Vom Kopieren in den Zeiten vor der Fotokopie

Durchschläge

Folge 1 von 6 in Wörtermuseum

durchschlag“Fräulein Ströher, tippen Sie bitte dieses Band ab. Aber mit drei Durchschlägen, bitte.” So sprach in den siebziger Jahren der Chef mit seiner Sekretärin. Kaum dreißig Jahre später ist das Wort “Durchschlag” praktisch aus dem aktiven deutschen Wortschatz verschwunden. Das liegt daran, dass sich die Technik der Büroorganisation in dieser Zeitspanne mit wahnwitzigem Tempo weiterentwickelt hat. Ich kann davon ein Lied singen, denn ich verfüge über eine klassische Sekretärinnenausbildung. Ja, tatsächlich. Da ich während des Studiums fast ausschließlich Bürojobs ausübte, ließ ich mich – um der damals grassierenden Lehrerarbeitslosigkeit zu entgehen – in Steno, Schreibmaschine und Ablage ausbilden. So wurde ich später tatsächlich einmal als männliche Sekretärin vermittelt. Die Firma, die mich anstellte, war ihrer Zeit voraus – sie besaß eine Speicherschreibmaschine! Sensation. Dies war eine der Lösungen für ein großes Problem der damaligen Bürokommunikation: Wie bekommt man exakte Kopie von Schreiben, die an mehrere Empfänger gehen?

Zwar war die elektrische Vervielfältigung genauso erfunden wie die chemisch-fotografische Blaupause. Und bereits seit 1961 gab es in Deutschland Fotokopierer des damaligen Patenthalters und Monopolisten Rank Xerox – aber nur größte Konzerne konnten sich einen Kopierer leisten, zumal die Kosten pro Kopie noch höher lagen als die für Blaupausen. Und chemisch erzeugte Kopien von den Seiten eines Briefes waren logistisch nicht mit vernünftigem Aufwand zu erzeugen. Nun war es ja immer schon ein Problem, Duplikate von Geschriebenem zu erzeugen. In den Klöstern war es bis zur Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern eine der Hauptaufgaben, Bücher und Urkunden abzuschreiben. In den Kontoren der Handelshäusern in der Zeit vom frühen 15. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wirkten Hundertausende Schreiber, die nichts anderes taten, als Abschriften von Originalen zu erzeugen.
Erst seit 1874 gab es in Serie gefertigte Schreibmaschinen. Zunächst nur von der US-Firma Remington, die viel Erfahrung beim Bau von Handfeuerwaffen gesammelt hatte. Diese vergab Lizenzen in alle Welt, sodass zur Jahrhundertwende in allen entwickelten Ländern Schreibmaschinen mit den spezifischen Eigenschaften der jeweiligen Landessprache produziert wurden. Aber immer noch mussten Originale abgetippt werden. Das ging zwar schneller als von Hand, erforderte aber immer noch Armeen von Schreibdamen, so genannten “Typistinnen”. Wenn man in den Screwball-Komödien der 40er-Jahre diese Großräume sieht, in denen Scharen von hübschen Frauen auf schweren Maschinen klimpern, dann sind das die Schreibsäle, in denen die Kopien von Originalschreiben und -formularen angefertigt wurden. Auch die Originale wurden hier getippt.
Denn der jeweilige Verfasser war weder in der Lage, noch willens, selbst die Schreibmaschine zu bedienen. Bis etwa 1930 wurden die Texte fast ausschließlich ditkiert. Die Stenotypistinnen nahmen den Inhalt auf und notierten ihn in einer Kurzschrift mit Bleistift und Stenoblock. Entweder sie tippte den Brief dann oder gab die Notizen weiter ans Schreibbüro.

Obwohl das Prinzip des Durchschlags schon 1806 patentiert wurde, setzte sich das berühmte Kohlepapier sich erst in den vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts durch. Vermutlich existierten erst in dieser Zeit Herstellungsverfahren, die den Durchschlag erschwinglich werden ließen. In den fünfziger Jahren – auch das kann man schön in zeitgenössischen Filmen sehen – hat sich das Kohlepapier durchgesetzt. Soll die Sekretärin einen Brief tippen, spannt sie gleich vier Blatt ein und legt zwischen je zwei Seiten ein Durchschlagpapier. Wenn nun die am Ende des Schreibhebels angebrachte Letter das oberste Blatt trifft, wirkt der Druck auf das jeweilige Kopierpapier und hinterlässt einen Abdruck auf dem darunterliegenden Papier.
Natürlich verschleißt so ein Blatt Durchschreibpapier recht schnell. Gewiefte Sekretärinnen kannten jede Menge Tricks, um die Lebensdauer zu verlängern: Zum Beispiel das Durchschlagpapier nach bei jeder zweiten Nutzung um 180° zu drehen. Oder: Kohlepapier abwechselnd für Briefe und Formulare zu verwenden.

Die nächste Evolutionsstufe waren selbstdurchschreibende (Ja, so hieß das wirklich!) Formulare. Dabei war die Grafitschicht jeweils auf der Rückseite eines Formularblattes angebracht. So konnten Sätze mit sieben, acht oder gar zehn Durchschriften erzeugt werden. In den sechziger Jahren wurden solche Formularsätze von Hausfrauen in Heimarbeit zusammengelegt; meine Mutter hat das auch mal gemacht – schwarze Hände waren unausweichlich.

Wie gesagt: Die Firma, in der ich meinen ersten und einzigen Sekretärinnenjob ausübte, besaß nicht nur die tollen IBM-Kugelkopfmaschinen (durch Wechseln der Köpfe waren verschiedene Schriften möglich!), sondern auch eine Speicherschreibmaschine; ich glaube, die war von Triumph-Adler. Man konnte also einen Text tippen und gleichzeitig speichern – und zwar bis zu einer Seite mit 2.000 Anschlägen! Und es war sogar möglich, im Speicher einzelne Zeichen zu ändern, also zu korrigieren. Dazu war ein Zeilendisplay vorhanden, durch das man den gespeicherten Text scrollen konnte. Hatte man einen Tippfühler entdeckt, musste man allerdings die gesamte Zeile noch einmal eintippen. Die so gespeicherte Seite konnte dann beliebig oft gedruckt werden. Und das alles im Jahr 1979…

Trotzdem wurde im Alltagsbetrieb mit Durchschlägen gearbeitet. Jede Sekretärin jener Jahre weiß sicher noch, dass IMMER mindestens zwei Durchschläge geschrieben wurden: eine für den Ordner mit den Tageskopien und eine für den jeweiligen Sachordner.


» Eintrag von Rainer Bartel am 16.07.10 um 12:39 » in Kategorien: Feuilleton » 675 x gelesen » 4 x kommentiert
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  1. Na siehst Du. Würdest Du die Ausbildung heute machen, dann wärst Du Bürokommunikationsfachkraft oder so und hättest noch nie etwas von Durchschlägen gehört.

    [Antwort]

     
    Kommentar von quietschbaer am 16.07.10 um 13:36
  2. Kohlepapier kenne ich eigentlich nur von den früheren Lottoscheinen, Glück gebracht hat es mir freilich auch nicht und deswegen vermisse ich es auch nicht.

    Was ist denn die Intention für diesen Artikel?

    [Antwort]

    Rainer Bartel Antwort vom 16.07.10 17:39:

    Intention? Ähem, ich dachte der Titel “Wörtermuseum” für die neue Serie sei selbsterklärend. Nun ja… ;–))

    [Antwort]

    fugo Antwort vom 19.07.10 22:44:

    Vielleicht überschätzt Du einen Teil Deiner Leserschaft *g*
    Ich hatte die Rubrik überlesen. Es mag Dir ein Trost sein dass die englische Übersetzung für den Durchschlag, “carbon copy”, wahrscheinlich auf alle Zeiten in den E-Mailprogrammen als schlichtes “cc” überleben wird.

    [Antwort]

     
    Kommentar von fugo am 16.07.10 um 16:46

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