Was wir Deutschen alles mit Lena Meyer-Landrut anstellen können

Douze point für ein Phänomen

lena_escNatürlich ist dieses “Satellite” ein extremer Ohrwurm. Natürlich sieht Lena Meyer-Landrut nett aus. Und natürlich lebt der deutsche Michel in der Geschmacksrichtung “Bürger” momentan am Rande des Nervenzusammenbruchs. Denn alles, was der Mittelschicht, die sich so gern bürgerlich gibt, lieb und wert ist, wird zunehmend teuer. Eigentlich geht alles den Bach runter. Nehmen wir nur mal die Bourgeosie-Sprößlinge, die sich entschieden haben, was mit Medien oder Marketing zu machen. Diese braven Bälger werden ihren Erzeugern angesichts der anschwellend prekären Verhältnisse bis deutlich ins dritte Lebensjahrzehnt auf der Tasche liegen. Da ist dann so ein neunzehnjähriges Früchtchen, das mal eben paar Millionen mit Trällereien abräumt, ein prima Rollenvorbild. Ja, “die Lena” (so dürfen wir alle jetzt vertraulich sagen…) ist recht eigentlich eine Ikone des trotzigen Bürgertums. Dessen Insassen sind ja per Gehirnwäsche am besten auf die Rolle als Extremstindividualisten vorbereitet, deren einziger Trost Party und Konsum sind. Die Welt ist am Arsch? Egal, lass ma Party machen. Der Golf ist vergiftet? Kauf ich mir trotzdem 60-Zoll-Flachglotze. Man gönnt sich was, so lange es geht. Und lässt sich ablenken. Vor allem, wenn während des Unterhaltenwerden ein bisschen Ficken winkt. Prototypisch dafür sind Public-Viewing-Veranstaltungen.

Und das geht so. Ein Ereignis wird zum medialen Höhepunkt hochgehypt – soeben der European Song Contest (der twitteresk mit ESC abgekürzt wird), bald die Fußball-WM. Wichtig ist, dass das deutsche Bürgerkind sich national(istisch) mit irgendwas dabei indentifizieren kann, also Grund findet, sich schwarzrotgold auf die Bäckchen zu schmieren, blöde Kopfbedeckungen in Deutschfarben überzuziehen und mit schwarzrotgoldenen Textilien zu winken. Wer das blöd findet, wird nicht nur als Spaßbremse beschimpft, sondern als typisch deutscher Meckerkopp verunglimpft. Nun ist es dem deutschen Bürger immer schon leichtgefallen, sich mit der Nazion zu identifizieren, und dass das seit dem so genannten “Sommermärchen” wieder erlaubt ist, stimmt ihn froh.
Bekanntlich heißt ja “public viewing” übersetzt soviel wie “Leichenschau”. Also trifft man sich, um die medialen Leichen der Vergangenheit durch maximales Kreischen zum Leben zu erwecken. Der ESC hieß früher “Grandprix Eurovision de la Chanson” und war das Spießigste vom Spießigen. Dann geschah Ende der Neunziger ein Schlagerrevival. Angetrieben und in die Medien geprügelt vor allem von der schwulen Gemeinde. Die ja damals wie heute einen schweren Hang zum spießigen Kitsch hat, uns aber glauben machen will, es gehe um Emotionen. Plötzlich war der Grandprix Kult. Man trieb ihm von westeuropäischer Seite her den Ernst aus und wollte uns glauben machen, das alles sei ironisch gemeint. War’s aber im Bürgerherzen nicht. Denn die deprimierte Mittelschicht wollte, dass Deutschland gewinnt. Diesen Wunsch öffentlich zu äußern, ist das eigentlich Ziel der Public-Viewing-Veranstaltungen. Stolz auf Deutschland zu sein ist da nicht ironisch gebrochen, sondern bitterernst gemeint. Außerdem will man Party machen, was ja in diesen Zeiten heißt, sich mit Alkohol die Synapsen abzuschalten, um anschließend einen unfrohen Geschlechtsverkehr mit einem/einer Fremden zu betreiben.

Saufen, feiern, ficken
In den letzten Jahren gab es ein öffentliches Rudelgucken zum ESC meist nur auf der Reeperbahn, weil der NDR daran die Schuld trug. Und weil es auf der Reeperbahn auch eine durchsetzungsstarke, schwule Lobby für derlei Events gibt. Ansonsten feierten die Anhänger der Veranstaltung in plüschigen Kneipen oder in genormten Wohnzimmern. Das Gejammer über das schlechte Abschneiden der jeweiligen deutschen Teilnehmer war vorporgrammiert. Und eigentlich hatten wir uns alle schon daran gewöhnt. Nun hat sich in diesem Jahr aber Stefan Raab eingeschaltet. Genauer: Er wurde vom verzweifelten NDR-Unterhaltungs-Schneider auf Knie angefleht. Es kam zu einer Kooperation zwischen ARD und Pro7. Und zu einer Castingshow.
Man muss den Kölner Metzger nicht mögen, aber dass er in Sachen “Pop” ein großer Kenner und Könner ist, steht betonfest. Wer sonst hätte eine Ausnahmesängerin we Stefanie Heinzmann entdeckt? Wer hätte die unter Beibehaltung ihres Echtnamens in eine derart solide Karriere gebracht? Wer sonst hätte einen Max Mutzke auf die Grandprix-Bühne in Istanbul und einen fünften Platz gehievt? Das alles, weil die Unterhaltung des Stefan Raab ja zutiefst bürgerlich ist. Weder “TV Total”, noch “Schlag den Raab”, noch die diversen Dauerwerbesportereignisse sind Entertainment für die bildungsfernen Unterschichten. Nein, wer Twitter und Facebook – die wahren Sprachrohre der Bürgertöchterchen und -söhnchen- nach Kommentaren zum Raab absucht, wird erstaunlich viel Positives vorfinden. Fragt man dagegen im Kreis der eher rauen Proletarier, gilt denen Raab als blödes Weichei…

Stefan Raab sagt im Interview mit SpON, dass es ihm nie darum geht, andere zu schlagen, aber immer darum zu gewinnen. Besser kann man ja die über Jahrzehnte gezüchtete Geisteshaltung des Bürgertums kaum definieren. Leistung muss sich lohnen. Nur die Harten kommen in den Garten. Jeder ist sich selbst der Nächste. Ich und mein Magnum. Erfolg im bürgerlichen Sinne ist es, wenn man gewinnt. Alles – das beweist Raab andauernd – kann zum Wettbewerb, zum Konkurrenzkampf umfunktioniert werden. Eben auch das Schlagersingen.
Und genau in diesem Punkt unterscheidet sich das Raab’sche Casting-Wesen diametral vom DSDS-Treiben des brutzelnden Bohlen. Der – und auch so Typen wie Detlef D Soos – wenden sich zu hundert Prozent an die Unterschicht. Die Botschaft lautet: Wenn du es ganz doll willst, kannst du auch ohne Arbeit reich werden. Das deckt sich mit der Lebenswirklichkeit von Emigrantenkindern und Hartz-IV-Sprößlingen, die eben den Kiez-Groß-Dealer im CLS sehen, der es auch nicht leicht hatte. Da steht eine leicht minderbemittelte Tusse im Frisiersalon und dreht den Omis Tag aus, Tag ein die Haare. Das für um die 5 Euro pro Stunde. Während ihre ehemalige Klassenkameradin sich als Gang-Matratze ernähren und kleiden lässt. Da denkt die Frisörin: Hach, da muss es doch noch was anderes geben. Der Sieg bei DSDS ist der Unterschichtlerin, was dem Spießer jahrzehntelang der Sechser im Lotto war.
In Wahrheit ekelt es den Bürger vor den DSDS-Siegern. Die beiden aktuellen Finalisten sind aus seiner Sicht genau die Typen, die man nicht bei sich im Viertel wohnen haben will. Da zieht der Erfolgs-Proll aber auch nicht hin. Für Gehirnfünfer wie diesen Bushido gibt es nichts zwischen Marzahn und Villa in Dahlem. Da braucht der Bürger keine Angst zu haben.

Süßes Mädchen
Aber dann tritt bei “Unser Start für Oslo” (Twitterkürzel: USOF – irgendwas mit UFO, jedenfalls) eine neunzehnjährige Fastabiturientin an, die auf eine geradezu tränenrührende Art bürgerlich ist. Sie ist so wie diese Mädchen aus den bedrohten Bürgerfamilien, die sich längst zerlegt haben, weil der Vater aus Verzweifelung, er könne seiner Brut den gewünschten Luxus nicht bieten, das Weite gesucht hat. Ehrgeizige Mütter treiben ihre Kinder, damit dies mal besser haben. Oder lassen die Kinder laufen.
Wenn jetzt flachhirnige Kommentatoren hingehen, und Lena zum neuen “Frauentyp” hochsterilisieren, dann ist das nicht nur dumm, sondern trifft voll daneben. Die erotische Verehrung – auch das zeigen Twitter und Facebook – genießt Lena ja vor allem von Herren, die außerhalb ihrer Paarungspartnergruppe liegt, also schon leicht sabbernde Kerle jenseits der 35. Diese Klientel bezeichnet sie gern als “Mädchen” und unterstreicht vor allem, das sie so “natürlich” ist. Das ist mindestens latent von pädophilem Gehalt. So argumentiert der Kinderficker ja gern, dass das Mädchen schon sehr reif, aber noch sehr natürlich war. Und dann hängt man ihr auch noch Attribute an, die in Richtung “Früchtchen” gehen.
Nein, Fräulein Meyer-Landrut ist bestenfalls die Mädchenikone des immer noch verklemmten Bürgerschnösels. Wenn dem eine junge Frau schon ein lautes “Verdammte Scheiße” entgegenbrüllt, dann findet der das toll, weil frech und – Achtung! – unverkrampft.

Lena Meyer-Dingenskirchen ist zu allererst ein Medienphänomen. Selbst Schreiberlinge, die ein Interview mit ihr führen durften, werden nicht mehr zu sehen bekommen haben als ihre TV-gerechte Oberfläche. Und auf die projiziert jeder Journalist, was ihn in seinem verbürgerten Hirn so quält. Männer diesen Schlags wünschen sich eben das junge, halbwegs attraktive und vor allem ständig fickbereite Mädchen mit der eigenen Persönlichkeit, die man weder ernähren, noch bespaßen muss und die man den anderen Männern als “selbstbewusst” vorführen kann. Die immer schon über die Popindustrie schreibenden Finken arbeiten sich an der unerwartet positiven Wirkung von Lena auf Ganzeuropa ab. Gern auch mit nationaldeutschem Unterton. Und dann sind dann noch die iPadophilen in der virtuellen beschützenden Werkstatt, die den Erfolg von LML (Haha! Twitterkürzel für Lena!) irgendwie auf das anschwellende SM zurückführen.

Man kann also alles in diesen weiblichen Durchschnittskörper (Nur echt mit dezentem Tattoo!) hineininterpretieren. Und keiner weiß was Genaues. Nicht mal Stefan Raab mit seiner unklaren sexuellen Präferenz wird die Persönlichkeit der kleinen Hannoveranerin wirklich durchschauen. Dafür ist sie vielleicht viel zu normal.


» Beobachtungen von Rainer Bartel am 30.05.10 um 20:24 » in Kategorien: Deutschland,Feuilleton » 803 x gelesen » 4 x kommentiert
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  1. Die neudeutschdoofe Bürgerlichkeit braucht solche sinnstiftenden “Gemeinsamkeiten” wie den European Shit Contest (ESC) – denn alle anderen haben sie sich ja bereits nehmen lassen oder stehen kurz davor.

    Zerbröselte gesellschaftliche Solidarität, Arbeitnehmerrechte nicht das Papier wert, auf dem sie stehen, täglich finanzamoklaufende gewählte Politiker in der dauerlaufenden Glotze – was bleibt da noch übrig bei den vom Bürgertum erlangten Fortschritten? Nicht mehr viel.

    Im Grunde ist das eine dauerlaufende Abschiedsparty, die von den meisten nur noch quasi dauerbesoffen ertragen werden kann. In der Woche mit Konsumdröhnung, am Wochenende mit Alk. Hauptsache nichts mehr spüren. Denn der Abgrund der Selbsterkenntnis ist ihre persönliche Hölle, und da wollen sie nicht so schnell ankommen.

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    Kommentar von Macsico am 31.05.10 um 10:36
  2. Ich bin mir nicht so sicher, ob man so viel in diese Geschichte reininterpretieren kann/muss? Für mich steht seit Guildos Piep fest, dass sich mit dem Eurovision prächtig Geld verdienen lassen kann. Dazu kommt diese Generation 2006, die gerne “Deutschland” brüllt ohne einen Hauch Ahnung davon zu haben. Das sind dieselben, die als eines ihrer Hobbies im Lebenslauf “Grillen” angeben. Oder die bei Mediamarkt Samstags nach technischem Nachschub suchen für den sinnfreien Alltag. Diejenigen, die ihr Lebensglück in Autos bemessen. Also die perfekten Konsumenten, deren wichtigstes Credo im Leben als “normal” zu gelten. Tja, solche Konsumenten bringen halt Quote, Geld usw. Da ist die nach Quoten lechzende ARD halt mit drauf gesprungen. So einfach ist das…

    Mir tut diese arme Abiturientin leid. Jetzt wird sie monatelang wie die Sau durchs Dorf getrieben bis sie irgendwann den Konsumfreudigen auf die Nerven fällt, weil vielleicht Horst Schlämmer grade ein Comeback gibt.

    Es ist nur noch ermüdend diesem Treiben der Medien zuzuschauen. Wenn SPON vom “neuen Deutschland” spricht, was Lena repräsentieren soll, dann bin ich ganz sicher, dass da die überwältigende Mehrheit der Menschen nicht dazu gehören will.

    Der nächste Grand Prix muss unbedingt in Hannover stattfinden, da keine Stadt in Deutschland besser für die “Generation 2006″ steht. Berlin oder HH sind viel zu voll mit Freigeistern, als dass sie dafür in Frage kämen. Wenn Hannover keine richtige Halle hat, kämen noch Stuttgart oder Mannheim in Frage. Vielleicht auch eine Kleinstadt mit ganz vielen Reihenhäusern, Grills und Parkplätzen…

    [Antwort]

     
    Kommentar von Cymru am 31.05.10 um 15:50
  3. Auch wenn man wie ich mit Schlagern nichts, aber auch wirklich gar nichts am Hut hat, gönne ich dem Mädel die Kohle.

    Sie ist nun eine Person der Zeitgeschichte und jeder, der die Kleine näher kennt, kann nun Honorar erhalten, wenn er intimes an die Presse vertickt. Bis zum Ende ihres Lebens werden ihr die Klatschblätter Lügen andichten und Horden von Paparazzi nachstellen. Das erste Nacktfoto bringt dann das Jahresgehalt eines Facharbeiters und jeder ihrer zukünftigen Bekannten wird nach dem Scheitern der Beziehung ein Buch schreiben.

    Also ganz hart verdiente Kohle.

    Grillen, fi—n,”Deutschland” brüllen, die Flagge schwenken und einen über den Durst trinken wird in den nächsten Wochen an der Tagesordnung sein. Solange unsere Männer das auf der Terrasse und nicht in Polen machen, ist doch alles in Ordnung.

    Public viewing ist außerdem Klasse. Wann kann man schon gemeinsam mit extrem dezent bekleideten Brasilianerinnen über den italienischen Fußball fluchen? Ich freu mich drauf.

    [Antwort]

     
    Kommentar von Montesquieu am 31.05.10 um 16:40
  4. zum neuen “Frauentyp” >

    Hilfe, das neue deutsche Frauenbild kommt

    Lena Meyer Landrut, Eurovision Song Contest Gewinnerin, ist neue deutsche Vorzeigefrau. Sie verkörpert laut Stefan Raab „ein schönes, neues Frauenbild aus Deutschland“. Sie ist braunhaarig (auf blond wurde verzichtet, die Affinität zu blonden Haaren hat den Deutschen im Laufe der Geschichte nicht allzu viele Sympathien eingebracht), kindlich und sieht in kurzen schwarzen Kleid heiß aus.
    Ihr Äußeres verspricht also, bis auf die Haarfarbe, nicht sehr viel Neues. Wenn man sich dann hoffnungsvoll dem Text des Schlagers Satellit zuwendet, wird man ebenfalls bitter enttäuscht.
    Statt einem neuen Frauenbild, spiegelt dieser alte, heteronormative Machtverhältnisse in Beziehungen wieder.

    I went everywhere for you
    I even did my hair for you
    I bought new underwear, they’re blue
    And I wore ‘em just the other day

    Love, you know I’ll fight for you
    I left on the porch light for you
    Whether you are sweet or cruel
    I’m gonna love you either way

    Lena, oder sagen wir das lyrische Ich, macht alles für ihren Mr.Right, auch wenn dieser „grausam“ ist.

    You sometimes make me sad and blue

    Neben Selbstaufgabe lieben Frauen natürlich auch Leiden. Für den Richtigen nimmt frau das alles in Kauf – Hauptsache unter der Haube.

    I saved the best I have for you

    Denn was wäre die neue, deutsche Frau ohne die Anspielung auf die gute, alte Jungfräulichkeit.

    Einen üblen Beigeschmack hinterlässt aber nicht nur das armselige Frauenbild im Text, sondern auch die Extraportion Nationalismus, die solche Events zu Tage bringen.

    http://maedchenblog.blogsport.de/

    [Antwort]

     
    Kommentar von hm_schleyer am 01.06.10 um 12:18

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