Es ist ein alter Hut, der von den hiesigen Medienmachern und den ihnen nachlaufenden Politikern in regelmäßigen Abständen ins Schaufenster gestellt wird: Fremdenfeindlichkeit. Gelegentlich ist Xenophobie hierzulande hip. Da bekennt sich Otto Normalchauvinist gern dazu, dass er die Fremden nicht mag. Zu anderen Zeiten gilt derlei Haltung als uncool, und zu den Umfrageergebnissen findet man selten den O-Ton eines Bürgers, der sich gegen den Verbleib der Zugewanderten öffentlich ausspricht. Wie gesagt: Alles schon mal da gewesen. Nehmen wir die ersten Jahres der Ära, die ansatzweise euphemistisch als “Wirtschaftswunder” etikettiert oder mit dem Gütesiegel “Aufbauleistung” ausgezeichnet wird, also die Jahre von 1948 bis etwa 1963. Zwischen 1945 und etwa Ende 1947 flohen um die 10 Millionen Menschen aus den Gegenden Nazideutschlands, die von der sowjetischen Roten Armee befreit worden waren, und die ehemals deutschen Regionen, in die andere Nationalitäten nach dem Kriegsende eingeströmt waren. Etwa sieben bis neun Millionen dieser Flüchtlinge – die sich selbst als Heimatvertriebene betrachteten – landeten in den so genannten “Westsektoren”, also den Teilen Deutschlands, die von Briten, Franzosen und US-Amerikanern besetzt worden waren.
Viele dieser Menschen flohen als Folge der Nazipropaganda, die ihnen einbläute, “der Russe” werden sie vergewaltigen, foltern und töten sowie ihnen allen Besitz rauben. Dies täte “der Iwan”, weil er “von Natur aus” so sei. Tatsächlich brachte die Rote Armee besonders in Ostpreußen und Pommern Angst und Schrecken in die von Deutschen bewohnten Gemeinden. Natürlich wussten die dortigen Bürger nicht, wie brutal die angeblich glorreiche Wehrmacht gerade in Russland gehaust hatte. Dass es eine Strategie der verbrannten Erde in Ostpolen, Bealrus, der Ukraine und Russland selbst gegeben hatte, der mindestens 12 Millionen Zivilisten zum Opfer gefallen waren, war entweder nicht bekannt oder wurde verdrängt.
Wie tief diese Angst saß, lässt sich an zahllosen Anekdoten nachweisen, in denen Großmütter oder Tanten eine Rolle spielen, die noch in den Siebzigern von russischen Gräuletaten zu berichten wußten und die oft mit dem Ruf “Schnell wech! Der Iwan kommt!” begleitet wurden. In den Werner-Comics des Zeichners Brösel spielt der Satz “Werner, Eckhard, die Russen kommen”, den der Installateurmeister Schurich gelegentlich grundlos von sich gibt, eine große Rolle. Apropos Schurich: Natürlich ist schon dieser Name ein Verweis auf die Herkunft des Handwerkers – er soll ostdeutsch klingen, vage nach Ostpreußen.
Tatsächlich siedelten sich in Werners Heimatland, dem schönen Schleswig-Holstein, besonders viele Flüchtlinge aus Ostpreußen an, darunter eine große Anzahl Handwerker. Viele von ihnen, gerade diejenigen, die sich in Kleinstädten ansiedelten, wurden als Kleinunternehmer ausgesprochen erfolgreich. Dass dem Eingeborenen Werner – und damit dem Verfasser Rötger “Brösel” Feldmann – der aus dem Osten stammende Handwerker als Zielscheibe für allerlei Spott dient, ist Ausdruck für das Verhältnis der Ansässigen zu den Flüchtlingen.
Von Ostpreußen nach Schleswig-Holstein
Wie Meister Schurich gelangte auch meine Mutter zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Vater auf der Flucht aus Ostpreußen (genau: Tapiau, dem Ort am Zusammenfluss von Pregel und Deime, in dem der große Maler Lovis Corinth geboren wurde) nach Schleswig-Holstein. Und zwar in eine nordfriesische Gemeinde, wo mein Großvater kurz nach der Ankunft oder sogar schon während der Flucht starb. Meine Mutter war als BDM-Mitglieder um 1942 herum zwangsrekrutiert worden und diente im Umfeld des Ostfeldzugs als Telefonistin – unter anderem in Weißrussland (Minsk). Eine ihrer Geschichten ging so: Sie hatte sich bei der auch körperlich schweren Arbeit – die Vermittlungsstecker waren mit schweren Ausgleichgewichten versehen – eine Sehnenscheidenentzündung im Arm zugezogen und vom Lazarett eine Flasche Medizin zur Pflege und Heilung bekommen. Mit dieser großen Flasche – vermutlich eine Tinktur enthaltend – machte sie sich auf den Weg von der Krankenstation zum Wohnheim und musste dabei Brachland durchqueren. Da sah sie einen Mann, der sie beobachtete und ihr folgte. Sie bekam es mit der Angst, fürchtete sie doch, der Mann sei Russe und wolle sie vergewaltigen. Kaum hatte der Typ sie erreicht, stellte sich heraus, dass er ihr lediglich helfen wollte, die schwere Flasche zu tragen. Auch meine Mutter hatte Angst “vorm Russen”.
Mit offenen Armen wurden sie und ihre Eltern auf dem ihnen zugewiesenen Bauernhof allerdings nicht empfangen. Eher im Gegenteil. Aus Sicht des Bauern handelte es sich um eine Zwangseinweisung, und er bemühte sich nach Kräften, die unerwünschten Flüchtlinge wegzumobben. Mein Mutter erzählte, dass er mehrfach versucht habe, ihnen verdorbene Lebensmittel zu geben und ihnen das Gas abstellte, damit sie kein heißes Wasser für das wöchentliche Bad bereiten konnte. Auch bei der (freiwilligen) Hilfsarbeit, die Mutter und Großmutter leisteten, wurden sie schikaniert.
Ähnliches berichteten die meisten Verwandten meiner Mutter, die vorwiegend im Norden Deutschlands ein neues Zuhause aufbauen wollten. Gerade den Flüchtlingen aus Ostpreußen und Pommern schlug teilweise nackter Hass entgegen. In der Tradition der Westfalen, die einst Gastarbeiter aus Polen so empfangen hatten, beschimpfte man sie als “Polacken” und sprach ihnen Kultur und Zivilisation ab. Kein Wunder also, dass die Deutschen aus dem Osten vorwiegend unter sich blieben. Ich erlebte dies bei den vielen Familienfesten in den Fünfzigern, wo neben der Familie eigentlich nur Freunde und Bekannte anwesend waren, die ebenfalls aus dem Osten geflohen waren.
Was aber hatten die Eingeborenen gegen die Flüchtlinge? Einer der am häufigsten geäußerten Sätze war: “Wir haben doch selbst nicht genug. Jetzt müssen wir das Wenige auch noch mit denen teilen. Warum sind die denn nicht einfach da geblieben, wo sie herkommen?” Tatsächlich, daran erinnere ich mich, versuchten viele “Vertriebene” sich zu rechtfertigen und gaben die grausamsten Legenden über das Wirken der Russen in der alten Heimat wieder, um so klar zu machen, dass sie flüchten mussten.
Förderung durch Ortsansässige
Mein Vater hatte angesichts dieser Grundstimmung enormes Glück. Aus Stettin stammend hatte er dort eine Maurerlehre absolviert, bevor er sich 1940 freiwillig meldete und dem Afrikakorps zugteilt wurde. Bei der allerersten “Feindberührung” geriet er in britische Gefangenschaft, landete zunächst in Australien, dann in den USA (Oklahoma) und zuletzt in England. Ende 1947 wurde er entlassen und kam auf der Suche nach seiner Familie nach Schleswig-Holstein. Zufällig war seine Stiefmutter auf demselben Bauernhof untergebracht wie meine Mutter. Man lernte sich kennen und lieben. Zunächst fand mein Vater Arbeit auf dem Bau in Kiel. Wie ich alten Briefen entnehme, stellten damals Bauunternehmer damals gern Kolonnen zusammen, die ausschließlich aus Ostflüchtlingen bestanden. Diese wurden in Baracken untergebracht, arbeiteten sechs Tage die Woche jeweils zehn Stunden und wurden schlecht bezahlt. Anscheinend führte dies dazu, dass einige ortsansässige Bauarbeiter arbeitslos wurden. Daraus entstand dann der Satz: “Die Flüchtlinge nehmen uns die Arbeit weg!”
Ähnlich wie Jahre später wurden Flüchtlinge gern als leicht verschiebbare und billige Arbeitsarmeen benutzt. So kam mein Vater dank des Angebots eines Bauunternehmers nach Düsseldorf. Der Deal sah so aus, dass die so angeheuerten Arbeiter zunächst ein Mehrfamilienhaus wieder aufbauen sollten, um dort dann mit ihren Familien wohnen zu dürfen. Mein Vater holte bald seine Frau, seinen Erstgeborenen und die Schwiegermutter nach Düsseldorf. Als Behelfsunterkunft diente ein umgebauter Pferdestall in Düsseldorf.
Mein Vater wollte offensichtlich nicht sein Leben als schlecht bezahlter Maurer verbringen. Deshalb und um später seiner Familie “etwas bieten zu können” bildete er sich per Fernstudium als Betonbauer und Maurerpolier, später als Bauingnieur weiter. Viele ähnlich gelagerte Biografien (z.B. die meines Ex-Schwiegervaters) zeigen, dass derart sich qualifizierende Flüchtlinge zunächst kaum Chancen hatten, in den existierenden Unternehmen ein- und aufzusteigen. Dies erklärt die große Anzahl an Ingenieuren, Architekten und auch Handwerksmeistern mit Migrationshintergrund, die sich in den fünfziger Jahren selbstständig machten. Dies war für die meisten die einzige Möglichkeit, ihre Fähigkeiten in Wohlstand umzusetzen.
Mehr Glück hatte mein Vater, der sich durch einen Zufall mit einem der Söhne eines alteingesessenen Unternehmers anfreundete. Es handelte sich um die Inhaber einer Traditionsbrauerei, die Söhne fungierten als Braumeister und als Leiter des Büros. Obwohl ganz im patriarchalischen Stile gefüttert, agierte die Brauerei doch ausgesprochen modern. Gerade dem Braumeister war klar, dass ein Wachstum des Bierausstoßes nur erreichen wäre, wenn wieder ausreichend viele Kneipen bewirtschaftet würden. Deshalb engagierte sich das Haus besonders beim Wiederaufbau, der Renovierung und auch beim Neubau von Lokalen. Mein Vater diente als angestellter Architekt und Bauleiter und machte bis zu seinem frühen Tod 1967 so etwas wie Karriere bei dieser Brauerei.
Wie gesagt: Der Zufall spielte die entscheidende Rolle. Denn natürlich hatte mein Vater zunächst keinen Zugang zum rheinischen Klüngel aus Schützen- und Karnevalsvereinen. Tatsächlich lebte in unserem Haus eine junge Schönheitstänzerin (so hieß das seinerzeit…) als Untermieterin. Meine Eltern hatten sich mit ihr angefreundet und der Braumeister sich in sie verliebt. So kam es zur Begegnung zwischen meinem Vater und dem Unternehmer, der seine Tänzerin übrigens später heiratete und vorher auch einmal Prinz Karneval in Düsseldorf war.
Spaghettifresser
Einer der ostpreußischsten Ostpreußen, die ich noch kennen gelernt habe, war Onkel Paul, von Beruf Ofensetzer, ein Bär von einem Mann, der unter dem Dach Tauben hielt und bei Familienfeier als Leckerbissen servierte. Onkel Paul war mit Tante Ida verheiratet. Diese war wiederum die Schwägerin meiner Mutter. Sie hatte fünf Söhne geboren und, als ihr Mann – der Bruder meiner Mutter – früh im Krieg fiel, bis Kriegsende allein ernährt. Vier der Söhne überlebten, und Tante Ida lernte nach der Flucht Onkel Paul kennen. Die beiden heirateten vermutlich um 1947 herum und hatten ein gemeinsames Kind: Meine Cousine Roswitha.
Bei Paul und Ida traf man sich oft und gern, und wir Kinder vergnügten uns spielend auf der Straße, während die Erwachsenen beisammen saßen, aßen, tranken und Geschichten aus der alten Heimat erzählten. Roswitha war ein wildes Mädchen mit rotem Kraushaar, die immer für einen Streich oder irgendeinen Unfug zu haben war. Irgendwann Anfang der sechziger Jahre erzählte meine Mutter im Flüsterton, die Rowsitha, die habe da jetzt so einen Italiener. Die hießen damals noch meist Spaghettifresser und galten als hinterlistige, feige Typen. Diese Meinung war ganz offensichtlich ebenfalls aus der Propaganda entstanden, die aus der Kapitulation der Italiener eine Dolchstoßlegende gemacht hatte.
Italiener bildeten die erste größere Einwanderungswelle. Ihr Erscheinen prägte den Begriff “Gastarbeiter”. Zwar war Düsseldorf über sehr lange Jahre hinweg eine Stadt, in der immer schon Italiener und Deutsche mit italienischer Herkunft gelebt hatte, dass nun aber Hunderte dieser Männer mit merkwürdigem Verhalten einfielen, stieß auf große Skepsis. Die Frauen dagegen standen auf Itaker. Die galten als romantisch und vergaben sich nichts dabei, einem Mädchen Komplimente zu machen. So hatte auch Ton Roswithas Herz gewonnen. Er kam aus Sizilien, war kaum einssiebzig groß und von Beruf Friseur. In unserer Nachbarschaft hieß es, auch mit dem Verweis auf Toni und Roswitha, die Itaker, die nehmen uns die Frauen weg.
Toni wurde übrigens sehr erfolgreich in seinem Beruf und betrieb über zwanzig Jahre lang den angesagtesten Frisiersalon für die prominenten Männer der Stadt. Natürlich heiratete er Roswitha, die ihm zwei Kinder gebar. Als Onkel Paul, der nach Idas Tod nach Schleswig-Holstein in ein kleines Dorf ausgewandert war, starb, fuhren wir alle zur Beerdigung. Den Sarg trugen vier von Pauls Stiefsöhnen, sein bester Freund aus dem Dorf und natürlich Toni, der bittere Tränen am Grab seines geliebten Schwiegervaters weinte.
Gastarbeiter und Arbeitsmigranten
Das Spiel wiederholte sich nach dem Ende des Wirtschaftswunders. Um 1967 herum war schnell Schluss mit dem Arbeitskräftemangel, das Wachstum kam an seine Grenzen. Hatte man doch ab 1955 über staatliche Anwerbebüros Arbeiter vor allem aus Italien, Spanien, Jugoslawien, aber auch aus Griechenland, Portugal und der Türkei nach Deutschland geholt. Wie gesagt: Man nannte sie Gastarbeiter, und die Bevölkerung ging davon aus, dass man sie wieder fortschicken würde, sobald man sie nicht mehr benötigte. Tatsächlich holten bis etwa 1965 nur wenige dieser Migranten ihre Familien nach. Ich habe immer noch das Bild von einer Barackensiedlung am Stadtrand im Kopf, in der so um 1964 herum Hunderte Männer wohnte, die hier arbeiteten, aber das meiste Geld nach Hause schickte.
Oder die sonntäglichen Treffen der Gastarbeiter auf dem Bahnhofsvorplatz, wo die Männer in national säuberlich voneinander getrennten Grüppchen standen und Informationen austauschten. Sonst sah man sie nie. Nicht in den Gaststätten, nicht im Sportverein, selten beim Einkauf – denn die Versorgung mit heimischen Lebensmitteln besorgten die hin und herreisenden Landsleute.
Wer aber nicht bloß als Arbeitsvieh existieren wollte, der musste sich selbstständig machen, denn der Einstieg in ein Unternehmen als fester Angestellter war den Migranten mangels Qualifikation bis weit in die siebziger Jahre hinein praktisch unmöglich. So entstanden ab etwa 1960 die ersten ausländischen Restaurants. Mein Vater, der beruflich ja hauptsächlich mit der Gastronomie zu tun hatte, lernte so viele Jugoslawen kennen, die mit ihren Balkanrestaurants die erste Welle dieser nicht-deutschen Gastronomie bildeten. Er fand viele Freunde, und die Familie kehrte sonntags häufig in solchen Lokalen ein, um das leckere Essen zu genießen. Viele der jugoslawischen Gastwirte nannten meinen Vater ihren Freund.
Den größen Kranz zu seiner Beerdigung, ein großes Rad voller roter Rosen aber trug ein Italiener hinter dem Sarg meines Vaters her. Das Oberhaupt der Familie Acari, die seit den dreißiger Jahren eine Kneipe in der Altstadt betrieben, marschierte den ganzen Weg tum Grab unter Tränen, und auf der Kranzschleife stand “Meinem Freund Martin”.
Ausländerkinder
Ich besuchte von Ostern 1958 bis Ostern 1961 die Volksschule an der Kirchfeldstraße in Düsseldorf-Friedrichstadt. Meine Klassenkameraden hießen Willi, Helmut, Ernst, Renate und Ute. Einen Hamza oder eine Aishe hatten wir nicht. Auch auf dem Gymnasium gab es in meiner Altersstufe keine Ausländerkinder. Dem Vernehmen nach soll es eine Klasse unter mir einen Spanier gegeben haben. Mein Sohn und meine Tochter verbrachten ihre Schulzeit (zusammengenommen von etwa 1987 bis 2004) im Kreise von Caesar, Kimi, Mario, Pierre, Alisha, Phong und Pjotr.
Irgendwann im Laufe der siebziger Jahre hatten immer mehr ehemalige Gastarbeiter erkannt, dass Deutschland ein gutes Land sein, in dem es sich lohne, zu bleiben, zu leben und Kinder groß zu ziehen. Immer mehr Menschen nicht-deutscher Herkunft eröffneten Läden, gründeten Unternehmen, übernahmen Handwerksbetriebe oder machten Karriere in verschiedensten Branchen. Man baute sich Häuser; eins hier und eines fürs Alter in der Heimat. Aber immer weniger Arbeitsmigranten gingen wieder, sondern lebten als Rentner in dem Land, an dessen Wohlstand sie mitgearbeitet hatten.
Aber dann kamen die Wirtschaftskrisen. Wie vorhergesagt in immer gleichen Zyklen. Und plötzlich hieß es: “Die sollen zurückgehen, die nehmen uns nur die Arbeitsplätze weg.” Wie viele Legenden wurden kolportiert von Ausländerfamilien, die sich durch nicht existierende Kinder Unsummen an Kindergeld erschlichen, von der hohen Kriminalitätsrate, von der immensen Gewaltbereitschaft der Jugendlichen. Überhaupt: “Die Ausländer”, hieß es, nehmen uns nicht nur etwas, nein sie betrügen uns dazu und bedrohen uns.
Nach dem Ende der DDR fielen diese Vorurteile auf fruchtbaren Boden. Den Menschen in den neuen Bundesländern, von der Treuhand und skrupellosen Westdeutschen bestohlen und betrogen, ging es schlecht, die Arbeitslosenquoten stiegen unaufhörlich. Und schon begann es zu flüstern: “Die Ausländer müssen weg. Die nehmen uns die Arbeitsplätze.” Dass es außerhalb Berlins keinen Ort in den neuen Ländern gab, in denen der Ausländeranteil die 5-Prozent-Marke überstieg, störte die Fremdenfeinde wenig. Die Schuldigen waren gefunden.
Geschichte wiederholt sich.
Danke. Zutreffend geschildert. Gut geschrieben. Eine Wohltat.
Vieles habe ich ähnlich erlebt. Aber Geschichte wiederholt sich nicht. Die Abneigung gegen alles “Fremde” bleibt zwar. Jedoch gibt es entscheidende Unterschiede. Die Flüchtlinge und Vertriebenen und die Einheimischen waren und sind alles Deutsche. Wer erkennt bei den heutigen Kindern und Jugendlichen auf Anhieb, ob ihre Großeltern und Urgroßeltern damals Einheimische waren oder nicht?
Definiert sich jemand aus der jüngeren Generation noch als Schlesier oder Ostpreuße?
Guter Punkt: Sicher wissen viele Insassen der jüngeren Generation gar nicht, dass ihre Wurzeln irgendwo im Osten liegen. Gibt das nicht Hoffnung, dass sich schon in einer der kommenden Generationen manche Jungmenschen mit türkischen Vorfahren nicht mehr als Türken definieren? Manchmal scheint mir, das ist nicht mehr weit entfernt.