Laubsägenarbeiten an Spanplatte

Daniel Kehlmann: Mahlers Zeit

Folge 17 von 45 in Erlesenes

Ein Novum in der Geschichte der “Literatüren“, die andernorts bereits im Januar 2003 in Blogform starteten: Zum vorliegenden Buch wird weder eine Abbildung, noch einen Link zu Amazon mitgeliefert. Denn dieses Ding sollten Sie auf keinen Fall kaufen.

Es handelt sich um ein frühes Werk des derzeit über alle Maßen gehypten Jungautors Daniel Kehlmann. Es handelt von einem durchgeknallten Pysiker, der meint, ein Welträtsel gelöst zu haben. Die Geschichte ist öde und blöde, der Plot langweilig. Viel schlimmer aber ist, wie Kehlmann versucht, sein Publikum mit Sprachkunst zu beeindrucken. Wer mehr liest als das, was die deutschen Kritikaster so aus verschiedenen Gründen empfehlen und so in die Hitlisten befördern, wird schaudern angesichts dieses Ergusses.

Da schaut der Protagonist nächstens aus dem Fenster und sieht “ein Mädchen im Gummimantel”, das ihm zuwinkt. Straßenkehrer tragen Pellerinen und ständig ziehen Schlieren durch weißliche Hintergründe. Das ist Prosa wie mit der Laubsäge aus Pressspanplatte geschnitten, entsprechend bröselig ist der Geschmack im Mund beim Lesen. Ungefähr die Hälfte der verwendeten Wörter ist überflüssig, ein Viertel der Szenen ebenfalls. Und das obwohl Kehlmann Spuren mit dem Holzhammer legt. Ständigt sieht sich der Held als Spiegelung, dauernd zerbricht Glas, und das Licht pfunkelt in den Scherben. Die Zielgruppe für derlei Kunsthandwerk ist klar: Pensionierte leitende Angestellte, die nach Jahrzehnten dumpfen Broterwerbs in Volkshochschulgruppen einen Bildungsbürgernachschlag suchen.
Hätte ich die Gelegenheit, mit Herrn Kehlmann persönlich zu reden, würde ich ihn als erstes fragen: “Wollen Sie ihre Leser eigentlich verarschen?” Er würde in seiner mittlerweile bekannten Eloquenz schienbar Kluges absondern und sich als Weltliterat fühlen. Ich frage mich angesichts dieses abscheulichen Romans, wie der Mann überhaupt bei einem Verlag unterkommen konnte, denn derartige Texte findet man zu Hunderten auf den Portalen der Amateurliteraten, die niemals die Chance bekommen werden, einen Roman zu veröffentlichen. Dass genau dieser Autor, der im Vergleich zu den großen amerikanischen Erzählern (deLillo, Ford, Foer, um nur eine kleine Auswahl zu nennen) in der Kreisliga A spielt, jetzt zur neuen weißen Hoffnung aufgebaut wird, macht insgesamt gesehen einfach nur traurig.


» Rezension von Rainer Bartel am 22.02.09 um 21:22 » in Kategorien: Feuilleton » 482 x gelesen » noch kein Kommentar
»   

Noch kein Kommentar

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel.  |  Trackback-URL

Sie müssen eingelogged sein um kommentieren zu können.

blogoscoop