Philippe Djian: 100 zu 1

Folge 12 von 49 in Erlesenes

djian_100.jpgKein Problem zuzugeben, dass Djian eines meiner Idole ist. Nicht nur wegen Betty Blue. Der Mann hat Stil und zieht den durch. Seine Romane sind urbane, claustrophobe und chancenlose Universen, in den Menschen ein paar glückliche Momente mit Demütigungen und Tragödien bezahlen. Insofern ist Djian genauso ein Sisyphusist wie ich. Die Erkenntnis, dass man den Stein immer wieder den Berg hoch rollen muss, ist ein prima Motivation weiterzuleben. Natürlich pflegt Djian seinen persönlichen Mythos; in Betty Blue legt er ihn dem Roman zugrunde. Ein hoffnungsschwacher, orientierungsloser Typ schreibt vor sich hin, und keiner will’s lesen. Dazu die Legende, dass sein Frühwerk des Nachts im Mauthäuschen einer französischen Autobahn entstanden ist. Mag ja sogar so gewesen sein, aber es würde seine Romane und Stories nicht schlechter machen, wenn sie in einem sonnigen Café an der Cote d’Azur entstanden wären. Man kann und darf sich ja als Schriftsteller auch mal was ausdenken, und die Wahrheit ist ohnehin eine Erfindung des Lügners.

Nun liegt seit einiger Zeit eine Sammlung Geschichten unter dem Titel 100 zu 1 vor. Der Klappentext behauptet, es handele sich um Stories, die der junge Djian in der Nachtschicht verfasst habe. Ehrlich gesagt, ich glaube das nicht. Auch ohne große Stilanalyse würde ich meinen Arsch darauf verwetten, dass der alternde Djian mit seinen manisch-depressiven Schüben sich gesagt hat, auch wenn die Potenz nachlässt, ich schreib immer noch wie die gesenkte Sau. Aber für den Verzehr der zwölf Geschichten ist es unerheblich, ob sie tatsächlich vor den Romanen entstanden sind. Da ist alles drin, was Djian ausmacht. Die Helden wissen nicht vor und zurück, nehmen sich aber die Freiheit. Männer haben kein Glück mit Frauen, und wer stark ist, verliert nie. Die Figuren sind samt und sonders Gesetzlose, denen die Regel der Gesellschaft am Arsch vorbeigehen. Müssen ja sehen, wo sie bleiben. Und daran zeigt sich auch das Djian’sche Dilemma: Er schreibt meist Drehbücher zu schwarzen US-Filmen, die aber in Frankreich spielen. Da knirscht es schon mal im Getriebe.

All die Effekte, die in seinen Romanen zu beobachten sind, lassen sich in dieser Story-Sammlung schon sehen. Deshalb ist 100 zu 1 für Djian-Neulinge ein guter Einstieg: Wer die übersteht, wird seine Romane mögen. Und dann sollte man mit Erogene Zone fortsetzen, bevor man sich Betty Blue nähert…


» Rezension von Rainer Bartel am 27.04.08 um 13:32 » in Kategorien: Feuilleton » 803 x gelesen » noch kein Kommentar
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