Über die Möglichkeiten der Männerliebe in den Zeiten des Krieges

Der Verehrer meines Vaters

vati_zeichnung_1947Diese Zeichnung gehört zu unserer Familie. Ich bin icht sicher, ob sie je in einer der Familienwohnungen an der Wand hing, aber zumindest, dass sie ein paar Mal Gesprächsthema war, wenn Anverwandte zu einem Geburtstag zum Feiern da waren. Da fiel dann auch schon mal eine winzige Bemerkung, die den Begriff „warmer Bruder“ enthielt. Erst später fand ich zwei zu diesem Bild passende Briefe, die an meinen Vater gerichtet und mit „Mein lieber Martin“ begannen. Sie stammen aus derselben Zeit – den Jahren, in denen mein Vater in Kriegsgefangenschaft war. Absender und Zeichner war ein Kamerad, der im Folgenden Jochen heißen soll. Das Porträt im Stile eines Schnellzeichners der dreißiger Jahre zeigt meinen Vater im Alter von etwa 24 Jahren und stammt von 1947, wurde also kurz vor seiner Entlassung und Heimkehr angefertigt. Einer der Briefe ist rund zwei Jahre älter, und wer den Text unvoreingenommen liest, muss annehmen, der Verfasser hätte für den Empfänger geschwärmt, ja, sei in den verliebt gewesen. Wir müssen uns Jochen also als den Verehrer meines Vaters vorstellen.

Das wird aus dem zweiten Brief, der möglicherweise zeitgleich mit dem Porträt entstanden ist, deutlich. Beide Schreiben scheinen übrigens wie Kassiber direkt zugestellt worden sein, denn es fehlen Adressangaben und Postwertzeichen. Die Jahreszahlen deuten darauf hin, dass Jochen und Martin gemeinsam in England als PoW lebten. Fotos aus dem Jahr 1947 wurden in einem Ort namens Cockley Cley aufgenommen, einem Dorf in Norfolk. Dort lebten die Männer in Lagern und arbeiteten bei den Bauern der Gegend. Mein Vater hat über diese Zeit immer sehr positiv gesprochen, nicht zuletzt, weil er dort den Führerschein machen konnte.

Nachdem ich kürzlich einen Haufen alter Fotos, auch aus dem zweiten Weltkrieg, gefunden habe, ist es jetzt klar, dass er nicht, wie laut Familiensaga immer angenommen, in Oklahoma in Gefangenschaft war, sondern in einem ziemlich verrufenen Camp im Panhandle von Texas. Der Ort in der Nähe heißt McLean, und das Lager war in aller Eile auf einem Maisfeld errichtet worden; heute verläuft eine Teil der Landebahn des örtlichen Flughafens durch das ehemalige Gelände. Interniert waren dort durchweg rund 3.000 Wehrmachtssoldaten, vorwiegend solche, die von den Briten in Nordafrika als Gefangene genommen worden waren.
Hier hat mein Vater, dessen Kriegszeit im Umfeld der zweiten Schlacht von El Alamein endete, die Jahre von 1943 bis einschließlich 1945 verbracht. In die USA kam er über einen kurzen, merkwürdigen Umweg über Australien – das Vereinigte Königreich war damals mit der Zahl der PoWs überfordert und verschiffte einige Tausen in alle möglichen Weltecken, in den der Union Jack wehte.

Ob Jochen ihn schon dort kennen und schätzen gelernt hat, ist unklar. Mein Vater hat so gut wie nie über konkrete Männer gesprochen, sondern immer nur über „die Kameraden“. Einzige Ausnahme war ein Kerl, dessen Familie wir einmal so um 1960 herum besuchten. Es handelte sich um einen rotgesichtigen Landwirt bei Bocholt, der Vater von vier, fünf leicht verblödeten Kindern war, mit denen wir spielen sollten. Meine Vorstellung von Jochen, einem gebildeten Feingeist und Romantiker, entsprach dieser Bauer nicht.

Die Zeit in McLean war, so hörten sich die Geschichten meines Vaters an, nicht besonders angenehm. Die Prisoner of War hatten nichts zu tun, kamen nur selten zu Arbeitseinsätzen raus und langweilten sich schrecklich. Vermutlich haben die Männer viel gezockt. Noch heute bin ich im Besitz von einem sechs Würfeln aus einem gelblichen Material, das wie künstliches Elfenbein wirkt, möglicherweise eine Variante von Bakelit. Die hatte mein Vater aus Amerika mitgebracht. Genau wie einen leider nicht kompletten Satz Schachfiguren aus demselben Material. Da fehlte ein Bauer, den wir bei Bedarf durch eine Halmafigur ersetzten. Mit diesen Figuren habe ich in Partien mit bzw. gegen meinen Vater das Schachspiel erlernt, das mir über viele Jahre meines Lebens hinweg sehr wichtig war.
Viele Anekdoten über seine Gefangenschaft in Texas drehen sich ums Essen. Meist bezog es sich auf eine unausgewogene Versorgung. Zeit seines Lebens hat mein Vater Ananas verabscheut, weil er – so die Story – mal über Wochen nichts anderes bekommen hatte als Ananas und Schinken aus der Dose. Auch Corned Beef hat er aus denselben Gründen verabscheut. Aber die Zeit in den USA muss doch recht angenehm gewesen sein, denn ich habe meinen Vater immer als großen Amerika-Freund und –Fan erlebt. Besonders angetan hatte es ihm die Ami-Musik, die klassischen Musicals (z.B. “Oklahoma“), aber auch Gershwin (“Porgy and Bess“) mochte er sehr.

Schon vor Jahre habe ich darüber nachgedacht, wie denn diese jungen Männer in den Zeiten der Gefangenschaft mit ihrer Sexualität umgegangen sind. Ich weiß, dass mein Vater in den Jahren in Norfolk eine Geschichte mit einer Farmerstochter hatte, aber vermutlich nichts Ernstes, wahrscheinlich ohne jede Form von Sex. Aber in Texas hatten die Kerle keinerlei Zugang zum weiblichen Geschlecht. Aus Berichten über deutsche Kriegsgefangene im ersten Weltkrieg ist bekannt, dass nicht wenige Soldaten nach einiger Zeit schwule Beziehungen eingingen und dass dies auch von den Aufsehern toleriert wurde. Zum selben Thema aber in Bezug auf den zweiten Weltkrieg finde ich nichts.
Aber anscheinend gab es nach dem Krieg eine Menge Gerüchte, und dass ein Kamerad einem anderen Liebesbriefe schrieb, konnte für viele Leute nur bedeuten, dass der Verfasser ein warmer Bruder, ein Hinterlader war oder vom anderen Ufer kam – so drückte man das in den fünfziger und sechziger Jahren aus. Ich habe meinen Vater dazu nie etwas sagen hören. Auch hat er über Schwule nie schlecht gesprochen, nicht abwertend, eher etwas belustigt. Das betraf vor allem einen Kollegen, der überall als “der Junggeselle” bekannt war. Über dessen mögliche “Veranlagung” machte mein Vater ein paar Mal eher witzige Bemerkungen, die meine Mutter zum Kichern brachten.

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» Folge 25 von 32 in Alte Fotos

» Beschreibung von Chefred am 21.12.12 um 20:31 » in Rubrik(en): Feuilleton
» 881 x gelesen » 3 x kommentiert »   

  1. Mann, schreib endlich ein Buch über Deine Familie!!

    mostertpoettchen Antwort vom 21.12.12 23:46:

    Dem kann ich mich nuir anschliessen und werd wahrscheinlich unter den ersten sein, die es sich bei amazon runterladen :-oO

    Chefred Antwort vom 22.12.12 08:19:

    Schrei mich nicht an, Mann! ;–))
    Bin doch dabei; diese Artikel hier sind Teil der Arbeit.

     
    Kommentar von lasher am 21.12.12 um 22:48

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