der Reiseführer, war am dritten August des Jahres 1492 Kolumbus mit seinen drei Nussschalen aufgebrochen, um Indien zu entdecken. Vasco, mein stoisches Wohnmobil, parkte auf einer weiten, leeren Asphaltfläche mit gelben Markierungen. Nichts hier war schön, sodass ich mir ausmalen konnte, wie es bei Kolumbus Abreise zugegangen sein mochte.
An der Durchgangsstraße gab es eine Bar, ich setzte mich in den Schatten und bestellte Bier und Tapas. Auf dem Teller mit den Häppchen lag auch Schinken in dünnen Fetzen von sensationellem Geschmack. Paleta Jabuga, so nennt man diese lokale Spezialität, wurde früher nur aus Wildschwein hergestellt, nachdem es aber in der Region kaum noch Wald und damit auch keine Wildschweine mehr gibt, müssen Hausschweine herhalten, die allerdings ausschließlich mit Kastanien, Eicheln und Bucheckern gefüttert werden, was dem Ergebnis einen ziemlich intensiven Geschmack gibt.

Nachdem ich den Teller leer gegessen hatte, bestellte ich beim Kellner auf englisch mehr vom Schinken. Er brachte mir ein gutes Viertelpfund und einen Kanten Bauernbrot dazu. Die Sonne schien, das Bier war kalt und der Schinken, wie gesagt, sensationell. Mir ging es gut. Um mich herum Verkehrslärm, Menschen, die nichts mit mir zu tun hatten und nichts mit mir zu tun haben wollten. Die Leute gingen ihren Geschäften nach, und ich saß da wie ein Fels, den das wilde Meer umspült. So sollte es sein. Lasst mich doch alle in Ruhe, rief ich stumm der ganzen Welt zu. Besonders ihr Frauen mit euren komplizierten Gedanken und Gefühlen, die kein Mann nachvollziehen kann. Und wenn Männer es doch könnten, würden sie dauerhaft und schreiend vor euch davon laufen. Ein Mann ist nur einsam glücklich, so viel war klar. So gesehen war ich mit meinem Wohnmobil und noch drei Wochen Urlaub einer der glücklichsten Männer auf der Welt.
Aber manchmal ändern sich die Dinge schneller als man denkt. Manchmal kommt es zu einer Begegnung, die vielleicht unauffällig ist, die aber den kompletten Gefühlshaushalt auf den Kopf stellt, so man denn einen solchen emotionalen Apparat mit sich herum schleppt. Eine solche Begegnung stand mir bevor, als ich sehr zufrieden im Schatten vor der Bodega hockte mit zwei Glas Bier und jeder Menge Schinken im Magen. Anscheinend war die Siesta ausgebrochen, denn innerhalb weniger Minuten verdünnte sich der Verkehr auf der vierspurigen Straße zwischen der Bar und dem Parkplatz, speziell die zahllosen Mopedfahrer hatten wohl auf Mittagspause umgestellt. Zu Fuß war niemand mehr unterwegs. Mein Kellner döste im Innenraum, ich hörte die Fliegen an der Theke summen.

Dann kam sie. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, sie habe sich von hinten angeschlichen, aber sicher bin ich nicht. Gerade hatte ich eine weitere Scheibe vom hauchdünn geschnittenen Paleta zusammengerollt und wollte sie mir in den Mund schieben, da berührte mich etwas Kühles an der linken Hand. Ein kleiner feuchter Stupser. Dann noch einer, und dann leckte mir jemand über den Handrücken. Ich drehte mich um und blickte in ein paar bernsteinfarbener Augen, die in einem schmalen blonden Gesicht saßen. Der Hund hatte aufgehört mit Lecken und Stupsen und sah mich erwartungsvoll an. Instinktiv bewegte sich mein Rechte, die mit dem Schinken, auf das Hundemaul zu, das sich öffnete und das Röllchen in sich hinein sog. Das Tier schmatzte. Dann zog die Zunge eine Bahn links und rechts an der lang gezogenen Schnauze. Der Hund war noch nicht zufrieden. Ich riss ein Stück vom Brotkanten und gab ihn ihr.
Wenn ich von ihr sprechen, dann auch das aus heutiger Sicht, denn dass es ich es mit einer Hündin zu tun hatte, wusste ich in diesem Moment noch nicht. Sie schnappte sich das Brot und kaute bedächtig darauf herum. Mehr, sagten ihre Augen, sodass ich mich gezwungen sah, ihr den restlichen Schinken und das übrige Brot auszuhändigen. Sie fraß alles mit einiger Ruhe und zog sich nach der Mahlzeit in den Schatten unter meinem Tisch zurück. Dann kam der Kellner raus, wedelte an meinem Platz herum und rief: Làrgate! Er meinte nicht mich sondern den Hund. Das Tier kannte den Ausdruck, kniff den langen Schwanz ein und trollte sich um die Ecke.

Hinterher ist man immer schlauer. Der arme Hund, hatte ich beim Füttern gedacht, der ist so dünn, der verhungert bestimmt bald. Da wusste ich noch nichts davon, dass ein Galgo Español von Haus aus so dünn ist – wie alle Windhunde. Ich hatte zu dem Zeitpunkt auch keine Ahnung, dass überall in Spanien, in den Städten und auf dem Land, Hunderte reinrassiger Windhunde als Streuner leben, weil man in Spanien entweder einen Schosshund hat oder einen Jagdhund. Während ein kleiner Hund das Vorrecht der alten Damen ist, die ihn hätscheln und überfüttern und am Laufen hindern bis ihn eine der möglichen Zivilisationskrankheiten dahin rafft, gehört der Jagdhund nicht ins Haus, ist kein Mitglied der Familie, wird meistens noch nicht einmal mit einem Namen versehen und überhaupt nur so lange – wenn auch in der Regel sehr schlecht – ernährt wie er schnell genug ist, Hasen zu jagen und zu fangen.
In Andalusien jagt man bevorzugt Hasen. Die haben auf den unebenen, steinigen Feldern gute Chancen, mit dem Leben davonzukommen, weil ihnen eben diese Unebenheiten und Steine genug Deckung bieten. Der Galgo ist schneller als der Hase, sehr viel schneller, und geländegängig dazu. Also setzt der Jäger seinen Galgo dazu ein, den Hasen bis zu dessen Erschöpfung durch die Landschaft zu hetzen. Ist Meister Lampe dann fertig, knallt der Mann mit der Flinte das erschöpfte Tier ab. Das alles war bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts ein Privileg der Landbesitzer. Königin Isabella kam irgendwann kurz vor dem ersten Weltkrieg auf den Hund und wurde süchtig nach Hunderennen. Die waren eine Domäne der englischen Greyhounds, aber die Königin war patriotisch genug, den heimischen Windhund zu bevorzugen. So wurde einerseits der Galgo zum Rennhund und die Jagd zum Vergnügen der kleinen Leute.
Vermutlich kannte die Königin auch die Gemälde von Goya, Velasquez und El Greco, die allesamt entweder königliche Schosshündchen oder aber Galgos abgebildet hatten. Der Windhund galt eben als edles Tier, und das mit Recht. Auch wenn nicht ganz geklärt ist wie diese Rasse entstand, so ist doch sehr wahrscheinlich, dass er zumindest teilweise von den Windhunden aus dem vorderen Orient und Nordafrika abstammt. Also zu den Hunden, die man auf altägyptischen Abbildungen findet, zum Sloughi, dem Jagdhund der Berber und Tuareg. Übrigens: Selbst der räudigste Galgo, der sich durch die Mülltonnen der Großstadt frisst, ist in der Regel reinrassig, denn mit anderen Hunden lässt sich so ein spanischer Windhund nur ein, wenn er im Rahmen von züchterischen Maßnahmen dazu gezwungen wird.

Ich schweife ab, denn das alles lernte ich erst viel später. Jetzt war ich satt und auch ein wenig müde und machte mir Gedanken darüber, wo ich Vasco für die Nacht abstellen sollte. Am Rande des Parkplatzes gab es einen Kiosk, in dem ein Mann mit Dienstmütze döste. Ich sah mir die Landkarten an, die an den Außenwänden klebten, versuchte die Informationstafeln zu entziffern und – ratlos wie ich blieb – sprach ich den Mann in der Bude auf englisch an. Wo ich denn wohl am besten mein Wohnmobil zum Übernachten unterbringen könne, fragte ich. Er antwortet in fast akzentfreiem Deutsch, dass ich doch einfach die Fähre nach Punta Umbria nehmen, das wäre der Strand von Huelva, da gäbe es zwei recht angenehme Campingplätze, und die Fähre käme in etwas zwanzig Minuten und würde dann nach einer halben Stunde ablegen. Einigermaßen verblüfft löste ich das Ticket, bedankte mich und wanderte zum Wohnmobil, das mittlerweile nicht mehr ganz einsam auf dem Parkplatz wartete. Erstens, weil inzwischen im dezenten Abstand zu Vasco ein paar andere Autos parkten, und zweitens, weil im Schatten ein Hund lag.

Ich komme näher, der Hund erhebt sich, dehnt und streckt die langen Knochen, lässt den langen dünnen Schwanz wedeln. Klar, da ist sie wieder, die Windhündin, die mich vor kaum einer halben Stunde adoptiert hat. Ihre Freude über meine Ankunft hält sich entweder in engen Grenzen oder ist durch eine gewisse genetische Dezenz gemildert. Jedenfalls hocke ich mich hin und rede irgendeinen hund-konformen Blödsinn à la: Da bist du ja wieder. Und: Ein feiner Hund bist du. Das schmale Tier lässt sich auch den Kopf streicheln, während es mit zusammen gekniffenen Augen vor sich hin hechelt. Ich schließe das Mobil auf, finden das Mineralwasser ohne Kohlensäure und eine Schale, der Hund muss ja schließlich trinken. Das tut sie dann auch ausgiebig und legt sich anschließend gleich wieder hin. Mir fällt ein, dass ich nur noch ein, zwei Zigaretten habe und mach mich auf den Weg Richtung Straße. Der Hund steht auf und kommt ganz selbstverständlich mit, immer schön an meiner linken Seite. Ein paar Häuser von der Bar entfernt finde ich ein Estanco, wo ich gleich drei Päckchen Ducados kaufe. Mein Hund hat brav draußen gewartet und begleitet mich zurück zum Wohnmobil.

So wurden Maya und ich ein Paar. Natürlich nannte ich sie Maya, nicht nur zu Ehren Goyas sondern auch, weil es der erste Name war, der mir einfiel, nachdem sie ohne zu Zögern das Wohnmobil bestiegen und sich ganz selbstbewusst auf der Liegefläche ausgebreitet hatte. Schließlich lag sie da wie hingegossen, nicht wie ein x-beliebiger Hund, sondern sehr elegant, die Vorderläufe unter dem schmalen Schädel verschränkt, die Hinterläufe leicht geöffnet – mich erinnerte das ein bisschen an Goyas berühmtes Gemälde, aber nur ein kleines bisschen. Jedenfalls hatte sie einfach so Schillers Platz eingenommen und war innerhalb von Sekunden eingeschlafen. Ich bugsierte Vasco auf die schmale Fähre, die kaum mehr als zehn Wagen Platz bot, das Schiff legte ab und schwamm, die Abendsonne rot zur Linken, den Odiel hinab nach Punta Umbria.

Wir verbrachten acht Tage am Meer und standen mit der Sonne auf. Unser Platz war kaum fünfzig Meter vom Strand entfernt, der unter der Woche tagsüber fast menschenleer war. Ich sprang in die Brandung und tauchte unter den Wellenkämmen hindurch, während Maya sich das Ganze vom Strand aus ansah. Der Hund war eindeutig wasserscheu. Manchmal schnüffelte sie sich an der Kante zwischen Sand und Gestrüpp entlang bis sie aus Sicht war, aber spätestens zum Sonnuntergang war sie wieder da. Ich hatte im Supermarkt einen Karton Hundefutter gekauft, sie fraß täglich den Inhalt zweier Dosen und legte sichtbar an Gewicht zu. Abends aß ich meist Brot und Wurst und Käse, manchmal kochte ich Nudeln. Dann wurde Maya schier verrückt, sie winselte und stupste mich an, setzte sich vor mich und versuchte mit ihren Blicken mein Mitleid zu erregen. Ja, Nudeln waren Mayas ganz große Leidenschaft.
Ging ich den Ort, begleitete sie mich bis zu den ersten Hotels an der Promenade, blieb dann aber zurück. Kam ich zurück, war sie plötzlich wieder da und ging den Weg zu unserem Platz wieder mit mir. Der Campingplatz war dünn besetzt, unter den Bäumen zelteten junge Leute, offensichtlich eine Gruppe, die nachts lange beisammen saß. Man spielte Gitarre und sang, der Duft von Gegrilltem und freundlichen Kräutern zog herüber zu uns, manchmal ging Maya hin und leckte sich bei der Rückkehr die Schnauze. Direkt am Pfad zum Strand standen zwei riesige Wohnwagen mit österreichischen Kennzeichen, die Bewohner sah ich nie, vermutlich standen die später auf als ich und verbrachten den Tag woanders. Ich war zufrieden, dass ich mit niemandem sprechen musste. Mir ging es gut. Nein, uns ging es gut. Maya verströmte eine derartige Zufriedenheit, dass ich mich durchweg als Held fühlte, als Retter eines armen, armen Hundes.


» Neue Folge von Rainer Bartel am 20.07.08 um 13:23 » in Kategorien: Uncategorized » 620 x gelesen » noch kein Kommentar
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