Kürzlich zeigte irgendein Drittes Programm den Klassiker “Weekend” von Jean-Luc Godard. Ich gestehe, dass ich den Film zuvor noch nie ganz gesehen hatte. Dieses Mal hielt ich durch und ertrug die Verrücktheiten des Regisseurs und den hervorquellenden Zeitgeist. Plötzlich überfielen mich Erinnerungen. Da steigt das Paar in ein schwarzes Kabrio, und der Mann sagt: “Ist bloß ein Facel…” oder so ähnlich. Tatsächlich spielt diese schwarze Facellia eine Hauptrolle. Und dann fiel’s mir ein, dass der Facel Vega HK 500 eine der absoluten Trumpfkarten in meinem ersten Autoquartett war. Das muss um 1962, 63 gewesen sein. Natürlich konnte man mit 8 Zylindern, 5,9 Litern Hubraum, 360 PS und 220 km/h Höchstgeschwindigkeit fast alle anderen Karten stechen und dem Gegner abnehmen. Niemand von uns hat je einen Facel Vega live zu sehen bekommen – er war, ist und bleibt ein Mythos.
Warum sich Godard wohl für einen Facel entschieden hat? Möglicherweise als Anspielung auf den Tod von Albert Camus, der 1960 bei einem Unfall im Facel Vega des Verlegers Gallimard ums Leben kam. Vielleicht war es aber auch bloß Zufall, dass ein Auto dieser Marke verwendet wurde.
Autoquartett
Autoquartett spielt man vorzugsweise zu zweit. Die 32 Karten werden gemischt und gleichmäßig verteilt. Das Ziel ist es, dem Gegner alle Karten abzuluchsen. Dazu muss man eine der technischen Angaben von der Karte ablesen. Hat der Konkurrent einen höheren Wert, muss man die Karte abgeben. Liegt man selbst besser, bekommt man die aktuelle Karte des Gegenübers und darf weitermachen.
Gerade bei den Ausgaben der Autoquartette anfangs der sechziger Jahre war der Bestand äußerst gemischt. Da traf man z.B. auf den VW Käfer oder einen Citroen Ami 6, mit denen man keine Chance hatte gegen einen BMW 502 oder einen Fiat 3200 oder eben gegen den Facel Vega HK 500.
Das Spiel hatte seinen eigenen Slang. So sagte niemand “180 Stundenkilometer”, jeder verwendete die Abkürzung “Stukis” – also, “meiner hat 200 Stukis”. Sieger in dieser Kategorie war übrigens der Jaguar E, der mit 240 Stukis auf der Karte stand. Angefragt wurden die Anzahl der Zylinder, die Leistung in PS und die Höchstgeschwindigkeit.
Andere Autospiele
Ja, die Sechziger waren die goldene Jahre des Autos. Jedenfalls was uns Kinder anging. Jede zweite Debatte drehte sich um das Kfz, das noch lange nicht in jeder Familie zuhause war. Ich erinnere mich an monatelange Auseindersetzungen über die Frage, ob ein VW als Viertakter besser sei als ein DKW mit Zweitaktmotor. Dazu muss man wissen, dass bis 1968 in Düsseldorf Pkw der Marke DKW gebaut wurden und mancher Vater von Schulkollegen bei DKW sein Geld verdiente. Unsere Familie war davon unberührt, denn mein Vater hatte sich 1960 für einen außergewöhnlichen Dienstwagen entschieden: einen Peugeot 403 in beige. Er sagte immer: “Peugeot, das ist praktisch der französische Mercedes.” Denn wer zu jener Zeit einen Mercedes fuhr, der hatte die Spitze der sozialen Pyramide erreicht.
Wichtig waren auch Automodelle. Matchbox-Autos waren fast unerschwinglich; in deren Besitz kam man nur, wenn ein Verwandter sich solch ein Modellchen als Geburtstagsgeschenk ausgesucht hatte. Miniaturen dieser Marke waren Statussymbole – allen voran das Bond-Auto (Aston Martin DB5), mit dem im Freundeskreis so richtig angeben konnte.
Bezahlbar waren die feinen Siku-Autos und auch die Modelle von Wiking. Bastler griffen gern zu den Bausätzen von Revell, obwohl da meist nur Amischlitten im Angebot waren, die hierzulande niemand kannte.
Mein Bruder und ich hatten aber noch etwas ganz andere erfunden. Dazu benutzten wir die ganz, ganz billigen Plastikautos, die man im Schreibwarenladen für nen Groschen oder zwei bekam. Die waren kaum daumengroß und bestanden aus einer hoheln Kunststoffkarosserie sowie Achsen aus weißem Plastik, die sich mehr oder weniger gut drehten. Die Farben entsprachen dem stand der Plastiktechnik – es gab die Autochen in Hellgelb, Hellgrün, Hellblau und einem blassen Rot. Mit ein bisschen Phantasie konnte man sogar erkennen, welchen Typ das jeweilige Modell darstellen sollte.
Das interessierte uns weniger. Denn im Mittelpunkt stand die Fähigkeit, möglichst lange zu rollen. Um die Dinger in Schwung zu kriegen, bastelten wir aus Pappe eine Art Rampe, die vom Nachtisch hinunter auf den PVC-Boden reichte. Man setzte das Auto oben an und ließ los. Ging alls gut, nahm das Gefährt Schwung auf, schaffte den Übergang von der Rampe auf den Boden und rollte aus. Sieger war das Modell, das am weitesten rollte.
Nach den ersten Monaten begannen wir, die Autos mit Bleistiftstrichen zu verzieren und jedes Auto einem Land zuzuordnen. Da gab es dann einen hellgrünen Ford Taunus, der für Jugoslawien antrat, und einen BMW 507, den wir mit den Buchstaben DK zum Dänen gemacht hatten. Jeder von uns besaß bald jeweils acht oder zehn solcher Autos, die dann in Ausscheidungswettkämpfen gegeneinander antraten. Über die Turniere führten wir ellenlange und sehr genau Tabellen.
Irgendwann gab es diese Modelle nicht mehr und der Bestand ging nach und nach zu Bruch. Dann aber bot unser Leib-und-Magen- Modellbauladen, Ziem in der Altstadt, Metallgussmodelle von Formel-1-Renner zu moderaten Preisen (ich glaube, die kosteten eine Mark pro Stück…) an, die sogar mit Gummireifen daherkamen. Diese Dinger erreichten allein durch ihr Gewicht und die Rollfähigkeit unglaubliche Weiten – bald reichte das Zimmer nicht mehr aus, weil einige Modelle es bis zur Heizkörperverkleidung schafften. Außerdem mussten wir eine stabilere Rampe bauen.
Irgendwann wuchsen wir aus dem Alter für diese Spiele hinaus. Außerdem bekam ich – vermutlich zum Geburtstag – im Jahr 1965 die sehnlichst erwünschte elektrische Autorennbahn von Faller. Damit befassten wir uns dann in den folgenden Jahren. Aber das ist eine andere Geschichte…