Mythen und Realitäten

Fred Vargas: Der verbotene Ort

Folge 30 von 45 in Erlesenes

vargas_verbotenerortEs passiert an dieser Stelle selten, dass ich ein Buch ganz uneingeschränkt empfehle. Aber bei “Der verbotene Ort” der französischen Schriuftstellerin mit dem Pseudonym Fred Vargas muss ich das tun, obwohl es sich bloß um einen Krimi handelt. Denn dieser Roman ist, gemessen in Krimi-Kategorien, von ungeheurer Qualität – ich würde sagen, wie ein Krimi von van de Wetering plus 10 Prozent. Zudem bewegt sich der Text auch als “normaler” Roman auf höchstem schreiberischem Niveau. Das wundert nicht weiter, denn Fred Vargas ist vielleicht die größte Krimi-Autorin der Jetztzeit.

Im Zentrum steht wie in mehreren anderen Büchern von Fred Vargas der Kriminalpolizist Adamsberg, eine vielschichtige, keinem Klischee gehorchende Figur. Er löst Fälle nicht einfach, er inhaliert alle Aspekte und taucht so tief ein, dass er ständig in Gefahr schwebt, seine geistige Gesundheit und/oder seine körperliche Unversehrtheit zu verlieren. Umgeben ist er von einer Schar Nebendarsteller, die samt und sondern klar profiliert sind, immer erkennbar als Romanfiguren und doch auch als Personen, die für etwas stehen, das jeder Leser kennt.

Der vorliegende Fall beginnt mit einer surrealen Szene: Vor dem Haupteingang des Londoner Friedhofs Highgate finden sich 17 Schuhe, in denen noch die Füße derjenigen stecken, denen sie zu Lebzeiten gehörten. Und dann wird ein böser, alter Mann in seinem Haus nicht nur ermordet, sondern buchstäblich atomisiert. Vieles weist auf eine rituelle Tat hin, und Adamsberg steckt mittendrin, denn der potenzielle Täter behauptet, sein Sohn zu sein.
Erst eine Reise nach Serbien, ausgerechnet ins tiefste Hinterland an der rumänischen Grenze, bringt Klarheit. Das alles auf dem Hintergrund einer massiven Intrige gegen Adamsberg, die von höchster Instanz im Pariser Justizwesen betrieben wird.

Als einziger Kritikpunkt bleibt, dass Fred Vargas so viele Fäden spinnt, dass sie am Ende spürbar Mühe hat, alle Knoten zu lösen. So wird der Schluss des Romans zu einer atemlosen Aufklärung.


» Rezension von Rainer Bartel am 21.06.09 um 12:48 » in Kategorien: Feuilleton » 321 x gelesen » 1 x kommentiert
»   

  1. Dieser einzige Kritikpunkt gilt übrigens – leider – für die meisten Vargas-Krimis.
    Man verliert bei der Auflösung schonmal leicht den Überblick.

     
    Kommentar von derliebemachtin am 21.06.09 um 23:08

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel.  |  Trackback-URL

Sie müssen eingelogged sein um kommentieren zu können.

blogoscoop