Schlafende Hunde (3)

vaters_labrador.jpgMan darf nicht vergessen, das nicht ich etwas von den Frauen in meinem leicht überdimensionierten Wasserbett wollte, sondern die etwas von mir. Deshalb hatte ich das alte Klo neben der Eingangstür zum Damen-WC mit Dusche umgebaut und mir Karls Zimmer als Refugium für Nächte hergerichtet, die ich nach dem Geschlechtsverkehr mit der jeweiligen Dame nicht mit derselben in einem Bett zu verbringen wünschte. In der Küche hing dauerhaft ein Zettel, der darum bat, das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen, mich nicht zu wecken, da ich ausschlafen wolle und deshalb die Wohnung möglichst leise zu verlassen. Rund drei Viertel der Besucherinnen hielten sich auch daran, bei den Restlichen kam es vor, dass ich sie mehr oder weniger rüde hinauswarf, und einige wenige waren so still und friedlich beim Frühstück, dass ich sie einfach ertrug. Mit kaum einer der so die Karriere anstrebenden Frauen schlief ich mehr als einmal und erwarb mir auf diese Weise in kaum zweieinhalb Jahren sehr grundlegende Kenntnisse über die weibliche Anatomie und Verhaltensweise.

Dann durfte ich mit ausdrücklicher Erlaubnis des großen Vorgesetzten die Drehbücher der Texter nach Gutdünken verändern, anschließend schrieb ich die ersten Treatments selbst, und schließlich führte ich erstmals Regie bei einem Fernseh-Spot für Teebeutel. Hab ich erzählt, dass mir jeglicher beruflicher Ehrgeiz abgeht? Nein? Das war schon immer so. In der Schule war ich ein unauffälliger, mittelmäßiger Schüler, der sich dreizehn Jahre lang durchmogelte, ohne je nicht versetzt oder für irgendetwas bestraft zu werden. Auf der Uni war ich ein unauffälliger, mittelmäßiger Student der Germanistik und Anglistik, der in fünf Jahren keine Klausur verhaute oder sich in einer Studentenversammlung blicken ließ. In der Agentur hätte ich als Karrierist gelten müssen, da ich mich doch ausschließlich als Protege des großen Vorgesetzten profiliert hatte. Mein fehlender Ehrgeiz hatte jedoch dazu geführt, dass mich alle Kollegen irgendwie mochten, dass sie mich für harmlos hielten und sich mir deshalb gerne anvertrauten. Beim Teebeutel-Spot wandte ich allerdings eine doch recht hinterlistige Taktik an. Aus zahllosen Auseinandersetzungen mit dem Kunden, die ich auf Anweisung und im Namen des FFF-Leiters geführt hatte, wusste ich, dass der Marketing-Leiter des Hauses, ein in Ehren ergrauter Grandseigneur, der Herrn Ogilvy noch persönlich kennen gelernt hatte, wie zu betonen er nie müde wurde, ein großer Verfechter des Packshots war. Wie, so seine These, soll der Kunde unsere Teebeutel kaufen, wenn er nicht einmal die Packung erkennt? Deshalb war seine Vorgabe in allen Lebenslagen, man solle möglichst oft die Verpackung zeigen. Mein Chef hatte mich stundenlang mit diesem netten älteren Herren streiten und etliche durchaus beleidigende Briefe verfassen lassen und am Ende immer genau das gedreht, was er für richtig hielt. Im extremsten Fall bestand einer seiner TV-Spots aus neunzehn Sekunden Nahaufnahme einer dampfenden Teetasse, unterlegt mit klassischer Musik. In der zwanzigsten Sekunde blendete der Name des Herstellers ein, und ein Sprecher sagte genießerisch: „Tut gut.“ Und nun leistete ich Widerstand. Meinem großen Vorgesetzten legte ich ein Treatment vor, dass noch radikaler war als seine schlimmsten Versuche, dem Kunden dagegen ein Drehbuch, dass nur aus der Beschreibung von Packshots bestand. Gleichzeitig ließ ich den Auftraggeber in der Pause einer Besprechung auf dem Herren-WC wissen, dass ich längst nicht mehr einverstanden wäre mit den Auffassungen meines großen Vorgesetzten, was dieser mit einem befreiten Lächeln, das jedoch auch prostatatische Gründe gehabt haben mag, quittierte. Kurz und gut: Ich drehte den Spot, der großen Vorsitzende drehte bei der Voraufführung durch und feuerte mich, und der Marketing-Leiter des Teeherstellers drehte für mich ein Ding: Er brachte mich als seinen Nachfolger ins Spiel. Und so wurde ich im zarten Alter von zweiunddreißig Jahren der Herr über alle Werbemaßnahmen des weltweit größten Erzeugers von Teeprodukten – ein Job, den man, Anfälle von Ehrgeiz vermeidend, bis ins Rentenalter gut aushalten kann.

Übrigens: Mein Vorgänger, der mir bei seinem Abschiedsfest das Du anbot, und den ich seitdem Wilhelm nennen darf, lebte mit seiner zwanzig Jahre jüngeren Frau, einer wahren Schönheit, die er natürlich beim Dreh eines Webespots für ein Instant-Tee-Getränk, mit dem der britische Markt erobert werden sollte, kennen gelernt hatte, in einer verwunschenen Villa mitten in einem halböffentlichen Park in Flughafennähe. Sie hatten keine Kindern, dafür aber zwei große schwarze Schnauzer und eine peruanische Zugehfrau. Seit zehn Jahren bin ich jeden Montag zum Abendessen zu Gast, kraule kurz die Hunde, gehe mir dann die Hände waschen und flirte auf Teufel-komm-raus mit der Hausherrin, was diese genießt und was ihrem Gatten ein wohlwollendes Lächeln ins Gesicht zaubert als wolle er sagen: Eines Tages wirst du auch in ihrem Bett mein Nachfolger sein.

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Der Schnauzer kommt ursprünglich aus Württemberg und ist alter Herkunft, die auf den mittelalterlichen Biberhund und die einheimi-schen Schäferhunde zurückgeht. Ursprünglich benutzte man den kleinen Schnauzer im süddeutschen Raum als Stallhund, mit Eifer lauerte er Ratten und Mäusen auf, was ihm den Namen “Rattler” einbrachte. Bei der Gründung des “Pinscher-Schnauzer-Klubs” im Jahre 1895 wurde er als rauhaariger Pinscher geführt. Der Riesenschnauzer wird seit 1880 gezüchtet. Der vermutlich älteste Hinweis datiert auf das Jahr 1850: Auf einem Gemälde das die bayrische Prinzessin Elisabeth (Sissi) zeigt, ist auch ein Hund zu sehen, rauhaarig, mit schwarz/rötlichen Fell, der an den heutigen Riesenschnauzer erinnert. Heutzutage wird der Riesenschnauzer hauptsächlich als Familienhund gehalten, wofür er sehr gut geeignet ist. Er ist ein sehr wachsamer Hund, der Fremden gegenüber eher misstrauisch ist. Das meist sehr harte und drahtige Haar muss regelmäßig getrimmt und geschoren werden. Dadurch verliert der Hund aber auch sehr wenige Haare. Es gibt den Riesenschnauzer in den Farbvarianten schwarz und pfeffer-salz.

In dem Sommer als Yvonne, so hieß Wilhelms außergewöhnlich attraktive Gattin, ihren Vierzigsten beging, lud man zu einem großen Fest im Park. Es gab ein Zelt, in dem Tische für gut hundert Gäste aufs Feinste eingedeckt waren. Man hatte einen der örtlichen Zwei-Sterne-Köche verpflichtet und für das Jungvolk eine ganzen Ochsen am Spieß über einem Großfeuer gepfählt. Yvonne hatte darauf bestanden, die Party zielgruppengerecht zu gestalten, sodass sowohl die Silberrücken aus Wirtschaft, Politik und Kultur als auch die jungen Schönen etwas davon hätten. Und so spielte im Zelt ein Streichquartett Klassisches, während im hinteren Teil des Gartens, unweit des vor sich hin garenden Ochsens, eine ziemlich angesagte Cover-Band fast den ganzen Abend über die Hits der Achtziger, der Neunziger und das Beste von heute über die Lautsprechertürme abgab. Da dieser Teil des Festes unbestimmt brasilianisch angelegt war, gab es dort zudem eine Bar mit braunen Mädchen, die sich notdürftig in Gelb und Grün verhüllt hatten, und dafür zuständig waren, riesige Caipirinhas und dünnes lateinamerikanisches Bier unter die sabbernden Jungmänner sowie die eifersüchtigen Jungmädchen zu bringen.


» neue Folge von Rainer Bartel am 04.05.08 um 12:00 » in Kategorien: Allgemein » 638 x gelesen » noch kein Kommentar
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