Der literarische Suizid des John Irving

John Irving: Letzte Nacht in Twisted River

Folge 19 von 49 in Erlesenes

Verehrtes Publikum, wohnen sei bei dem literarischen Suizid des ehemals wunderbaren Schriftstellers John Irving, des Mannes, der uns mit “Das Hotel New Hampshire”, “Garp und wie er die Welt sah”, “Owen Meany” und “Gottes Werk und Teufels Beitrag” zu Herzen gehende Romane geschenkt hat, die geeignet waren, die eigene Weltsicht zu beeinflussen. Auch die frühen Werke sind bezaubernd, teils wild, teils romantisch. Und wenn man – wie ich – jede Zeile gelesen hat, die John Irving je veröffentlicht hat, dann kennt man natürlich die wesentliche Motive des Schreibers: der Bär, das Ringen, Neuengland, der verschwundene Vater, die fehlende Hand. Seit über 40 Jahren variiert er die Themen und hat es immer wieder geschafft, Zeitbezüge herzustellen. Und ein großer Erzähler war er obendrein.

Nun setzt sich die Agonie des John Irving fort, die mit dem völlig misslungenen (und schnell vergessenen) Roman “Die vierte Hand” sichtbar wurde, im ungenießbaren “Bis ich dich finde” einen ersten Höhepunkt fand und jetzt mit dem aktuellen Werk fast vollendet scheint. Die Handlung ist ein Best-of der Irving’schen Motive. Dies mal zwar genauso unwahrscheinlich wie im Garp oder im Hotel, aber ohne die seinerzeit so berückende Fantasie. Ein Koch unklarer italienischer Herkunft bekocht Holzfäller. Seine Frau ist ertrunken. Einer der Holzfäller hat Schuldgefühle, weil er ihr die falsche Hand gereicht hat und so nicht retten konnte. Der Sohn des Kochs erschlägt die indianische Geliebte des Vaters aus Versehen mit einer gusseisernen Pfanne, weil er sie für einen Bären gehalten hat. Das Ganze spielt in den Wäldern Neuenglands. Da die Indianerin aber auch Geliebte des Sheriffs war, fliehen Koch und Sohn, weil sie meinen der Polizist würde sich rächen wollen. Sie landen in Boston, wo der Koch sofort eine andere Geliebte findet, während der Sohn beschließt, Schriftsteller(!) zu werden. Ab da wird’s dann so peinlich wie in fast allen Büchern, in den Schriftsteller über das Schriftstellern schreiben.

Zumal Irving sich nicht entblödet hat, die Story im Folgenden mit jeder Menge Autobiografischem zu bestücken. Natürlich studiert der Sohn in Exeter (die Alma Mater Irvings…), natürlich ist er Mitglied des Ringerteams. Und dann beginnt der, die Schriftstellerei, wie John Irving sie versteht und betreibt, zu beschreiben. Wie rund zwei Drittel des Buches wieder nur aus Beschreibungen besteht von dem, was passiert ist, was passieren wird und was passieren könnte. Viele Tatbestände werden erklärt, manche vier- oder fünfmal. Soviel Ödnis war bei einem amerikanischen Erzähler selten.
Ob der Text auch noch schlecht geschrieben ist oder ob es sich erneut um eine schlampige Übersetzung handelt, ist unklar. Klar ist, dass kein Mensch dieses Romanmonster mit seinen 750 Seiten braucht.

Liest man das übliche Drumherum, also die Homestories und Interviews mit dem Autor, kann man auch wieder nur zu dem Schluss kommen, dass John Irving inzwischen nur noch ein alter, extrem eitler Sack ist. Das unterscheidet ihn negativ von den wirklich großen, zeitgenössischen Ami-Schriftstellern wie Ford, Roth und Updike, in deren Liga er so gern spielen würde.


» Rezension von Rainer Bartel am 19.07.10 um 12:07 » in Kategorien: Feuilleton » 265 x gelesen » 2 x kommentiert
»   

  1. Mir hat die 4. Hand ziemlich gut gefallen, wenn auch nicht ganz so gut wie 2 oder 3 ältere Irving-Romane die ich gelesen habe (wobei “Owen Meany” herausragend ist, wie ich finde). Die beiden neuesten kenne ich allerdings noch nicht.

    [Antwort]

    Rainer Bartel Antwort vom 20.07.10 12:57:

    Echt wahr? Ich fand, dass die Vierte Hand einer der schlechtesten Romane der US-Erzähler seit Jahren war… Ich hab ja kaum die Story verstanden.

    [Antwort]

     
    Kommentar von fugo am 19.07.10 um 22:38

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