Von Kritiker gehypt, von Lesern verrissen

Daniel Kehlmann: Ruhm

Folge 6 von 49 in Erlesenes

Nein, ich habe die “Vermessung der Welt” nicht gelesen. Wohl aber zweimal verschenkt an Leute, denen ich die Lektüre zutraute. Mir selbst war es zu blöd, den Roman eines bis dato erfolglosen Schreibers zu lesen, der doch bloß eine Art Remake von Thomas Pynchons “Mason & Dixon” verzapft hat. So kannte ich den Millionenseller nur aus dem wunderschönen Parallelroman “Das bin doch ich” von Thomas Glavinic, in dem Kehlmann als Schriftstellerkollege auftritt, der dauernd anruft, um die neusten Verkaufszahlen durchzugeben. Übrigens: Der eine Beschenkte hat das Buch tatsächlich zu Ende gelesen, der andere nie aufgeklappt. Und so wird möglicherweise die Hälfte der zig Millionen verkauften Exemplare ungelesen bleiben.

Das neuste Werk des Kehlmanns hat mich dagegen interessiert, trotz der üblen PR-Maschinerie drumherum und der Lobhudeleien diverser Kritiker. Ich hab ein Faible für Romane, die aus Geschichten zusammengesetzt ist, und berufsbedingt finde ich techno-kritische Themen spannend. Also las ich “Ruhm”, brach aber im vorletzten Kapitel ab.

Ich hätte gewarnt sein sollen. Neulich war Daniel Kehlmann in der Sendung von dem Dicken mit den großen Ohren zu Gast. Normalerweise vertraue ich dem Urteil des Denis Schek weitestgehend. Was sich dann aber als Interview auf dem Bildschirm abzeichnete, war grotesk. Der Regisseur hatte die Gesprächspartner in eine Art leeren Tanzsaal drapiert. In den Ecken waren Stühle zu Gebirgen aufgetürmt, und eine Oldschool-Disco-Kugel drehte sich unermüdlich. Außerdem hatte der Macher Kameramann und Cutter angehalten, das Ganze irgendwie stylish zu montieren. Ständig wechselte die Perspektiv, meist wurde der Kehlmann’sche Kopf aus dem Unscharfen herangezommt, und irgendwann wusste ich nicht mehr, worum es geht. Der Schek hatte durchgehend ein feuchtes Höschen vor Bewunderung. Und der Poet sonderte Schlaues ab. Leider hatte ich das Buch da schon gekauft.

Beginnen wir mit der guten Nachricht. Kehlmann kann gut schreiben. Er geht mit der Sprache um wie’s sich gehört. Um aber mal eine oft geäußerte Kritik aufzugreifen: Alles wirkt merkwürdig flach und unbelebt. Natürlich könnte man jetzt annehmen, das sei angesichts des Themas gewollt. Denn es geht darum, was die moderne (Kommunikations)technik so mit uns macht. Da wird alles virtuell. Aber mir als jemandem, der auch dauernd schreibt und die Probleme dieser Form von Handwerk kennt, scheint, als hätte da jemanden lustlos und am Rande der Blockade in die Tasten gehauen. Trotzdem liest sich das Zeuch ganz gut weg.

“Ein Roman in neun Geschichten”: Ein Buch so zu untertiteln ist zunächst einmal eine Bankrotterklärung, weil es nur zeigt, dass es zu einem richtigen Roman nicht gereicht hat. Zu vermuten ist, dass der Autor dem Druck des Verlags nachgegeben hat, der möglichst rasch wieder möglichst viele Kohle mit einem Kehlmann scheffeln wollte. Diese ganze Vorab-Propaganda riecht auch danach. Wenn ein Schreiberling es so versucht, also einen Haufen unabhängiger Geschichten veröffentlicht, die über wiederkehrende Figuren zusammengehalten werden, dann muss er sich mit den großen Schriftstellern auseinandersetzen, die Ähnliches getan haben. Nehmen wir den Magier der Shortstory. Raymond Carver hat nie den Anspruch erhoben, einen Roman in X Geschichten zu verzapfen. Hatte er nicht nötig, denn er schuf den Zusammenhalt auf schreiberische Weise. Und wenn die hysterischen Buchbesprecher Kehlmanns Buch bejubeln, was müssten sie dann eigentlich im Falle des unglaublichen Romans von “Die Fahrt” der Wahnsinnsautorin Sibylle Berg tun? Die hat einen Roman in gefühlten vierzig Geschichten abgeliefert, der durchgehend funktioniert.

Das kann man von “Ruhm” nicht wirklich behaupten. Zwar poppen in den Geschichten Namen und Situationen auf, die irgendwann wieder als Bezug erscheinen. Aber ich fragte mich die ganze Zeit: Warum eigentlich? Nur damit es ein Roman wird? Oder um zu beweisen, dass im Zeitalter der Virtualität alles mit allem verlinkt ist? Das wäre dann eine dumme Binsenweisheit. Oder der Grund, den Roman abschließend zu beruteilen wie einen Deutschaufsatz: Thema verfehlt.
Natürlich versucht der pfiffige Kehlmann die heißen Techno-Themen der Zeit unterzubringen. Da geht’s um Handys, E-Mail, Foren, Chats und Communities. Immer wieder wird sieht man den Autor vorne an der Rampe hocken und ins Publikum fragen: Na, habt ihr’s mitgekriegt? Dass die Identitäten sich auflösen? So hantiert er mit doppelt vergebenen Handynummer, mit Doppelgängern, die echter sind als das Original und mit einem Fremdgänger, der sich (das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!), ob man nicht doch zwei unabhängige Existenzen führen kann. Und dann mixt er auch noch eine Story in den coolen Cocktail, wo’s um Sterbehilfe geht. Diese Episode hat, nach eigenem Bekenntnis, dem Schek das Wasser in die Augen getrieben. Ich fand’s bemüht und zu der Frage animierend: So what?
Trotzdem bleib ich guten Willens und habe weiter gelesen. Dass sich Kehlmann als mürrischen Starautor Leo Richter selbst präsentiert, mag als Gag durchgehen. Dass er aber einen Esoterikschriftseller erfindet, dessen dumm-spirituellen Ratgeber weltweit jeder liest, legt nah, dass er satirisch sein wollte, es aber nicht sein kann. Den unrühmlichen Höhepunkt und das Ende meiner Lesereise durch dieses schwache Buch bildet die achte Geschichte. Protagonist ist ein gewisser Mollwitz, der in einer Telekom-Company arbeitet. Der erzählt selbst und wird von Kehlmann mit allen Ressentiments und Vorurteilen gezeichnet, die sich im Laufe der Jahre gegen so genannte “Nerds” angesammelt haben. Mollwitz ist fett, schwitzt, frisst wie ein Schwein und lebt mit Mitte Dreißig noch bei Mutti. Sein Leben findet in Foren statt, vor allem solchen, die sich den Promis widmen. Jau, so stellt man sich den internetsüchtigen Sozialkrüppel vor, genau so. Die Geschichte soll ein langer Forumsbeitrag sein, den Mollwitz einstellt, nachdem er von einem Kongress kommt. Die Beschreibung des Kongresses ist so blöd, dass selbst Leute wie ich, die vergleichbare Veranstaltungen hassen wie die Pest, sich fragen: Hat der Autor so etwas mal selbst erlebt? Zu allem Unglück versucht Kehlmann sich an dem, was er für den Stil von Internet-Junkies hält. Und das geht sowas von in die Hose, dass es nicht mehr lustig ist. Eine Leseprobe an dieser Stelle wäre fahrlässige Gehirnverletzung. Nun muss das ja alles nicht lebensecht sein, aber dass der Mollwitz angeblich mit anderen Typen um Leben und Treiben von Promis streitet, ist abwegig. Wer sich schon mal in solchen Communities umgeschaut hat, wird feststellen, dass die Mehrheit der Nicks zu Mädchen gehört und dort nicht gedisst und geflamt wird.

Kehlmann hat keine Ahnung. Auch von den anderen Dingen aus dem gewählten Themenkreis nicht. Auch wenn jeder Autor das Recht hat, eine Welt zu erfinden, sollte er, so er denn ein aktuelles Thema wählt, wenigstens ein Minimum an Recherche betreiben – finde ich. Wes Geistes Kind Kehlmann ist, zeigt sich daran, welchen Überdruß an den Lesern er seinem Alterego Leo Richter zuweist. Der hört ständig von Fans, sie hätten sein Buch zwischen Hamburg und München in einem Zug (har-har-har) gelesen und fragen, wo er denn seine Ideen hat. Worauf er stereotyp antwortet: “In der Badewanne”. Nein, und das ist der maximal Vorwurf, den man einem Autor machen kann, Daniel Kehlmann nimmt seine Leser nicht ernst.


» Rezension von Rainer Bartel am 17.02.09 um 17:31 » in Kategorien: Feuilleton » 767 x gelesen » 1 x kommentiert
»   

  1. [...] handelt sich um ein frühes Werk des derzeit über alle Maßen gehypten Jungautors Daniel Kehlmann. Es handelt von einem durchgeknallten Pysiker, der meint, ein [...]

     
    Pingback von Rainer’sche Post » Daniel Kehlmann: Mahlers Zeit am 22.02.09 um 21:23

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel.  |  Trackback-URL







Diese Tags sind möglich: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>



blogoscoop

Switch to our mobile site