Über das Anschwellen der Schwulenfeindlichkeit
Ist Homophobie ein Migrantenproblem?
Wer verstanden und erkannt hat, dass Homosexualität keine Perversion, keine Krankheit und keine Verirrung ist, der kann nicht einfach nur tolerant sein, der muss sich bekennen und gegen Homophobie auf eine angemessene Weise vorgehen. Zuvor ist ein wenig Nachdenken, Forschen und ein bisschen Erkenntnis notwendig. Und die beginnt (“If you know your history…”) am besten mit der Erinnerung. Wie war das damals in meiner Kindheit und Jugend mit den Schwulen? Wie hat man über sie gesprochen? Wie wurden sie behandelt?
Frühe Jahre
Als im Jahr 1952 geborener Mensch mit relativ vielen und guten Erinnerungen an frühe Jahre klingeln mir aus der Kindheit Sätze meiner Eltern und Verwandten zum Thema in den Ohren, mit denen über homosexuelle Männer (von lesbischen Frauen war nie die Rede) gesprochen wurde. “Das ist ein warmer Bruder” oder “Der ist vom anderen Ufer”. So weit ich mich erinnern kann, galten diese Bemerkungen einem Kollegen meines Vaters, der mir persönlich aber nicht als irgendwie ungewöhnlich aufgefallen ist. Der Tonfall beim Gespräch über diesen Mann war meist ein wenig spöttisch; es hörte sich auch an, als sei das Thema peinlich.
Später (ich muss etwa zehn oder elf gewesen sein…) erklärte ein Schulkamerad, der gerne über sexuelle Themen sprach, dass “schwul” bedeutet, dass man mit Männern rummachen will, während “geil” dafür steht, dass man lieber mit Mädchen knutscht. Derselbe Junge war bekannt dafür, bei jeder sich bietenden Gelegenheit seinen Pimmel vorzuzeigen. Mich haben weder seine Erklärungen, noch sein Penis besonders beeindruckt.
Eines Tages in dieser Zeit war ich in der Stadt unterwegs. Ein offensichtlich betrunkener Mann kam direkt am Karstadt auf mich zu, nahm mich in den Arm, versuchte mich zu küssen und sagte: “Ich finde dich süß.” Das war mir peinlich, und diese Begebenheit prägte einige Zeit mein Bild von Schwulen
Wie gesagt: Im familiären Umfeld war Homosexualität kein wichtiges Thema, und Schwulenfeindlichkeit schien es weder bei meinen Eltern, noch bei Onkeln, Tanten und Bekannten zu geben.
Allerdings weiß ich von einem Gerücht, das einen Klassenkameraden meines Bruders betraf. Der galt als schwul. Tatsächlich wirkte der Typ weich, schlapp und verhielt sich mädchenhaft. Für diese Eigenschaften wurde er gehänselt. Ich glaube, mein Bruder hat sich mit dem Jungen ganz gut verstanden. In meiner Kindheit bin ich jedenfalls nie wissentlich einem homosexuellen Mann begegnet.
Der erste Schwule
Natürlich erfuhr ich in den folgenden Jahren aus den Medien (u.a. durch den Film von Rosa von Praunheim “Nicht der Schwule ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt”) mehr über Schwule, begegnete aber erst einige Zeit später dem ersten Mann, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannte. Dieser Arbeitskollege lebte mit einem Mann zusammen, und beide hatten keine Scheu, über ihre Liebesbeziehung zu sprechen. Von diesem Typ, der übrigens – im Gegensatz zu seinem Freund – kein bisschen tuntig war, erfuhr ich viel über die Schwulenszene und vor allem über die Schwulenfeindlichkeit und ihre Folgen.
Ich lernte, dass Homosexuelle in fast allen Ländern der Welt entweder per Gesetz verfolgt werden oder unter Gewalt von Heteros zu leiden haben. Er schilderte mir die Geschichte des §175 und den Umgang der Faschisten mit den Schwulen. Von mir erfuhr ich vom Christopher Street Day.
Zunehmende Schwulenfeindlichkeit
Mir ist bewusst, dass die folgende These nicht in den Rahmen der Political Correctness passt. Aber meiner Beobachtung nach ist die Schwulenfeindlichkeit in Deutschland mit der Zahl der Migranten angewachsen und die Aggressivität gegen Homosexuelle vor allem durch Jugendliche aus den südlichen Ländern dramatisch gestiegen. Indizien sind klassische Sätze aus der Migrantensprache: “Ey, bist du schwul, oder was?” und “Ey, du Schwuchtel, ich töte dich.”
Ganz offensichtlich ist Schwulenhass eine direkte Folge der streng patriarchalen Männererziehung wie man sie aus den römisch-katholischen, den griechisch-orthodoxen und vor allem den islamischen Kulturkreisen kennt. In einem Geschlechterverständnis, das auf der Macht des Mannes über der Frau aufbaut, ist für Schwule kein Platz. Im Gegenteil: Männer, die dieses archaische Gewaltspiel nicht mitspielen, stellen für das Gesamtsystem eine Bedrohung dar.
Sexualität ist in den genannten Kulturkreisen aufs Engste mit Gewalt verbunden. Im Gangsta-Rap Berliner Prägung, dessen Inhalte vorwiegend von Jugendlichen türkischer und libanesischer Herkunft geprägt ist, dient das Ficken im Wesentlichen dazu, die Partnerin zu demütigen. Der Geschlechtsverkehr wird verstanden als das Unterjochen eines schwächeren Menschen. Wer fickt, ist stark, wer gefickt wird ist Opfer. Mit Lust hat das alles nichts zu tun. Aus dieser Sicht ergibt sich aber auch, dass Schwule – also Männer, die sich ficken lassen – per definitionem Opfer sind. Und Opfer genießen keinen Respekt, man(n) kann mit ihnen machen, was immer man(n) will – eben auch gewalttätig angehen.
Gerade im arabischen Raum hat dieses Verständnis von Sexualität eine lange Tradition. Galt es doch als normales Verhalten, die besiegten gegnerischen Kämpfer nach der Schlacht anal zu vergewaltigen. Eine solche Vergewaltigung wurde nicht nur als Strafe und Demütigung verstanden, sondern als dauerhafte Entehrung, die den Verlust der Männlichkeit nach sich zog. Ein Mann, der sich diesem Tun freiwillig hingibt, hat aus arabisch-islamischer Sicht keine Ehre und deshalb keinen Respekt verdient.
Die Wirkung
In dem Maße, in dem das Denken der genannten Migrantenkreise über zunehmenden Austausch und eben auch den spezifischen Hip-hop in die Wertesysteme der Jugendlichen ohne Migrantenhintergrund gesickert sind, hat sich das Wort “schwul” als allfälliger Begriff für Schlechtes, Hässliches und Ekeliges durchgesetzt. Offensichtlich wirkt der Schwulenhass der patriarchalisch erzogenen Jungmänner auf ganze Generationen heranwachsender Männer. Schwule eklig zu finden, ist Mainstream. Und sich selbst als homosexuell zu erkennen, ist eine der größten Ängste, die Kerle zwischen zwölf und zweiundzwanzig haben können.
Jeder, der über die letzten dreißig Jahre die verschiedenen Erkenntnisstufen betreten hat, die zur Toleranz gegenüber Minderheiten führen, muss über diese Entwicklung in Wut geraten. Denn dieses krude Wertesystem aus Ehre und Gewalt, das aus dem Mittelmeerraum, Anatolien und dem Nahen Osten zu uns gekommen ist, muss als übler Rückschritt verstanden werden, den es zu bekämpfen gilt – zumal alle “Philosophien”, die Gewalt und Macht ins Zentrum stellen, bei heranwachsenden Testosteronbömbchen grundsätzlich auf fruchtbaren Boden fallen. Denn pubertierende Männer neigen dazu, den Schwanz als Waffe zu sehen und Gewalt als ein Mittel zum Zweck.
Ob Verbote – zum Beispiel von Musik mit widerlichen Texten wie die von Bushido etc. – etwas bewirken, ist fraglich. An welcher Stelle anzusetzen ist, welche Instanzen und Organisationen aktiv werden sollten, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass Homophobie und Schwulenhass genauso an der Wurzel bekämpft werden müssen wie Rassismus, Seximus und jede Form von Chauvinismus.
“Schwul” ist leider genauso wie “behindert” auch unter “biodeutschen” Kids ein gängiges Schimpfwort. Der bekloppte Kardinal Meisner erklärt uns im Duett mit der nicht minder bekloppten Fürstin von und zu T&T Homosexualität sei “contra naturam” – eine Meinung, die im katholischen Milieu fest verwurzelt ist. Evangelikale Gläubige erklären gleichgeschlechtliche Liebe zu einer Krankheit. Homophobie ist kein “Migrantenproblem” das “in die Wertesysteme der Jugendlichen ohne Migrantenhintergrund gesickert” ist.
Die Einwände sind berechtigt. Ich glaube allerdings, dass sich Nasen wie Meisner und Gloria T&T ihren Schwulenhass erst wieder öffentlich äußern, seitdem die Homophobie wieder “gesellschaftsfähig” ist – und dass auch “biodeutsche” (schöner Begriff!) Jugendliche “schwul” als Schimpfwort benutzen, führe ich eindeutig auf den Einfluss der Migrantenkinder zurück. Nach meiner Erinnerung war das in den 60ern definitiv noch nicht so und auch in den 70ern wurde “schwul” nicht in dem Maße abwertend benutzt wie heute.
Du hast recht: “schwul” wurde in den 60er/70er Jahren nicht in dem Maße abwertend benutzt. In den 60er/70er Jahren war “schwul” nämlich schlicht kriminell! Zitat aus Wikipedia: “Der § 175 des deutschen Strafgesetzbuchs (§ 175 StGB-Deutschland) existierte vom 1. Januar 1872 (Inkrafttreten des Reichsstrafgesetzbuches) bis zum 11. Juni 1994. Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe.”
Das Einzige, wo ich bereit bin Dir zuzustimmen ist, dass in den von Dir genannten Milieus besonders laut und explizit Schwule, Behinderte, eben alle vermeintlich schwächeren “Opfer” (noch so ein zeitgeistiges Wort – gibt`s eigtl. schon Zeitgeistliche?) beschimpft werden. Das ist wohl dem besonders dringenden Bedürfnis geschuldet den Mainstream zu provozieren und selber etwas darzustellen – eine Position zu haben – etwas zu gelten. Und wer hat das größte Geltungsbedürfnis? Der der (zumindest meint dass er) nichts gilt. Das entschuldigt nichts und niemanden, könnte aber in Überlegungen einfließen, die zu Überschriften wie der Obigen führen, die ich persönlich grauenhaft finde.
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