Türkische Literatur

Feridun Zaimoglu: Leyla

Folge 3 von 49 in Erlesenes

Bisher habe ich von diesem Schriftsteller immer die Finger gelassen – wer mit einem Buch namens “Kanak Sprach” in den Litetaturbetrieb hüpft, dem konnte ich nicht viel Vertrauen entgegen bringen. Die teils überschwänglichen Besprechungen des vorliegenden Romans haben es mich wagen lassen. Und die Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Mit “Leyla” hat der gute Feridun ein wahrhaft großes, breites und tiefes Buch vorgelegt. Aus diesem Roman habe ich mehr über das Denken und Fühlen der Türken gelernt als aus allen Dokumentationen und selbst persönlichen Gesprächen.

Zaimoglu schildert das Leben der Leyla, die in einer Kleinstadt aufwächst und – wie ihre vier Geschwister und die Mutter – und ihrem Vater leidet, den sie nur den “Mann meiner Mutter” nennt. Der ist Tschetschene und versucht sich meist erfolglos an allerlei Geschäften. Gleichzeitig terrorisiert er seine Familie auf der Basis eines dumpfen Ehrgefühls und von ihm selbst aus dem muslimischen Glauben destillierter Verhaltensregeln. Leyla ist die jüngste Tochter und – im Gegensatz zu ihren Mitschülerinnen – auf rührende Weise altmodisch. Aber dann lernt sie den Schönen kennen, verliebt sich in ihn und hat das Glück, das er sie heiraten will.
Inzwischen hat die Familie ihr Heim verloren und lebt in Istanbul bei der Großtante, mit deren Tochter der Vater ein Verhältnis hat. Metin, der Schöne, ist Istanbuler und wird von Leylas Vater dafür gehasst. Aber Metin ist auch einer der Ersten, der ihm Widerstand leistet. Doch nach der Hochzeit entwickeln sich die Dinge anders als erhofft. Nachdem sich Leylas Haushaltskünste als unzureichen erweisen, schickt er sie zurück zu ihrer Familie. Er selbst verschwindet für Monate als Praktikant in Deutschland. Gleichzeitig werden Leyla jede Menge Gerüchte darüber zugetragen, das ihr Mann sie betrügt. Dabei ist sie schwanger von ihm. Aber irgendwie kommen die Dinge halbwegs in die Reihe – bis sie erneut schwanger wird und eine mehrfach misslungene Abtreibung hat. Der Roman endet damit, dass Leyla mit ihrem Mann nach Berlin zieht und ihre Mutter mitnimmt.

Zu Beginn wähnt man sich in einem Märchen. Raunende Stimmen sprechen von mythischen Geheimnissen, unklare Traumbilder zeigen sich und erst als Leyla in die Schule kommt, rundet sich das Gemälde der Familie in der türkischen Kleinstadt, wo vieles – der Roman spielt in den sechziger Jahren – noch so ist wie vor Atatürks Revolution. Leylas Leben ist Elend und von Ängsten geprägt: ganz konkreten vor dem bösen Vater und diffusen vor dem Verlust der Ehre. Sie weiß, dass sie nach traditionellem Verständnis nur als Ehefrau ehrbar sein kann. Aber der Umzug nach Istanbul, wo viele Menschen westlich denken und von religiösen Zwämngen befreit handeln, stürzt sie in Unsicherheit.

In diesen reinen Entwicklungsroman hat Zaimoglu in vielen kleinen Teilen Reflexionen über den Umgang der Türken mit ihren Minderheiten – der kurdischen, aber auch den kaukasischen – eingewoben, und auch die politischen Konflikte zwischen Nationalisten, Islamisten und Westlern skizziert. Am aufregendsten sind aber die Schilderungen der arachaischen Bräuche, des spezifischen Machismos und der allgegenwärtigen Unterdrückung der Frauen – selbst bei den aufgeklärtesten Männern. So entsteht ein Bild der Türken, die damals nach Deutschland migriert sind, besonders derjenigen, die zur ersten Generation der so genannten “Gastarbeiter” zählten. Zaimoglus Roman kommt eigentlich zu spät, denn viel Unverständnis der Deutschen gegen die türkischen Zuwanderer sind ja aufgrund der Unkenntnis über deren Fühlen, Denken und Handeln entstanden.

Übrigens: Feridun Zaimoglus Roman “Leyla” bietet neben allem anderen durch seine bildmächtige Sprache auch noch ein enormes Lesevergnügen.


» Rezension von Rainer Bartel am 23.10.08 um 11:30 » in Kategorien: Feuilleton » 368 x gelesen » noch kein Kommentar
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