Ilja Trojanow: Der Weltensammler
Man sollte ein wenig Suspekt entwickeln, wenn einem durchweg multikulturell und ökologisch gesonnene Zeitgenossen ein Buch empfehlen. Es könnte sich um einen reinen Gutmenschroman handeln. Bei Ilja Trojanows Weltensammler lag der Verdacht nah. Und bestätigte sich zum Teil, denn der Roman lässt sich auch als eine Art Karl May für politische Korrekte lesen. So viel Antiimperialismus war in der Abenteuerliteratur noch nie. Da begibt sich ein stinknormaler britischer Kolonialoffizier in die Faszination der indischen Geheimnisse, taucht ein, lernt die Sprachen, trägt die Gewänder und steht seinen Kollegen teilweise mit Ekel gegenüber. Das ist aus Sicht der ehemaligen Kolonialopfer erfreulich und liest sich gut.
Dass dann aber die ellenlangen Schilderungen einer Liebes- oder eher Sexaffäre mit einer Zwangsprostituierten den Hauch von Kamasutra versprüht und die Dame ausgerechnet Kundalini heißt, mag die Geschlechtsdrüsen mittlerer Frauen anregen, denen selbst Bauchtanz eine erotische Komponente hat. Nett ist vor allem die Konstruktion, dass neben der Erzählung aus des Offiziers Sicht eine zweite Ebene erzeugt wird, auf der sein ehemaliger Diener verzweifelt versucht, einen Schreiber dazu zu bringen, ihm ein Empfehlungsschreiben zu entwerfen. Der Briefsteller steigert sich nach und nach in den Wahn, aus dem Stoff einen Bestseller zu machen – was ihn zu Recht am Ende Verstand und Ehe kostet.
Nun hat Richard Burton (Auch wenn dies der Name einer historischen Figur ist, hätte der Autor den eventuell doch ändern sollen, weil man irgendwann nur noch auf Liz Taylor wartet…) Indien über und beschließt, heimlich eine Mekkatour zu machen, also eine Hadsch. Jetzt wird’s karl-mayig. Einerseits weil unser Held allerlei Fährnisse zu überstehen hat, andererseits weil Trojanow literweise Esoteriksosse über die Handlung gießt wie Ketchup über die Pommes. Das Ende dieses Abschnitts kommt plötzlich und hat keine Pointe.
Des Romanes dritter Teil ist dann eine ziemliche Paraphrase auf Pynchons geniales Werk “Mason & Dixon“, das eine umfangreiche Welterforschung zweier Amis beschreibt, die vermessen, was zu vermessen ist. Auf diese Weise gerät auch der junge Kehlmann mit seinem Bestseller ins Visier. Jedenfalls bricht Burton nun gemeinsam mit einem unsympathischen Landsmann von Sansibar aus auf, die Quellen des Nils zu entdecken. Geführt werden sie dabei von einem ehemaligen Sklaven, der auf der zweiten Ebene dieses Teils die Erlebnisse aus seiner Sicht den Umhersitzenden erzählt wie weiland Scheherazade. Nun geht es durch den Schlamm, die Dürre bis zu den Standorten der Sklavenhändler. Man lernt, dass Sklaverei ganz was Schreckliches war und die Protagonisten ganz schön eurozentristisch. Alles hätte man sich das nicht schon vorher oft gedacht.
Kurzum: Der Roman von Ilja Trojanow ist das Opfer der Attitüde seines Autors, der sich ja zu allem Überfluss selbst als Entdeckungsreisender in die armen Ecke der Erde inszeniert und zum Zwecke der Buchschreibung angeblich selbst mehrere exotische Sprachen gelernt hat. Damit empfiehlt sich Trojanow jeder Talksow, nicht aber unbedingt dem Freund des schönen Wortes. Obwohl: Eines kann man ihm nicht vorwerfen, dass er nämlich nicht trefflich mit der deutschen Sprache umzugehen verstehe. Das tut er, und man wünscht sich, er würde dies an leichteren Sujets ausprobieren.