Wir kamen an den Abzweig der A40, sie sah das Schild, auf dem Bourg-en-Bresse angekündigt war. Sie drehte sich zu mir und fragte: Wo fährst du eigentlich hin? Ich gab wahrheitsgemäß Auskunft und konzentrierte mich auf die Abfahrt. Nimm mich noch ein Stück mit in Richtung Süden, sagte sie. Und ich nahm sie mit. Sylvie schwieg erst, schlief dann ein, während Oscar in der Tasche leise vor sich hin fiepte. In Lyon steuerte ich den Bahnhof an, weckte sie und gab ihr das Geld für den Zug nach Bourg. Zum Abschied küsste sie mich auf den Mund.
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Im Charakter ist der Wolfsspitz ein sehr wesensstarker und instinktsicherer Hund mit starkem Nervenkostüm und ausgeglichenem Wesen. Sein Temperament ist immer genau der Situation angepasst. Im allgemeinen ist der Wolfsspitz leicht erziehbar. Das stolze, selbstbewusste und selbstständige Wesen verträgt aber absolut keinen Drill oder sturen Zwang. Geduld, Einfühlungsvermögen, liebevolle Konsequenz in der Erziehung belohnt der Wolfsspitz aber mit Treue, Schutzbereitschaft und unverbrüchlicher Freundschaft. Erste Versu-che mit Wolfsspitzen als Blindenführhunde sind erfolgreich.
Wer hat eigentlich den Spruch zu verantworten, dass der Hund der beste Freund des Menschen ist? Derjenige muss äußerst geräusch- und geruchsunempfindlich sein. Ich würde jedenfalls einem Kumpel, der permanent Geräusche macht und vor sich hin müffelt, bald die Freundschaft kündigen. Zumal wenn er zudem noch dauernd um meine Aufmerksamkeit buhlt und mich unterwürfig anschaut. Das waren jedenfalls meine Überlegungen als ich einen Campingplatz am Ufer der Loire ansteuerte, immer noch Oscars Fiepen im Ohr und seinen Kötergeruch in der Nase. Man hatte die Schranke geschlossen. Im Container des Platzwartes schien niemand zu sein. Also stieg ich aus. Erst höre ich ein Geräusch, das zum Knurren wurde, dann spürte ich etwas Scharfes an und in meiner rechten Wade. Da hing ein weißer Spitz, der es auf Wadenhackfleisch abgesehen hatte. Es tat sehr weh. Hinter dem Container erschien ein Männlein, das sich in aller Ruhe den Hosenstall zuzog und mich auf Französisch ansprach. Ich vermute, er sagte: Der tut nichts, der will bloß spielen. Zum Glück hatte die Töle mich nur gezwickt, aber in der Nacht juckte die Stelle, an der mich das Vieh erwischt hatte, schon sehr. Aus irgendeinem unfranzösischen Grund hatte ich damit gerechnet, dass der Kretin so zu sagen als Schmerzensgeldersatz den Schlagbaum zum Campinggelände öffnen würde, aber er wiederholte seinen scharfen Spruch und verpisste sich samt bissigem Vieh in seine Baracke. Mir blieb nur der U-Turn und die Suche nach einer Stelle, an der ich in Frieden meine Wunde lecken und schlafen könnte. Und die zog sich über weitere vierzehn Stunden hin.
Natürlich stand auch Kultur auf meiner ganz persönlichen Reiseagenda. Also steuerte ich Orange an, denn dort vermutete ich Kultur zuhauf. Dass es dann aber beinahe gleich eine komplette Oper im Amphitheater geworden wäre, ahnte ich nicht, als ich gegen drei Uhr nachmittags in die Innenstadt kam und meinte, es müsse doch einen Parkplatz für Vasco in Laufweite der örtlichen Kultur geben. Ich setzte drei Mal an, das Mobil einfach so an einem Bordstein abzustellen, aber jedes Mal war eine Staatsmacht mit Papphut da und scheuchte mich unter Ausstoßens offensichtlich derber Worten davon. Orange ist definitiv nicht nett zu Wohnmobilen. Inzwischen dämmerte es und ich kam mir vor wie ein Schwuler beim Cruisen als ich zum x-ten Mal an derselben Ecke vorbeikam und die Bullen immer noch auf Parksünder warteten wie die Schießhunde. Dann erschien ein gelbes Nummernschild mit schwarzen Buchstaben, befestigt an einem Wohnwagen direkt vor mir. Mein Vorurteil sagte mir: Das ist ein holländischer Wohnwagen. Vorn im Auto sitzt ein Holländer. Holländer wissen instinktiv, wo sie ihre rollenden Käsekisten unbehelligt abstellen können. Mein Vorurteil behielt Recht. Ich folgte dem Gespann und landete nach kaum fünf Minuten direkt hinter ihm auf einem brachliegende Gelände, das von einer bröckelnden Mauer begrenzt war. Der Holländer parkte sein Gefährt mit großer Eleganz, stieg aus und kam zum mir rüber. Ich begrüßte ihn in seiner Landessprache, sodass er sofort nachsah, ob ich vielleicht auch ein schwarz-auf-gelbes Nummernschild hätte. Jedenfalls gab er mir zu verstehen, dass ich hier getrost bleiben könne. Also stellte ich Vasco unter den einzigen Baum auf dem Gelände, aktivierte die Alarmanlage und schloss alles ab. Draußen kam wie gerufen ein Taxi vorbei, das mich ungefragt an der Arena absetzte.
Man trug leger-festliche Kleidung, und ich fiel mit meiner Cargo-Hose und dem Guervara-T-Shirt, das auch nicht mehr wirklich taufrisch roch, ein bisschen auf. Es gab Absperrungen wie bei einer Demo, die Menge drängelte ein wenig in Richtung auf ein Gemäuer, das abbruchreif aussah, aber prächtig – in Orange, natürlich – angestrahlt war. Ein paar Plakatständer standen herum und erzählten, das heute La Traviata gegeben würde. Die Namen der Sänger und Sängerinnen sagten mir nichts, und ich fand keinen vernünftigen Grund mich in die Schlangen vor den mobilen Kassenhäuschen, die unmittelbar neben den ebenfalls mobilen Klohäuschen abgestellt waren, einzureihen. Dann aber trat ein Grund in mein Leben. Der Grund war nicht sehr groß, dafür sehr schmal und trug einen langen violetten Rock, der den Staub aufwirbelte. Außerdem sah der Grund sehr traurig aus, man könnte meinen, er habe gerade geweint.
Es ist ja nun überhaupt nicht meine Art, fremde Frauen anzusprechen, schon gar nicht im Ausland und in Augenblicken, in denen ich selbst wahrnehme, dass ich streng rieche. So etwas tue ich aus Prinzip nicht. An diesem lauen Sommerabend in Orange vor dem Amphitheater gab es genug Grund, mit diesem Prinzip zu brechen. Sie stand da, mit dem Rücken zu den Mauern der Arena, während die Menschen an ihr vorbei flossen wie der Bach um den Stein. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt, ihre Hände überkreuz auf den Oberarmen. Sie trug das Kinn leicht angehoben, und die leichte Brise spielte mit ihrem langen Haar. Ich ging zu ihr und sprach sie an: Can I help you? Sie sah mich an oder auch nicht und sagte: Ach, es ist so schrecklich. Ich wiederholte: Kann ich Ihnen helfen? Und sie sagte noch einmal: Es ist furchtbar. Sie ließ die Arme hängen, ich nahm ihre Hand und führte sie weg von der Menschenmenge.
Wir gingen immer weiter und kamen in ein Viertel mit engen Gassen, in denen ein paar alte Leute auf Holzstühlen vor den Türen saßen. An der Ecke leuchtete die blau-weiß gestreifte Markise eines Cafés im ersten Licht der Straßenlaternen. Sie hatte auf dem Weg dorthin ein paar Mal leicht den Kopf geschüttelt und etwas gemurmelt, das sich anhörte wie: Ausgerechnet heute. Ausgerechnet hier. Ich bot ihr einen Stuhl an, und sie setzte sich. Ich wählte den Platz ihr gegenüber. Bestellte Café Creme für beide. Als der Kellner die Schalen vor uns hin gestellt hatte, fragte ich: Was ist ihnen denn widerfahren? Genau mit diesen Worten sprach ich sie an. Später wurde ein Was-ist-dir-denn-heute-widerfahren daraus, der Spruch blieb unser Leitmotiv in den paar Tagen, in denen wir zusammen waren.
Klara nahm einen Schluck und begann mit ihrer Geschichte. Nein, ich werde diese Geschichte hier nicht erzählen, sie ist einfach zu kitschig. Ein Verlobter kommt darin vor, ein Schwerkranker, der unweigerlich im Rollstuhl landen würde, ein Opernliebhaber, ein feiner Mensch – so drückte sie das aus –, der in einem Sanatorium gewesen sei in den vergangenen Monaten. Und dann hätten sie sich in Orange verabredet, sie habe die Karten für die Oper besorgt und ein Hotelzimmer gemietet für ihn und sich. Er habe angerufen und gesagt, er wisse noch nicht, ob er pünktlich sein könne. Und sie habe gesagt, dann treffen wir uns gleich an der Arena. Sie habe gewartet, und er sei nicht gekommen. Dann habe ihr Handy geschellt, er sei dran gewesen und habe ihr eröffnet, dass er nicht kommen würde, er habe in der Klinik eine Frau kennen gelernt und er habe sich unsterblich verliebt, und es täte ihm sehr leid. Gerade habe sie das Telefon weggesteckt, da sei ich erschienen.
Was hätte ich dazu sagen sollen? Ich legte meine Hand auf ihren Arm und versuchte so viel Verständnis wie möglich in meinen Blick zu legen, ohne dass es nach Mitleid aussah. Dann orderte ich zwei Calvados. Sie trank ihren auf einen Schluck und sah mich lange an aus ihren arabischen Augen: Wer bist du? Ich sagte ihr meinen Namen und versuchte, meine Erlebnisse dieses Tages möglichst witzig zu berichten, wollte sie damit zum Lachen bringen. Ich habe Klara nie zum Lachen bringen können, so viel möchte ich vorweg schicken. Klara ist nicht der Typ, den man zum Lachen bringt. Sie hat einen sehr speziellen Humor und lacht über Dinge, über die andere nicht lachen. Und Schadenfreude ist ihr völlig fremd. Wo andere Menschen lachen, wenn sie sehen wie jemand auf einer Bananenschale ausrutscht oder gegen einen Laternenmast läuft, da kann es geschehen, dass Klara weint. Andererseits: Je absurder eine Geschichte, desto heftiger kann Klara lachen. An meiner Geschichte war nichts Absurdes.