Möglicherweise ist Ingo Schulze der derzeit beste Erzähler deutscher Sprache. Sein Wenderoman (…wie sich das anhört!) “Adam und Evelyn” spricht jedenfalls dafür. Es geht um ein Paar, dass in den Wirren des Spätsommers 1989 eher versehentlich Republikflucht begeht. Adam heißt Lutz und ist der Schneider, dem die Damen vertrauen. Evelyn kellnert, weil sie nicht studieren darf. Anhand der Dialoge, die den größten Teil des Textes ausmachen, lernt der Wessi mehr über das wahre Leben in der DDR als aus Hundert TV-Dokumentationen. Vielleicht wird der im harten Kapitalismus gelebt haben Müssende sogar ein bisschen neidisch, denn gerade Adam beweist, dass man sich ganz bequem im Sozialismus einrichten konnte, ohne gleich Mitläufer sein zu müssen.
Deshalb will er eigentlich auch nicht weg. Aber er liebt halt Evelyn. Die will aber auch nicht unbedingt weg. Nur weg von Adam will sie, denn sie hat ihn beim Nachspiel mit einer drallen Kundin erwischt. Nein, eigentlich will sie wohl raus aus der DDR, hat aber Angst. Man trifft sich mit einem befreundeten Paar am Balaton. Die Frau will sich aus dem Unrechtsstaat herausheiraten lassen, aber ihr Wessi-Freund will sich keine Vorschriften machen lassen. Und dann ist da noch Katja, die für die Flucht ihr Leben riskiert und von Adam gerettet wird. Als dann in Ungarn das Gerücht die Runde macht, man könne einfach so nach Österreich ausreisen, bringt Adam Evelyn über die Grenze. Und bleibt. Aber das tut ihm überhaupt nicht gut. Während Evelyn sich schnell im Westen einrichtet, findet er keinen Zugang und verliert sich in Depressionen.
Wie gesagt: Der Roman besteht im Wesentlichen aus Dialogen und äußerst lapidaren Beschreibungen. Das ist angemessen, denn so wird auch der Unterschied im Sprachgebrauch zwischen West und Ost deutlich. Schulze hat so den finalen Roman zum Fall der Mauer geschrieben. Mehr geht nicht.
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