Die Autobahn unter den Schreibschriften? Mitnichten!

Ach, du lieber Sütterlin

suetterlinAuf dem Bild [Klick darauf macht's groß!] findet sich ein Text dargestellt in der berühmt-berüchtigten Sütterlin-Schrift, manchmal auch “Deutsche Schrift” genannt. In der Schule gelernt haben die nur Menschen, die vor 1940 die Volksschule besucht haben, also Leute, die wenigstens 76 Jahre alt sind. Denn die Sütterlin-Schrift ist – im Gegensatz zur weit verbreiteten Ansicht – NICHT die Schreibschrift der Nazis:

Sütterlin wurde zu Beginn der 40er Jahre von den Nationalsozialisten verboten und aus den Schulen verbannt (und nicht etwa von den Besatzungsmächten nach Kriegsende, wie mancher heute glaubt),… [Quelle: fehler-haft.de]

Entwickelt hatte sie der Grafiker Ludwig Sütterlin im Auftrag der preussischen Schulbehörden. Im Jahr 1915 wurde sie als verbindliche Schrift für das Schreibenlernen in den Schulen des deutschen Reiches eingeführt. Tatsächlich hat Sütterlin zwei Schriften entworfen: eine deutsche und eine lateinische; letztere ist weniger bekannt und wurde auch kaum je verwendet. Die neue Ausgangsschrift von 1915 basiert auf der deutschen Kurrentschrift, die zuvor über mehr als 100 Jahre die Schreibschrift der deutschen Sprache war und u.a. von allen großen Schriftstellern und Wissenschaftlern benutzt wurde.
Im Zuge des so genannten “Antiqua-Fraktur-Streits” kam es 1941 zum Normalschrifterlass, dem auch die Sütterlin-Schrift zum Opfer fiel. Adolf Hitler, der sich als Künstler fühlte und meinte, Ahnung von der Schriftkunst zu haben, hatte schon 1934 lauthals behauptet, die angeblich so urdeutschen Frakturschriften seien allesamt Varianten der “Schwabacher Judenlettern”, also undeutsch. Tatsächlich zählten Schwabacher Schriften ab etwa 1470 zu den verbeitetesten Lettern des Guttenberg’schen Druckverfahrens. Wie Hitler darauf kam, diese seien von Juden entworfen, ist unklar. Jedenfalls bestimmte der Normalschrifterlass, dass nur ungebrochene Schriften – also vorwiegend die der Antiqua-Familie – deutsche Schriften und deshalb zwingend zu benutzen seien. Rasch wird eine “deutsche Normalschrift” entwickelt und an den Schulen eingeführt.

Die hat allerdings keine lange Lebensdauer. Mit der Wiederaufnahme des Schulbetriebs im befreiten Deutschland geht dann alles wild durcheinander. Während gerade die Lehrer, die aus dem Exil oder den faschistischen Gefängnissen und Lagern zurückgekehrt, aus Abscheu vor der Nazi-Schrift wieder Sütterlin lehren, verbieten die Amerikaner und Briten diese Schrift in ihren Besatzungszonen, weil sie diese nicht lesen konnten. So wird dann doch bald in allen Besatzungszonen die deutsche Normalschrift gelehrt.
Erst 1953 wurde per Kultusministererlass die so genannte Lateinische Ausgangsschrift per Dekret verbindlich in den Ländern der Bundesrepublik eingeführt. Sie basiert auf der von den Nazis verordneten Normalschrift. In den fünfziger Jahren lernen daher die Kinder das Schreiben mit den Buchstaben dieser Schrift. Die wird im Laufe der sechziger Jahre – interessanterweise sowohl in der BRD, als auch in der DDR – weiterentwickelt. So entsteht im Westen die “vereinfachte Ausgangsschrift” und im Osten die Schulausgangsschrift. Beide bilden bis heute die Basis für jede Handschrift, die nicht mit einzeln stehenden Buchstaben arbeitet. Tatsächlich wurde in vielen Schulen der Bundesrepublik aber bis zum Ende der sechziger Jahre auch noch die Sütterlin-Schrift gelehrt. Und zwar vor allem in Bundesländern, die an den Volksschulen das Fach “Schönschrift” unterrichten ließen.
Heute ist Sütterlin fast verschwunden. Noch in den fünfziger Jahren sah man Ladenschilder in dieser Schrift. Ich selbst habe eine Reihe Briefe, die meine Mutter in den vierziger Jahren in dieser Schrift geschrieben hatte. Sie konnte nicht anders schreiben und deshalb Maschinenschriften oder in Ausgangsschrift geschriebene Texte kaum lesen.

Übrigens: Sowohl die Sütterlin-Schrift, als auch die lateinische Ausgangsschrift gibt es als Fonts für den Computer.


» Hinweis von Rainer Bartel am 20.06.10 um 16:32 » in Kategorien: Deutschland,Feuilleton » 6.032 x gelesen » 3 x kommentiert
»   

  1. Hi Rainer,
    auch ich (Jahrgang 1967) kam im 2. oder 3. Schuljahr noch in den ‘Genuss’ Sütterlin lernen zu müssen. Tatort war meine Grundschule in Kaarst. Immerhin kann ich dadurch aber die alten Feldpostbriefe von meinem Opa an Oma aus WKI lesen.
    Gruß
    Matobo

     
    Kommentar von Matobo am 21.06.10 um 13:14
  2. Lieber Rainer,
    ich befürchte, hier ist ein bißchen was durcheinander gekommen. Bzw. Du bist mißverständlichen Informationen aufgesessen.

    Da es sich hier um mein Fachgebiet handelt, erlaube ich mir eine Korrektur, wenn es recht ist:

    Der Fraktur-/Antiqua-Streit hat zunächst einmal nichts mit dem Fraktur-Verbot (ein Sütterlin-, also ein Schreibschrift-Verbot gab es nie) zu tun.

    Die Diskussion, ob nun die in Deutschland geläufige Fraktur-Schrift durch eine Antiqua-Schrift abgelöst werden soll, ist viel älter als Adolf Hitler. Hier ging es um eine der ersten europäischen Vereinheitlichungen, wenn man es einmal positiv ausdrücken will. Die Deutschen empfanden die Fraktur-Schriften als “normal”. So, wie wir heute die Grotesk, sprich: Arial, als Standardschrift empfinden. Die Grotesk hieß übrigens Grotesk, weil sie den Fraktur-gewohnten Deutschen als grotesk erschien.

    In den 20er und 30er Jahren hatte die Fraktur das Image des reaktionären, die Antiqua galt als etwas modernes, europäisches. Adolf Hitler bevorzugte die Antiqua-Schriften. Sie hatte z.B. auch beim Militär Anhänger. Denn “Wer weitergeht, wird erschossen!” ist in einer Antiqua im Ausland noch zu lesen, in einer Fraktur jedoch nicht. Da liegen dann Dutzende von der Fraktur nicht mächtigen um dieses Schild herum. Deshab wollte auch das Militär die Antiqua.

    —————

    1941 kam es zum Fraktur-Verbot, der ursprünglich vom Herausgeber des Völkischen Beobachters, des Zentralorgans der NSDAP und Martin Bormann, dem Sekretär des Führers, initiiert war. Hier entschied Hitler in einem “Führererlaß”, daß die Fraktur-Schriften “Schwabacher Judenlettern” seien, was faktisch falsch ist, wie Du ganz richtig schreibst und verbot die Anwendung solcher Frakturen für alle behördlichen Schreiben (also auch den Völkischen Beobachter). Ach hier ist keine Rede von der Hand-Schulschrift Sütterlin. Eben, weil es um sie gar nicht ging.

    Kleine Schmonzette am Rande:
    Der Völkische Beobachter verwendete bis zum Verbot der Fraktur-Schriften für die eigenen Überschriften der Zeitung die Bernhard-Fraktur, entworfen im Jahr 1912 von Lucian Bernhard:
    http://www.global-type.org/fileadmin/globaltype/seemann/6565.jpg

    Lucian Bernhard war ein Künstlername. Er war Jude, sein Geburtsname lautete Paul Kahn. Ein begnadeter Graphicker und Werbe-Experte, der schon Anfang der 20er Jahre aus rein beruflichen Gründen in die USA auswanderte.

    Zur Schreibschrift Sütterlin hat sich Adolf Hitler nie geäußert, zumindest nicht in seiner Funktion als “Führer”.

    Falsch ist auch die Aussage, daß Hitler die “Gotischen Schriften” mit einem Verbot belegte. Das Gegenteil ist richtig. Das Verbot bezog sich ausschließlich auf die Untergruppe d der Hauptgruppe X (Gebrochene Schriften):
    http://www.bleisetzer.de/stichwortsuche.php?s=Gruppe%20Xd%20-%20Gebrochene%20Schriften%20-%20Fraktur

    und Xc (Schwabacher), aber nicht auf die Untergruppe a (Gotisch) der Gruppe X:
    http://www.bleisetzer.de/stichwortsuche.php?s=Gruppe%20Xa%20-%20Gebrochene%20Schriften%20-%20Gotisch

    Im Gegenteil: Sogenannte “Neu-Gotische” Schriften wurden aus Zeitgeist-, aber auch rein opportunistischen Gründen in der Zeit von 1933-1944 lebhaft entwickelt. Siehe das dritte Bild der Schrift “National”. Ich fand diese Speichelleckerei in einem Schriftmusterheft aus der damaligen Zeit:
    http://www.bleisetzer.de/cms/front_content.php?idcat=57&idart=543

    Ich hoffe, Du faßt meinen Kommentar nicht als unerwünschte Oberlehrerhaftigkeit auf.

    Mit bestem Gruß
    Preuße

    Rainer Bartel Antwort vom 21.06.10 20:30:

    Ich hatte so’ne Ahnung, dass du zum Thema beitragen würdest ;–))

    Vielen Dank für die Klarstellung! Nein, das war keine Oberlehrerhaftigkeit, sondern fundiertes Fachwissen. Vielleicht solltest du mal jemand anfeuern, der Wikipedia-Autor ist, denn mMn geht es dann auch auf Wikipedia ein bisschen durcheinander zu dem Thema.

     
    Kommentar von Preusse am 21.06.10 um 19:35

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