Was vor Hamlet geschah
John Updike: Gertrud und Claudius
Schon oft wurde John Updike als kommender Literatur-Nobel-Preisträger gehandelt. Und er hätte es verdient. Natürlich stehen die Romane der Rabbit-Reihe im Mittelpunkt seines Schaffens. Dazu die vielen Büchern, die sich um die amerikanische Mittelschicht drehen. Aber der Meister hat auch ganz andere Themen behandelt. Neben “Brasilien” eben auch “Gertrud und Claudius“. Es handelt sich um einen historischen Roman, der schildert, was im Staate Dänemark geschah, bevor die Handlung des Shakespeare-Dramas “Hamlet” einsetzt.
Updike schreibt das auch wie einen historischen Roman, aber fühlt – wie in den meisten seiner Werke – tief in die Psychologie der Akteure hinein. Im Mittelpunkt steht Gerutha, die Tochter des Dänenkönigs Rorik, die mit sechzehn gegen ihren Willen mit dem eher grobschlächtigen Horwendil vermählt wird. Der König stirbt, und der Gemahl (der bei Shakespeare als der “alte” Hamlet erwähnt wird) übernimmt die Krone. Horwendils Bruder Feng ist der Hallodri in der Familie und seit Jahren als Söldner in Südeuropa unterwegs. Gertrud, so heißt sie im dritten Teil, hat dem König einen Sohn geboren: Hamlet.
Dann kehrt Feng nach Dänemark zurück und gesteht Gertrud seine Liebe. Sie beginnt ein Verhältnis mit dem kultivierten, schönen Mann. Der König kommt ihnen auf die Schliche, und Feng ermordet seinen Bruder. Als Claudius wird er König und heiratet auch noch Gertrud. Hamlet ahnt, dass Claudius den König umgebracht hat. Das ist die Ausgangslage des Hamlet-Dramas.
Updike behandelt Gertrud als Hauptfigur und spürt ihrer Entwicklung vom lebensfrohen Mädchen zur reifen Frau nach. Überhaupt: Jede Szene, jeder Dialog hat die Funktion, Einblick in die Psyche von Figuren zu geben, die weit, weit weg von der heutigen Zeit leben und fühlen. Das ist teilweise rührend und am Ende sogar spannend wie ein Krimi.