Dann erzählte sie davon, dass sie sich nichts aus Opern macht, aber viel aus Theater. Dass sie zwar nie Schauspielerin werden wollte, aber immer nach einem Beruf gesucht habe, der sie in die Nähe der Bühne bringt. Deshalb habe sie nach dem Abitur eine Schneiderlehre absolviert, um vielleicht Kostümbildnerin zu werden, darum habe sie auch noch eine Schreinerlehre angefangen, um zum Bühnenbild zu kommen, habe die aber aus gesundheitlichen Gründen abbrechen müssen. Meine Handgelenke sind zu schwach, sagte sie, und hielt mir ihre Hände mit den Innenseiten nach oben entgegen. Schließlich habe sie einen Aushilfsposten als Souffleuse im Stadttheater ihres Heimatorts bekommen, habe sämtliche Stücke auswendig gelernt, könne zum Beispiel jederzeit Kleists Minna von A bis Z deklamieren oder Zuckmayers General. Sie habe die Klassiker immer bevorzugt, und ihr Held sei immer Friedrich Schiller geblieben, der wilde Mann mit der großen Idee der Freiheit. Sie habe auch immer gerne frei sein wollen, sei aber immer in Abhängigkeiten geraten. Mir war das alles eine Spur zu manieriert, aber Klara war so ehrlich in ihren Worten, so authentisch mit jedem Satz, dass ich einfach nur zuhörte und ihre Stimme aufnahm als liefe im Radio ein Hörspiel.
Aber jetzt, sagte sie plötzlich und stand dabei auf, muss ich schnell in mein Hotel, Schiller wartet. Mit einer Geistesgegenwart, die ich im Umgang mit Frauen normalerweise und bis zu diesem Zeitpunkt nie aufbrachte, sowie einer gewissen Verwirrtheit wegen des erwähnten Namens, erhob ich mich auch und antwortete schlicht: Ich begleite dich. Mir war schon klar, dass sie nicht den Dichter meinte bei ihrem Ausruf, auch schien sie mir nicht den Eindruck zu machen, sich inmitten eines Schubs hochgradiger Psychose zu befinden, aber wer im Gesamtzusammenhang dieser Schiller sein würde, das interessierte mich nun doch.
Klara verlief sich ein paar Mal in den Gassen bis wir auf eine Art Hauptstraße kamen, die in einen Platz mündete, wo sie die Orientierung wieder fand. Unter einer Kastanie blieb sie stehen, schaute mich ernsthaft an, gab mir tatsächlich die Hand und sagte: Danke. Nein, so einfach wollte ich mich nicht abschütteln lassen, ich wusste nicht einmal warum. Nein, die ganze Sache lief aus meiner Sicht nicht darauf hinaus, dass ich mich für die Rettung aus einer Notsituation belohnen lassen wollte. Zumal ich Klara in dieser knappen Stunde nicht wirklich aufregend, interessant oder erotisch fand – eher seltsam. Mit Frauen diesen Typs hatte ich einfach keine Erfahrung. Vielleicht wollte ich nur sichergehen, dass sie gut in ihrem Hotel ankam, vielleicht machte ich mir Sorgen um sie und wollte sie nicht alleine lassen, vielleicht aber hatte sie mich auch einfach nur verzaubert. Also schüttelte ich die angebotene Hand und bewies erneut Schlagfertigkeit: Hey, ich würde aber gerne Schiller kennen lernen, ich komme noch schnell mit.
Das Hotel mit dem kitschigen Namen Au Coucher Du Soleil hatte alles von einem Klischee, es sah aus als habe es sich ein amerikanischer Regisseur ausgedacht und dann von Fachleuten aus Kalifornien entsprechend seinen Vorurteilen bauen lassen. Eine Fassade aus dunklem Holz, wurmstichig und hier und da leicht beschädigt, kleinteilige Fenster aus fleckigem Glas, zwei Blechwerbetafeln aus den Fünfzigern und dazu die üblichen Schilder, die über Mitgliedschaften und Sterne des Etablissements Auskunft gaben. Wie betraten die Rezeption, die den Eindruck, es handele sich um eine Kulisse, vollends bestätigte. Mir war klar, dass jetzt gleich Jean Gabin in seiner Rolle als südfranzösischer Patron erscheinen und uns mürrisch fragen würde, was wir wollten. Aber erst nachdem Klara zaghaft die Schelle auf dem Tresen betätigt hatte, erschien jemand aus den hinteren Räumen: ein Kerl, der eher an den jungen Alain Delon erinnerte als an Gabin. Wenn es jemals jemand geschafft hat, allein durch seine Kleidung und die Art seiner Bewegungen Arroganz auszustrahlen, dann war es der Rezeptionist dieses Hotels in Orange. Seine Gesichtsausdruck blasiert zu nennen, wäre eine krasse Untertreibung – er war einfach ein arrogantes Arschloch. Und das bewies er gleich mit seinem ersten Satz: Madame, ich muss sie bitten, sofort ihr Zimmer zu räumen, sagte er mit erhobener Stimme in ziemlich akzentfreiem Englisch. Klara sah in verständnislos an, und ich fühlte mich aufgefordert, die Verhandlungen zu übernehmen: Zunächst sollten sie einen Gast begrüßen wie man einen Gast begrüßt. Und dann… Weiter kam ich nicht, denn der Typ, der eine dieser weißen Bundfaltenhosen trug, die immer aussehen, als trüge derjenige Windeln darin, dazu ein blauweiß gestreiftes Oberhemd, das bis zum Bauchnabel aufgeknöpft war und den Blick auf einen daumenlangen Kruzifix freigab, der an einer Goldkette inmitten einer üppigen Brustbehaarung baumelte, war um den Tresen herum gekommen, hatte unterwegs einen Schlüssel vom Brett genommen und griff sich Klara am Arm. Schauen sie selbst, was der Hund angerichtet hat, Madame! Schauen sie mal, brüllte er und ignorierte mich. Er zerrte Klara zur Treppe, ich lief hinterdrein, die Stufen hoch, ein paar Meter den Gang entlang bis sie vor einer Tür stehen blieben, er aufschloss und noch einmal schrie: Schauen sie!
Komischerweise lief ich mit fliegenden Fahnen zu diesem penetranten Delon-Verschnitt über als ich einen Blick in Klaras Hotelzimmer warf. Das was vermutlich ein ordentlich gemachtes Bett gewesen war, sah jetzt aus wie eine sehr spezielle Altkleidersammlung auf dem Weg zum Shredder. Der Boden und das Nachtschränkchen waren mit Daunen bedeckt als habe es geschneit, die Vorhänge hingen in Fetzen von der Gardinenstange, die nur noch an einem Haken baumelte. Direkt hinter der Schwelle dampfte ein großer Scheißhaufen, und mitten im Chaos aus zerrissenen Laken und gut durchgekauten Decken schlief ein mittelgroßer Hund, der langsam die Augen öffnete, den Kopf ein wenig hob, sein Frauchen erkannte und noch im Liegen begann, mit seinem Stummelschwanz zu wedeln. So lernte ich Schiller kennen.
5
Der Weimaraner ist bei entsprechender Dressur ein vielseitiger und leichtführiger Jagdhund, der seine ihm gestellten Anforderungen im Feld, Wasser und Wald sowohl vor, als auch nach dem Schuss souverän meistern kann. Trotz dieser Vielseitigkeit verfügt der Weimaraner über rassespezifische Eigenschaften, die von Kennern bzw. Liebhabern der Rasse geschätzt werden, aber Interessenten unbedingt vor einer Kaufabsicht bekannt sein sollten. Zunächst zeichnet den Weimaraner eine manchmal fast aufdringliche Anhänglichkeit gegenüber seinem Führer und den ihm bekannten Personen aus. Hieraus resultiert die außerordentliche Leichtführigkeit der Rasse sowie seine unermüdliche Bringfreude und leichte Abrichtbarkeit insgesamt. Charakteristisch für den Weimaraner ist als Ausfluss der engen Bindung an Personen, Familie und Haus des Besitzers zudem der meist angewölfte Schutztrieb. Gerade diese rassespezifische natürliche Anlage, die den Weimaraner auch für den Schutzdienst geeignet erscheinen lässt, muss aber sowohl bei der Dressur als auch bei der Haltung berücksichtigt werden, wenn es nicht zu ernsten Problemen kommen soll. Schließlich sind es diese geistig-seelischen Eigenschaften des ohnehin nicht extrem frühreifen Weimaraners gepaart mit einer durchweg hohen Intelligenz, auf die ein Führer seine Ausbildung abstimmen muss. Auf stupides Pauken reagiert er daher nicht selten mit Arbeitsverweigerung. Ein Weimaraner will respektiert, konse-quent aber liebevoll behandelt und nicht zum bloßen Befehlsempfänger degradiert werden.
Bis zu diesem Tage hatte ich von meiner Platinum Card nie viel Aufhebens gemacht und sie eigentlich auch nie benutzt. Ich bin in diesem Punkt konservativ und der Ansicht, dass nur Bares Wahres ist. Und wenn überhaupt, dann setze ich diese etwa protzige Kreditkarte nur so ein, dass es möglichst niemand mitbekommt. Angesichts des tobenden Hotelstrietzels, der offensichtlich keine Scheu hatte, eine Frau zu schlagen, zückte ich mein Portemonnaie, grub die Karte aus, hielt sie ihm hin und sagte: Die Rechnung bitte.
Während der Arroganzler gierig nach dem Kärtchen grabschte, war Klara ins Zimmer gestürzt und hatte sich auf den Hund geworfen. Sie streichelte ihn hektisch und redete mit hoher Stimme auf ein, was dieser damit beantwortete, dass er sich langsam erhob, genüsslich streckte und mit seiner Zunge einmal quer durch ihr Gesicht fuhr. Dann sprang er vom Bett und kam stummelwedelnd zur Tür. Er ignorierte den Hotelmanager und beschnüffelte meine Schuhe. Was er roch schien ihm zu gefallen, und er sprang an mir hoch. Nicht dass ich je Angst vor Hunden gehabt hätte, aber mir war immer an einer gewissen hierarchischen Distanz zwischen Mensch und Hund gelegen. Deshalb schubste ich den Köter leicht weg, was er mit halbgarem Zähnefletschen und Knurren quittierte. Klara war im Bad verschwunden und kam nach ein paar Sekunden mit gepacktem Beautycase heraus. Sie griff sich einen Rollkoffer sowie eine Tasche und marschierte mit Gepäck und Hund an mir vorbei.
Der blasierte Hotelheini hatte derweil schon lange Zahlenkolonnen auf einem Zettel addiert als wir die Rezeption erreichten. Ich sah die Summe und überlegte, ob dies das unausgesprochene Angebot darstellen sollte, das Hotel samt kompletten Inventar zu übernehmen. Aber der Kerl meinte es ernst, denn er hatte den Beleg schon durch das Maschinchen gezogen und forderte mich wortlos zur Unterschrift auf. Währenddessen hatte Klara das Untier bereits an die Leine gelegt und war zur Tür hinaus. Rasch kritzelte ich meinen Namen aufs Papier. Misstrauisch verglich der Schönling Karte und Beleg und händigte mir nach einigem Zögern die wertvolle Karte und den Durchschlag aus.
Draußen standen Frau und Hund neben Koffer, Tasche und Beautycase. Sie wirkten beide etwas ratlos. Ich baute mich vor dieser Kleinfamilie auf und fragte: Und jetzt? Klara zuckte natürlich die Schultern, und der Hund ließ sich auf dem Pflaster nieder. Was habt ihr vor? sagte ich, und dabei fiel mir auf, dass ich den Plural anwendete, den Hund so zu sagen und unbewusst als ebenbürtigen Gesprächspartner betrachtete. Klara sah gar nicht sehr schockiert oder traurig aus, eher wie jemand, den ein voraussehbares Schicksal ereilt hat, für das trotzdem keine Planung vorlag. Was habt ihr vor? setzte ich nach, und Klara vollführte erneut eine unbestimmte Geste. Neues Hotel suchen? schlug ich vor, was ein Kopfschütteln beim Frauchen und ein Gähnen beim Hund hervorrief. Abreisen? gab ich zu bedenken und kam mir dabei vor wie ein Interviewer, der versucht durch kurze Fragen aufschlussreiche Antworten zu provozieren. Mir schwante, dass weder Klara noch Schiller den Schimmer einer Ahnung hatten, welche Folgerungen sie aus ihrem Doppeldesaster ziehen sollten. Also übernahm ich die Regie.