Mediendebatte: Pro und Contra Bürgerjournalisten

Jeder ist Journalist

newsroomAuf Spiegel Online (kurz: SpON) geschah heute Vormittag Merkwürdiges: Ein Beitrag über die Thesen des Guardian-Chefredakteurs Alan Rusbridger war für etwa eine Stunde sichtbar. Dann verschwand er in den Tiefen des Netzes; weder die Suche auf SpON, noch Google-News fanden den Artikel wieder. Vielleicht war es den Verantwortlichen einfach nur peinlich, dass SpON jetzt ein Thema diskutiert, dass außerhalb der Journaille schon seit Längerem diskutiert wird. Das passt zum rasanten Abstieg von SpON als ernstzunehmendem Online-Medium. Denn wer im Mai 2009 noch eine Serie zum Poker-Hype startet, hat in den letzten Jahre alle Schüsse nicht gehört.

Die aktuelle Debatte zum Journalismus kreist um die Frage, was Journalisten besser können als Nicht-Journalisten. Wenn Journalisten in ihren Medien dazu schreiben, spürt man die Existenzangst zwischen den Zeilen, die gern voller Häme gegen Blogger, Leserreporter und Amateurjournalisten sind. Natürlich haben die Schreibfinken der Nation die Hose voll, denn ihnen geht es von mehreren Seiten an den Kragen. Die überzogenen Renditevorstellungen der Verlagsinhaber und -investoren haben eine drastische Rationalisierung nach sich gezogen und dafür gesorgt, dass Tausende festangestellter Journalisten schon heute ihr Brot anderweitig verdienen müssen. Die Ausdünnung der Redaktionen hat den Druck erhöht und sich negativ auf die Qualität ausgewirkt. Manches Blatt besteht heute im Wesentlichen aus abgetippten Agenturmeldungen und kaum bearbeiteten PR-Texten. Aber nicht nur der Druck ist größer geworden, auch die Abhängigkeiten. Meinung äußern viele Schreiber nur nach doppelter und dreifacher Absicherung, und die Anzeigenabteilungen regieren vielfach in den Inhalt hinein.

Die Verlagsverantwortlichen suchen die Schuld woandern, nämlich beim Internet. Sie könnte, sagen sie, ja kein Geld verdienen, wenn Informationen und Meinungen im Netz für jedermann kostenlos verfügbar sind. Am liebsten hätten sie deshalb eine staatliche Regulierung des Internets; vielleicht sind die Aktionen der Zensursula ja auch Vorboten derartiger Bestrebungen. Nur eins tun weder Verleger, noch Journalisten: Ihre Rolle in einer veränderten Medienwelt in Frage stellen. Immer noch spukt die These vom Journalisten als “Gatekeeper” durch deren Hirne. Danach sind Journalisten die Instanz, die anschwellende Informationsmengen für die Lesermasse filtert und durch Meinungen Wegweiser setzt. Sie fühlen sich als Experten, ohne die Otto Normalleser im Information Overflow hilflos untergehen würde.

Publizieren
Das hat mit der Geschichte des Journalismusses recht wenig zu tun. Die Zeitung war in ihren Anfangstagen das Medium zur Verbreitung von Wirtschaftsnachrichten. Mehr nicht. Politische Inhalte auf bedrucktem Papier sind eine Errungenschaft der bürgerlichen Revolution. Und das Geschäftsmodell der Printmedien, die Kosten für Redaktion und Produktion durch Annoncen zu finanzieren, ist kaum 100 Jahre alt. Recht eigentlich ist das Zeitungsmachen Kapitalismus in Reinkultur, denn die Macht der Verleger basierte bis vor Kurzem darauf, dass sie die Produktionsmitteln besaßen, die zum Drucken und Verteilen nötig sind. Publizieren mit Breitenwirkung konnte bis zur Erfindung des Matritzendrucks nur, wer Maschinen besaß.

Der Journalismus ist im deutschen Demokratieverständnis als vierte Macht verankert. Da wir aber immer noch in einer Parteiendemokratie leben, ist die Medienlandschaft nach dem Proporz aufgeteilt – heute nicht mehr so stark wie noch in den sechziger und siebziger Jahren. Durch die Vormacht der so genannten “Volksparteien” konnte damals von einer unabhängigen Presse nicht die Rede sein. Die Öffentlichkeit wurde nach Kräften im Sinne der großen Parteien manipuliert. Dabei fielen kritische Positionen und Meinungen, die in CDUCSUSPD keinen Platz fanden, aus der öffentlichen Wahrnehmung heraus.
Spätestens mit der Gründung der Grünen wurde die Forderung nach “Gegenöffentlichkeit” zu einem wesentlichen Anliegen aller Strömungen außerhalb der etablierten Parteien. Der Verfasser dieses Beitrags hat Ende der siebziger Jahre aktiv an verschiedenen Projekten mitgearbeitet, die eine Gegenöffentlichkeit schaffen sollten. Das begann um 1978 herum mit einem Projekt namens “Offzet” (Akronym für “Offene Zeitung” und Assoziation an den “Offset”-Druck). Die Beiträge wurden von einem Freundeskreis geschrieben, auf Matritzen übertragen und im Offset-Verfahren gedruckt. Abonnenten mussten zumindest das Porto für den Versand tragen, konnten aber auch Spenden. Zu den Unterstützer dieses Zeitung, die drei Ausgaben erlebte, zählte unter anderem Joseph Beuys.
Nach der Gründung der Grünen in Düsseldorf wurde sofort eine eigene Zeitung konzipiert. Der “Grüne Morgen” – eine satirische Anspielung auf die Zeitung der Kommunisten… – übernahm innerhalb weniger Monate die Rolle einer alternativen Zeitung für die Stadt. Das technische Niveau war höher: Die Texte wurden mit einem Fotosatzgerät erfasst, das Layout von Grafik-Designer gestaltete und das Ergebnis bei einem Drucker im Bogen-Offset produziert. Das Blatt erreichte um 1981 herum Auflagen von bis zu 10.000 Exemplaren.
Schließlich entstand als erfolgreichstes Projekt unter dem Etikette “Gegenöffentlichkeit” die taz. Auch dort waren die ersten Redakteure nur zu einem kleinen Teil ausgebildete Journalisten. Legendär sind die Bemerkungen der Setzer (“Säzzer”), die ihre Kommentare einfach in die angelieferten Texte schrieben. Dies als Symbol der demokratischen Mitbestimmung aller am Produktionsprozess beteiligten Menschen.

Die Geschichte der taz zeigt aber auch, dass eine Massenwirkung nur auf der Basis einer soliden Finanzierung durchgesetzt werden kann. Da die taz kaum Anzeigenerlöse hatte, mussten die Abonennten und Unterstützer die Existenz der Zeitung oft durch Spenden sichern. Es wurde deutlich, dass der wirtschaftliche Aufwand für die Produktion und Distribution eines Printmediums so groß ist, dass er außerhalb der kapitalistischen Wirtschaft nicht zu realisieren ist.

Da war der Bürgerfunk tendenziell erfolgreicher. Aber auch nur, nachdem die Anstalten sich gezwungener Maßen den funkenden Bürgern öffneten. Zwar gab es im Berlin der frühen siebziger Jahre Experimente mit Piratensendern, und die illegalen Musiksender in der Nordsee (Radio Carolina, Radio Veronica) sind Legende. Tatsächlich ist das Betreiben eines weder öffentlich alimentierten, noch privat finanzierten TV- oder Radiosenders nicht vorstellbar.

Bürger als Journalist
Jeder ist Journalist, denn jeder darf sich Journalist nennen. Diese Berufsbezeichnung ist rechtlich nicht geschützt. Um in den Deutschen Journalistenverband (DJV) aufgenommen zu werden, reicht es, drei Honorarabrechungen aus einem Jahr vorzulegen. Wer also dreimal je dreißig Zeilen in einem Anzeigenblättchen veröffentlicht hat und dafür mit beispielsweise je 30 Euro entlohnt wurde, ist sogar offiziell ein Journalist. Natürlich fühlen sich die “richtigen” Journalisten dadurch bedroht und reagieren wie jede bedrohte Berufsgruppe: Sie versuchen ihr traditionelles Tun zu überhöhen.
Dabei kann jeder halbwegs gebildete, der deutschen Sprache mächtige Mensch genau das tun, was Journalisten tun: Recherchieren und Publizieren. Und das seit etwa zehn Jahren ohne jeden fremdbestimmten Apparat im Internet. Das Web ist geradezu eine Journalismusmaschine, denn es bietet für beide wesentlichen Tätigkeiten eines Journalisten alles, was es braucht. Deshalb müssen Journalisten heute mit sich überschlagender Stimme darauf pochen, dass nur Journalisten können, was Journalisten können – nämlich den Qualitätsjournalismus. Je mehr sie aber polemisieren, desto offenkundiger wird der Mangel an Qualität. Schlampige Recherchen, erfundene Sensationstories und PR-Artikel bestimmen die Printmedien. Das kann der Bürger als Journalist genauso schlecht – ausgenommen das mit der PR. Der Bürger als Journalist ist tendenziell unabhängiger als der Journalist.

Und das macht der Berufsgruppe schwer zu schaffen. Blogger werden als meinungsabsondernde Idioten diffamiert, als selbstreferenzielle Katztenhalter verniedlicht oder gleich als Gefahr für die objektive Weltdarstellung angeprangert. Ironie der Sache ist, dass unter den fleißigsten und standhaftesten Bloggern nicht weniger selbst Journalisten sind.

If you can’t beat’em, eat’em
Nun wird von Avantgardisten wie dem bloggenden Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer die englische Zeitung “The Guardian” zum Vorbild für alle zukünftigen Zeitungen hochstilisiert und deren Chefredakteur Alan Rusbridger zum Evangelisten erklärt. Der hat nämlich wiederholt die These aufgestellt und zum Teil in die Praxis umgesetzt, dass die Leser verschiedene wertvolle Rollen übernehmen können: als Korrespondenten und als Kommentatoren.
Das hört sich für Blogger und publizierende Bürger gut an, kann aber auch als der Versuch gewertet werden, die aktiven Bürgerjournalisten von ihren unabhängigen Plattformen in die regulierte Welt der Verlage zu locken. Zumal es sich der Guardian leisten kann. Das Blatt erwirtschaftet fortgesetzt Verluste, ist aber im Besitz einer Stiftung, die das verschmerzen kann.

Dass sich unabhängige Menschen mit dem Willen und den Möglichkeiten, Informationen zu finden und zu bewerten, um so an der öffentlichen Meinung mitzuarbeiten, mit der Vereinnahmung fast zwangsläufig korrumpieren lassen, sollte klar sein. Wer den so genannten “Bürgerjournalismus” ernst nimmt und immer noch nach Gegenöffentlichkeit strebt, ist besser beraten, an einer stärkeren Vernetzung der unabhängigen Journalismusangebote zu arbeiten, damit immer mehr Bürger immer öfter Informationen und Meinungen aus unabhängigen Quellen beziehen können. Ob damit der Beruf des Journalisten am Ende ist, muss bezweifelt werden, denn Menschen mit entsprechender Ausbildung und/oder Erfahrung können eine höhere Qualität erzeugen als Personen, denen die Grundlagen und die Erfahrung fehlen. Deshalb werden Journalisten in ihrer Eigenschaft als Bürgerjournalisten gebraucht – und zwar außerhalb der traditionellen Medien.

» Standpunkt von Rainer Bartel am 16.05.09 um 12:59 » in Kategorien: Kultuur & Popp, Wirtschaften » 575x gelesen » 6 x kommentiert
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  1. Wenn es um den Artikel

    “Die Bürger-Kings”
    Von Markus Brauck und Martin U. Müller
    “Leser in der Rolle von Reportern müssen sich nicht mehr damit begnügen, in privaten Blogs ihre Meinungen kundzutun. Mittlerweile buhlen auch etablierte Zeitungen und TV-Sendungen um die Mitarbeit der Amateure. Eine Gefahr für den professionellen Journalismus?”

    geht, bei Bedarf bitte melden, dann schicke ich ihn zu.
    Archivierung wins!

    Kommentar von OecherJupp am 16.05.09 um 16:22
  2. Jeder kann (und sollte) seine Meinung kundtun, aber nicht jeder ist Journalist. Zwar ist die Berufsbezeichnung (ebenso wie “PR-Berater” und keineswegs wie “Bäcker”) nicht geschützt – was ich durchaus gut finde, aber nicht jeder beherrscht das journalistische Handwerk. Ein guter Journalist recherchiert umfassend und kann geschliffen formulieren. Ich finde Leserbriefe, Blogs etc. gut und wertvoll, aber dies ersetzt nicht den Journalismus, sondern ergänzt ihn im Idealfall. Leider gibt es nicht wenige Journalisten, die sich selbst massiv überschätzen und kaum Talent besitzen, doch dennoch ist der Berufsstand des Journalisten ebenso wichtig wie der des Polizisten oder des Künstlers. Unsere Plitiker brauchen Kontrolle und Hinterfragung – ebenso wie die Wirtschaft. Klar, ein Bauer, Metzger oder vielleicht auch ein Friseur ist für das Alltagsleben elementarer, dennoch ist der Journalist keineswegs überflüssig. Im Wandel ist dieser Berufsstand zunehmend durch das Internet und durch die Mehrzahl der Verlage, die die Entwicklung des Internet teilweise völlig falsch eingeschätzt haben. Die Folge sind hochwertige Internetinhalte, die vielfach jedoch nicht profitabel sind. Während “Otto Normalverbraucher” sich längst daran gewöhnt hat, dass im Internet alles kostenlos zu haben ist (wofür braucht man also noch ein Zeitungsabo?), wird Geld nach wie vor hauptsächlich mit gedruckten Zeitschriften oder TV-Inhalten verdient. Jedermann mag ein Stück weit Journalist (oder Künstler – siehe Beuys – oder Metzger) sein, überflüssig ist der Journalist dennoch nicht. Bleibt zu hoffen, dass diesen Sachverhalt die Verlage und die Bürger rechtzeitig begreifen. Sonst stirbt der Journalist ebenso, wie der (noch überflüssigere) PR-Berater – der im Auftrag der Industrie die Meinung des Journalisten manipuliert.

    Das “journalistische Handwerk” ist ein Mythos, der von Journalisten ungefähr so beschworen wird die die Geheimnisse des Goldmachens von den Alchemisten. Glauben Sie einem journalistischen Autodidakten, der seit Jahrezehnten auf der Suche nach dem heiligen Gral des Journalismusses jagt: Der Hund kann gar nicht sprechen, und der König ist nackt.

    Jeder Mensch mit ausreichender Bildung ist dank des Internets in der Lage, umfassend zu recherchieren. Und ob geschliffenes Formulieren in irgendeiner Weise der meinungsbildenden Rolle der Medien zugute kommt, darf bezweifelt werden. Ich beobachte geradezu einen “Quality-Shift” weg vom Journalismus hin zu Inhalten von interessierten und meinungsfreudigen Bürgern.

    Zuletzt: Dass hierzulande die Presse als vierte Gewalt gesehen wird, hat auch mit dem bei Politikern tief verankerten Glauben zu tun, der Bürger wäre zu blöd, sich selbst eine fundierte Meinung zu bilden – oder aber auch mit der Angst vor der dezentralen Demokratie, die weder Wahlpolitiker, noch meinungsmachende Journalisten braucht.

    Antwort von Rainer Bartel am 17.05.09 um 12:48
    Kommentar von tomate am 17.05.09 um 04:16
  3. [...] Journalisten gegen Blogger und bezeichnen sie – wenn überhaupt – oftmals abwertend als “Leserreporter” und “Bürgerjournalisten“? Sicher nicht, weil die Qualifikation fürs [...]

  4. [...] Mediendebatte: Pro und Contra Bürgerjournalisten – Jeder ist Journalist: Die aktuelle Debatte zum Journalismus kreist um die Frage, was Journalisten besser können als Nicht-Journalisten. Wenn Journalisten in ihren Medien dazu schreiben, spürt man die Existenzangst zwischen den Zeilen, die gern voller Häme gegen Blogger, Leserreporter und Amateurjournalisten sind. Natürlich haben die Schreibfinken der Nation die Hose voll, denn ihnen geht es von mehreren Seiten an den Kragen. [...]

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