Dave Matthews Band live im Palladium, Köln
Seit Langem hatte ich mir gewünscht, die Dave Matthews Band (kurz: DMB) einmal live zu erleben; gestern ging der Wunsch in Erfüllung. Leider musste ich dazu nach Köln verreisen, und es ist kein Vergnügen, in dieser hässlichen und desorganisierten Stadt herumzufahren. Denn: Ganz Köln ist Pfusch am Bau. Allerdings war die Lokäschn, das Palladium, ziemlich okay. Mit rund 4.000 Anwesenden war die schöne alte Industriehalle nicht ganz ausverkauft, sodass es genug Raum gab, sich frei zu bewegen. Natürlich war auch der Sound gut; den Mixern der DMB eilt ein exzellenter Ruf voraus. Allein beim Kätering ist Luft nach oben: Drei hilflos überforderte Thekenhäschen bedienten durch ein kleines Loch die Hungrigen, die meilenweite Schlangen bildeten. Nach kurzer Zeit war die Hälfte des Angebots ausverkauft und später gab’s dann nur noch etwas, das “Nachos” genannt wurde. Diese kleinen Nickeligkeiten verblassten aber angesicht der Musik, die innen geboten wurde.
Da standen acht Musikanten auf der Bühne, die allesamt beste Musik zu machen in der Lage sind und ganz offensichtlich einen Heidenspaß daran haben. Allen voran der Meister persönlich. Dave Matthews hat was Clowneskes an sich – nicht nur bei seinen nicht übertrieben lustigen Ansagen, sondern in den Bewegungen, in der Mimik und in diesem Spiel mit der Sprechstimme, das er genauso beim Singen betreibt, wo er bisweilen im Falsett rappt und scattet. Wie überhaupt der Jazz eine der dicken Wurzeln der Band ist. Dazu kommt alles an rockliger, folkloriger Musik, was nicht bei Drei auffem Baum ist. So entsteht diese Kategorie, die mangels besserer Worte “Jamrock” genannt wird. Den betreiben der Herr Matthews und seine Truppe nun schon über 18 Jahre lang und sind seit Jahren die erfolgreichste Liveband der Welt.
Ja, DMB dürfen sich mit Fug und Recht die am meisten besuchte Liveband dieser Erde nennen. Das liegt daran, dass die Herren in manchen Jahren über 100 Gigs spielen, wobei die Größe der Zuschauerzahl zwischen 2.000 und 120.000 schwankt. Tatsächlich hat DMB im Sommer 2003 mehr als Hunderttausend Musikfreunde auf den Great Lawn im New Yorker Central Park gelockt.
Da es sich um begnadete und begeisterte Musiker handelt, ist jedes Live-Konzert ein Unikat voller Überraschungen. Die Setlist steht anfangs nur in Umrissen, meist schmuggelt sich eine unerwartete Cover-Version (gestern war’s “Burnin’ down the house” von den Talking Heads) hinein. Apropos Cover: Wirklich berühmt ist DMB genau für diese fantastischen Cover-Versionen berühmtester Songs verschiedener Provenienz. Meine absoluten Lieblinge sind “Wild Horses” (dabei gastierte Mick Jagger) und “Sexual Healing” – beide kamen gestern abend aber nichts aufs Trapez.
Aber Dave und Konsorten können auch ganz schön anstrengend sein. Ihre Musik darf man sich als sehr dichtes Gewebe aus Tönen, Rhythmen und Improvisationen vorstellen, in dem die Fäden dicht an dicht neben- und übereinander liegen. Das ist dann auch selten bis nie tanzbar; dem in Ehren gealterten Rockfan bleibt da nur ein taktnahes Zucken im Knie. Wobei die üblichen Rockband-Zuschauer – Stammtischkerle jenseits der 45 in Jeans und mit praktischen Regenjacken mit Haaren in vernünftiger Länge – nur eine sehr kleine und eher unradikale Minderheit darstellten. Die überwiegende Masse der Anwesenden war um die 30 und tendierte in Richtung “New Hippies”. Leider waren auch viele dabei, die DMB eher zufällig gebucht hatten und sich die Zeit damit vertrieben, mit ihren idiotoPhones Spielberichte in die virtuelle Welt zu twittern. Überhaupt ist ein Rockkonzert mit Insassen dieser Generation ziemlich stark von unten und oben beleuchtet, weil jeder zweite ein Display vor sich oder hoch hält, um zu kommunizieren, zu knipsen oder zu filmen. Nervig, das…
Aus verschiedenen Gründen brachen wir noch vor dem Ausbruch der Zugaben, die nach den regulären zwei Stunden Spielzeit kamen, auf. Das war schade und das wird nicht wieder vorkommen, wenn ich demnächst wieder dem dichten Musikgeweber der Dave Matthews Band zuhöre – hoffentlich kommen sie jetzt mal öfter rüber nach Europa.
Als Vorband fungierte Alberta Cross, die am Vorabend noch im Düsseldorfer Zakk auftraten. Dave Matthews persönlich sagte die an und nannte sie seine Freunde aus Brooklyn. Hätte er das nicht dazu gesagt, hätte ich diese junge Truppe eher im schwindenden Britpop verortet. Sie spielen sehr elegisch, und der Sänger hat eine markante, leicht nervige Stimme. Man wird sehen…
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