Dann brachen wir auf. Ich wollte die Straße von Gibraltar sehen und darin baden. Kamen nach Tarifa und flüchteten nach einem Tag und einer Nacht vor den angespannt fröhlichen Surfern, machten einen Abstecher zum Affenfelsen, wo es nichts Interessantes zu sehen gab, fanden beide Marbella auch nicht besonders einladend und landeten schließlich irgendwo zwischen Almeria und Alicante an der Mündung des Almanzora in einem Ort namens Villaricos.
Es gab einen nicht ganz offiziellen Platz im Wald, einen kleinen Markt und einen noch kleineren Hafen mit einem winzigen Restaurant. Insgesamt eine mediterrane Idylle wie aus einem Reiseführer der fünfziger Jahre. Weiter südlich ging die Idylle dann in einen kurzen, aber heftig mit Hotelburgen beschatteten Strand über, nördlich war der Strand grau, leer und mit einer Bude bestückt, deren Besitzer sich gleich am ersten Abend als Paco vorstellte, wobei ich mir nicht sicher war, ob er diesen Namen nicht bloß angenommen hatte, um die Klischees deutscher und österreichischer Touristen zu bedienen. Ansonsten war Paco nicht besonders kommunikativ. Er fragte nie, was man zu bestellten gedachte, sondern hob nur das Kinn.
Am zweiten Abend waren Maya und ich die letzten Gäste, der Sonnenuntergang hatte die Vorstellung beendet und das Publikum sich verabschiedet. Ich saß auf einem Barhocker, Maya lag schlafend mir zu Füßen, und sinnierte. Paco stellte ungefragt ein hohes Glas vor mich hin und sagte: Toma! Spanier können ja nicht wirklich höflich sein, und so klang auch dies wie ein Befehl. Ich nahm einen Schluck. Das war gut, irgendetwas mit Orangen, Zitronen, vielleicht Kräutern und Wein. Kühl und lecker. Ich lächelte ihm zu. Paco grinste. Spanish dog, ey? Ja, sagte ich, und er stieg auf Deutsch um. Willst du jagen? Damals kannte ich die Historie der spanischen Hundehalterei noch nicht und war verblüfft: Nein, wieso? Galgo ist guter Jagdhund, beste von der Welt. Er kam hinter dem Tresen hervor und sah sich Maya aus der Nähe an. Ist schnell, ey? Auch das konnte ich noch nicht aus Erfahrung beantworten. Nimmst du mit nach Deutschland? Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. Lass einfach laufen, sagte Paco und machte eine abfällige Handbewegung.
Auch am nächsten Abend blieb ich länger als alle anderen. Paco stellte mir ein kaltes San Miguel hin und machte sich hinter der Bude zu schaffen. Bald roch ich Feuer und dann den Duft von frisch gegrilltem Fisch. Er brachte mir einen Teller, über dessen Ränder Kopf und Schwanz einer Dorade hinaus lappten. Paco lachte. Guter Fisch, nicht zum Verkauf! Wenn ich dann aufbrach, legte Paco einen Zettel hin, und ich zahlte einfach den Betrag, den er herausgefunden hatte. Jeden Abend wurde sein Deutsch ein bisschen besser, es kam mir vor, als würde er verschüttete Kenntnisse ausgraben und hätte Spaß daran, sie anzuwenden. Vielleicht war es der Hund, der ihn so erfreute, dass er mich nicht bloß als Touristen sah, vielleicht war es die Tatsache, dass ich nicht dauernd lustig war und mich von den Trinkspielen der krebsroten Nordeuropäer fernhielt.
Am vierten oder fünften Tag schlug ich unser bescheidenes Lager, eine Badematte, ein Sonnenschirm und ein Trinknapf für Maya, gleich in der Nähe der Strandbude auf. In der größten Mittagshitze schlief ich im Schatten ein, und als ich erwachte war Maya nicht da. Paco aber auch nicht. Er hatte die hölzerne Markise vor den Tresen geklappt, die Bude war zu. Ich dachte mir nichts dabei und ging erst einmal schwimmen. An jenem Tag war kaum ein Mensch am gut fünf Kilometer langen Strand, aus den Bergen blies ein heißer Wind, und das Meer war aufgewühlt, Gewitter lagen in der Luft. Als es dämmerte und Maya immer noch nicht da war, machte ich mir Sorgen. Der Wind hatte nachgelassen, war dann ganz abgeflaut. Jetzt stand die schwüle Luft, das Mittelmeer lag im Sonnenuntergang wie eine Metallscheibe. Ich packte zusammen und wollte gerade gehen, da hörte ich Paco rufen: Hey, warte! Er kam angelaufen, ein dickes Bündel in der rechten Hand, Maya folgte ihm freudestrahlend, tänzelte sehr elegant. Hey, guter Hund! rief er, und ich erkannte, dass er einen toten Hasen durch die Luft schwenkte.
Du kannst doch nicht einfach meinen Hund klauen! rief ich. Nicht geklaut, geliehen, lachte er. Maya kam zu mir und streckte mir den Kopf zum Kraulen hin. Feiner Hund, musste ich sagen, feiner Hund. Habe ich erwähnt, dass Maya blond ist? Anders ließe sich die Farbe ihres Fells nicht bezeichnen. Am Kopf war sie hellblond und am Rücken mittelblond. Sehr kurzes Fell hatte Maya, und war am Bauch fast nackt, vermutlich aus strömungstechnischen Gründen. Noch hatte ich sie nicht rennen gesehen, aber ich konnte mir einigermaßen vorstellen, welche Geschwindigkeit sie erreichen würde. Und, fragte ich Paco versöhnlich, wie war’s? Waren wir oben am Berg, wo es flach ist, viele Steine, viele Hasen. Ich hab mich im Busch versteckt und Maya los gemacht. Hat sie Hasen gerochen, ist los gerannt, Hase kommt auf mich zu, ich spring raus, Hase macht zack-zack. Hat sie ihn am Hals. Festgehalten und gerüttelt. Hab ich den Hasen genommen und mit Gewehr auf den Kopf geschlagen. Hase tot. Na ja, gab ich zu bedenken, das hat aber bestimmt nicht beim ersten Versuch geklappt mit dem Hasenfangen… Nein, Paco lachte, haben wir zwei Stunden gewartet.
Wir waren im Gespräch um die Bude herum gegangen, wo Paco jetzt den Grill anzündete und mir bedeutet, ich solle für Glut sorgen. Währenddessen zog er dem Hasen das Fell ab und nahm ihn aus. Maya bekam die Leber und das Herz. Sie schmatzte und sah dabei aus wie ein Vertragskiller, der seinen gerechten Lohn bekommen hat. Paco teilte das Tier und legte die Stücke auf den Grill. Es muss ein junger Hase gewesen sein, denn das Fleisch war zart und saftig. Maya bettelte, wir gaben ihr aber nur die Brotkanten, die mochte sie gerne. Nachdem wir das Tier fast komplett verspeist und dazu drei Flaschen Wein getrunken hatten, meinte Paco: Lässt du Maya hier? Ich war verblüfft, obwohl… Ob ich Maya mit nach Deutschland nehmen würde, darüber hatte ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Ja, ich betrachtete sie schon als meine Hündin, aber doch eher als Urlaubsbekanntschaft. Über die kommenden zwei Wochen dachte ich ohnehin nicht hinaus, schon gar nicht mit der Vorstellung, ich könnte zum Hundehalter geworden sein. Ich hatte natürlich auch überhaupt keine Vorstellung vom Leben eines Hundebesitzers, vermutete aber, dass einige Gewohnheiten mit einem Tier an der Seite nicht mehr zu leben wären. Trotzdem antwortete ich: Warum sollte ich Maya hier lassen? Natürlich nehme ich meinen Hund mit nach Hause. Paco hob beschwichtigend die Hände: War nur eine Idee. Ist ein guter Hund. Der gute Hund lag im Sand und schlief. Im Traum zuckten Mayas Pfoten, wahrscheinlich jagte sie ganze Horden gewaltiger Hasen.
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Dieser Hund benötigt viel Auslauf. Der Husky ist schwierig zu erziehen. Das Aufs-Wort-Hören ist ihm nicht so einfach beizubringen, wie anderen Hunderassen. Das Ableinen ist in dicht besiedelten Gebieten nicht zu empfehlen. Wer seinem Husky etwas beibringen will braucht viel Energie, Geduld und Einfühlungsvermögen. Nur mit Liebe, Hundeverstand und viel Lob erreicht man bei ihm was man sich wünscht. Er ist ein sehr geselliger Hund mit einem fantastischen, ruhigen Wesen der sich mit anderen Hunden gut verträgt, wenn er von klein auf die Möglichkeit hat Kontakt mit anderen Artgenossen aufzunehmen. Als Wachhund ist er ungeeignet. Er bellt im Normalfall kaum und empfängt fremde Menschen freundlich in seinem Revier. Während man die Modehunde, (häufig auch Show-Dogs genannt) beinahe als alltagstauglich bezeichnen kann, sind die Rennhunde zum Teil sensible, hyperaktive Athleten, die nur Rennen im Kopf haben und die Nachbarschaft zusammenschreien, wenn etwas darauf hindeutet, dass Training oder Fütterung bevorstehen.
Wir blieben noch ein paar Tage. Dann hatte ich genug vom ewigen malerischen Sonnenuntergang. Ich hatte auch keine Lust, jeden Tag bei Paco vorbeischauen zu müssen, damit der nicht beleidigt war. Als wir zwei Tage weg geblieben und am dritten Tag wieder den gewohnten Strand angesteuert hatten, würdigte er uns zunächst keines Blickes. Selbst Maya, die sofort zur Bude lief, ignorierte er. Dann holte ich mir ein Bier. Wo wart ihr? fragte er vorwurfsvoll. Ach, antwortet ich, wollte mal den anderen Strand ausprobieren. Warum? Ist doch perfekt hier. Oder schmeckt dir mein Bier nicht mehr? Er war anscheinend sauer. Doch, doch, gab ich zu, aber mir war nach Abwechslung. Du spinnst, meinte Paco, hast du eine gute Frau, gehst du dann auch zu einer anderen wegen Abwechslung? Na ja, dachte ich, könnte passieren, schüttelte aber den Kopf. Siehst du, warf er triumphierend ein.
Jedenfalls verabschiedeten wir uns an diesem Abend. Paco sah ein bisschen traurig aus und streichelte Maya sehr lange. Ey, Maya guapa, peceña perra, flüsterte er ihr ins Ohr und kraulte ihren Nacken. Mir gab er später die Hand und sagte: Komm mal wieder, okay? Ich versprach es.
Es war gut wieder auf der Straße zu sein. Maya schien weniger begeistert zu sein und mied mich so gut es ging. Manchmal schaute sie mich dermaßen leidend an aus ihren Bernsteinaugen, dass ich sofort überlegte, was ich ihr Gutes tun könnte. Dann hielt ich in irgendeinem Dorf an und kaufte etwas Besonderes zum Essen. Maya war ganz vernarrt in Kartoffel-Tortilla; dürr wie sie war konnte sie so ein ganzes Omelett in weniger als zwanzig Sekunden verputzen. Überhaupt: Maya kam mir gar nicht vor wie ein Fleischfresser, mit Nudeln, Kartoffeln oder Brot konnte man sie mehr locken als mit Wurst oder einem Stück vom Solemillo, nur bei dem guten luftgetrockneten Schinken ihrer Heimat machte sie eine Ausnahme.
[...] auch viel netter. “Und ich war eben so allein…” Während ich nunmehr versuchte, trotz des fein moussierenden Champagners, welcher mich etwas ablenkte, Feinspitz der ich war, eine [...]