Tötet Autofahrer! Bevor sie euch töten...

Krieg auf den Straßen

Folge 22 von 23 in Wutausbruch

Ja, ja, ich geh euch auf die Nerven mit meinen Anti-Auto-Predigten. Aber ich werde nicht nachlassen, so lange ich lebe und immer noch stinkende Mordkisten auf den Straßen Jagd auf unbewaffnete Verkehrsteilnehmer machen. Und nun sagt bloß nicht, ich übertreibe. Die Autofahrer unter euch, also die Individuen, die ein Auto besitzen bzw. sich mit einem Dienstwagen haben bestechen lassen, die viele Wege mit dem Pkw zurücklegen oder sich gar nicht entblöden, gerne autozufahren, ihr seid psychisch krank. Ihr leidet unter einer bipolaren Störung. Doch, doch, ich kenn euch ja. Im wahren Leben, also außerhalb eures Autistentanks auf Rädern seid ihr nette, freundliche, sympathische, kommunikative, insgesamt liebenswerte Geschöpfe. Ihr verhaltet euch vorwiegend friedlich, nehmt Kontakt auch zu Personen auf, die keinen Ressourcenvergeuder ihr eigen nennen, und benehmt euch wie menschliche Wesen. Aber dann werdet ihr Doktoren Jekylls regelmäßig zu Mister Hydes.

Wenn ihr in eure beräderte Rüstung schlüpft, wenn ihr die Türen schließt und die Power spürt, die euch untertan ist. Wenn Ihr dann die Welt nur noch durch Scheiben seht, als sei das echte Leben nur eine Projektion auf Bildschirmen, als wäret ihr Spieler eines Games, das da draußen passiert, während ihr im Warmen und Trockenen sitzt. Dann sind Fußgänger bloß noch Aliens, die es zu vernichten gilt, um die schöne Autowelt zu retten. Im Kasten seid ihr auf euch selbst gestellt, allein in einer feindlichen Umgebung, wo nur der Stärkere überlebt, wo das Gesetz der Waffe gilt. Nein, ich übertreibe nicht. Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: Immer mehr Fußgänger werden von Autofahrern verletzt und getötet, weil sie sich nicht an die Regeln halten.

Zum ersten Mal seit zig Jahren ist die Zahl der Verkehrstoten im Jahr 2010 wieder gestiegen. Waren es aber früher – vor allem kurz nach der Wende, als sich Ossis in billigen BMWs um brandeburgische Alleebäume wickelten – vorwiegend Autofahrer und Insassen von Fahrzeugen, die draufgingen, sind es jetzt vor allem Fußgänger und Radfahrer. Lag die Todesrate damals außerorts höher als in den Ansiedlungen, ist das Verhältnis dabei, sich umzukehren. Nein, ich weiß, mit euch hat das nichts zu tun, ihr haltet euch strikt an die Straßenverkehrsordnung. Ihr würdet nie mit dem Handy am Ohr mit 50 durch die 30er-Zone flitzen. Ihr stoppt an jeder Ampel, wenn die Rot ist, ihr bremst angesichts von Gelblicht ab, ihr drosselt vor jedem Zebrastreifen die Geschwindigkeit. Apropos: Ihr haltet euch sklavisch an die Begrenzungen und findet es richtig, dass es Radar”fallen” gibt.
Exkurs: Hach, wären das nur wirklich Fallen. Also Vorrichtungen, die den rasenden Stinkeimer und die Insassen einfangen. Oder wie eine Bärenfalle ihre Zähne ins blöde Blech schlagen. Auch Selbstschussanlagen, die dem vorbeiflitzenden Sündern von hinten in die Heckscheibe knallen, fände ich fein. Sowie Nagelbretter, die bei Rot quer zur Fahrtrichtung auf den Asphalt gezogen werden…

Seht ihr euch wirklich so? Wenn ja, dann seid ihr miese Lügner und widerliche Heuchler. Ich hör euch doch reden. “Blitzer” sind Abzocke. Man sollte seine Geschwindigkeit dem Verkehrsfluss anpassen, und nachts stört es doch nicht, mit 80 durch die City zu kariolen (Okay, das gilt nur für Droschken). Ihr habt es eilig, da muss man auch mal Fünfe gerade sein lassen. Ihr meint, man sollte nicht päpstlicher als der Papst sein, und, ui, warst du schon mal mit dem Auto in Rom oder Paris? Natürlich sind es die Fußgänger selbst schuld: Was gehen die auch einfach an einer Ampel auf die Straße, bloß weil ihre Ampel Grün zeigt?
Überhaupt sind immer die anderen schuld. Und ihr könnt euch stundenlang miteinander darüber unterhalten, wie schwer ihr es als Pkwisten habt.
Ich hör euch in Morgenmeetings, wenn ihr 20 Minuten zu spät kommt, weil die Autobahn wieder mal dicht war. Wie ihr Autoisten euch dann ebendiese 20 Minuten lang darüber unterhaltet, wo alles Stau war, wie doll und warum. Kommt dann aber der Kollege aus -sammerma- dem achtzig Kilometer entfernten Ort, der immer mit der Bahn fährt – wegen einer Verspätung zehn Minuten nach Beginn, dann wird fröhlich auf die Eisenbahn eingeschlagen.

Und dann geh ich mit dem Hund durch die Stadt und schau euch in eure blöden Fressen, die ihr aufsetzt, wenn ihr euch in eure beweglichen Schneckenhäuser zurückgezogen habt. Wie ihr blöd anglotzt, was nicht autofährt, wir ihr überhaupt guckt wie die Idioten, weil ihr nicht ahnt, dass wir Fußgänger von außen reingucken können. Vom Popeln ganz zu schweigen. Oder körpersprachlichen Effekten, die jeder Psychologe als Zeichen neurotischer Störungen deuten würde. Dann mach ich mir einen Spaß daraus, mit den Lippen ganz böse Schimpfwörter zu formen, von denen “Arschfresse” noch eines der harmlosen ist. Ihr schaut mich irritiert an, manche lesen richtig ab und sind verwirrt. Im Sommer gehe ich auch gern an geöffneten Konservendosen auf Rädern vorbei und sage diese Beleidigungen in normaler Lautstärke. Dann glaubt ihr nicht, was ihr hört.

Also hört demnächst mal genauer hin. Dann lernt ihr aus erster Hand, was ich, was wir Autoabstinenzler wirklich von euch halten, wenn ihr gerade eure dunkle Seite als Fahrzeugführer in eueren rrrrollenden Bonkern auslebt.


» Appell von Rainer Bartel am 21.01.12 um 12:30 » in Kategorien: Deutschland,Feuilleton » 591 x gelesen » 16 x kommentiert
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  1. Was hat jetzt Autismus mit Autos zu tun? *verwirrt*

    Rainer Bartel Antwort vom 21.01.12 20:30:

    Autismus ist hier im eher im Sinne der etymologischen Herleitung denn als Krankheitsbild entsprechend F84.0, F84.1, F84.5 und F84.9 nach ECD-10 gemeint: vereinzelt, zwanghaft, wahrnehmungsgestört.

    Ich möchte betonen, dass ich an Autismus erkrankte Menschen auf keinen Fall mit Autofahrern in einen Topf werfen wollte. Sollte das bei Betroffenen so ankommen, da möchte ich mich für diese Beleidigung ausdrücklich entschudligen.

    yallamann Antwort vom 22.01.12 10:06:

    und jetzt bitte noch bei den bipolaren. das ist keine lustige angelegenheit.

    Rainer Bartel Antwort vom 22.01.12 10:14:

    Okay: Alle Bipolaren sollen wissen, dass ich sie nicht mit Autofahrern verwechselt wissen möchte.

    Im Ernst: Das Verhalten von Autofahrern in einer kranken Gesellschaft ist krank. Deshalb fielen mir in dem Zusammenhang nur psychische Erkrankungen ein…

    Mynios Antwort vom 23.01.12 23:52:

    Sorry Rainer! Ein Rant ist natürlich ein Rant und er soll auch ein solcher bleiben. ;) Das wir beim Thema Auto oft von psychisch gestörten Menschen reden müssen, darüber sind wir uns glaube ich einig.

    Ich möchte das mit dem Autismus auch nicht überbewerten, aber wenn ich so lese was (Asperger-)Autisten schreiben, denn scheint dass was Du (bestimmt ohne böse Absicht) gemacht hast im Moment in Mode zu kommen.

    Um die gedrückte Stimmung wieder ein wenig zu heben noch ein Link zum SUV/Luxus-Geländewagen-Bullshit-Bingo.

     
    Kommentar von Mynios am 21.01.12 um 19:37
  2. hast ja recht. vor allem mit jekyll und hyde. mir gings auch recht bescheiden als ich am küchensamstag zweimal in den baumarkt fuhr. bis zu dir gehts ja noch aber ab kreuzung oberbilker allee die b8 stadteinwärts fahren zu müssen ist höchststrafe und das sag ich als stinker! rücksichtslosigkeit alle 30m. im schlimmsten fall gepaart mir planlosigkeit auswärtiger.
    an die zeit als ich von hassels zur kruppstr. mit dem rad fuhr möcht ich mich nicht so gern erinnern. 2-3 fastabschüsse waren normal.

     
    Kommentar von yallamann am 22.01.12 um 19:02
  3. Ok, ich kenne Deine Einstellung zum Auto, und ja, Du hast durchaus nicht unrecht.
    Ich persönlich denke aber, dass die steigende Anzahl an Strassenverkehrsopfern unter Fußgängern und Radfahrern in Städten auch mit deren Verhalten zusammenhängt.
    Es ist ja nicht so, dass sich nur die Autofahrer mehr oder weniger haarscharf an den Regeln vorbeidrücken.
    Nach meinem Empfinden halten sich auch unmotorisierte Straßennutzer weniger an die auch für sie geltenden Regeln.
    Die Fußgängerampel zeigt Gelb (was es ja überhaupt nur in der schönsten Stadt am Rhein gibt..)? Egal, mit 5 Metern Anlauf und im Laufschritt noch schnell rüber. Wenn da ein Autolenker bei Grün noch abbiegt, wird es eng.
    Der nächste beampelte Überweg ist 30 Meter weg? Egal, schnell mal zwischen stehenden oder fahrenden Autos über die Corneliusstraße.
    Beleuchtung für’s Rad? Unnötig. Die Silhouette wird doch leicht erkannt. Und so weiter.
    Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass das die Opfer jetzt alles selber Schuld sind, ganz sicher nicht. Die Rücksichtslosigkeit und Nachlässigkeit bei Autofahrern hat zugenommen. Aber das gilt eben auch für Fußgänger.
    Das passt irgendwie in das allgemeine Bild des Sittenverfalls in Deutschland, egal auf welcher Ebene.

    PS: Wenn mich demnächst ein Mann mit Windhund böse anschaut und Beschimpfungen formuliert, werde ich einfach zurück maulen. Oder freundlich winken.. ;-)

    Rainer Bartel Antwort vom 23.01.12 12:09:

    Natürlich halten sich auch Nichtautofahrer zunehmend weniger an die Verkehrsregeln – aus Notwehr. Leider ist die Theorie – zumindest was die schönste Stadt am Rhein angeht – falsch, das Verhalten von Fußgängern und Radfahrern trage zur gestiegenen Unfrallrate bei. Unfälle, bei denen Kisten Radler ummähen, entstehen nach den Zeitungsberichten überwiegendst (geschätzt 90%) aus Unachtsamkeit der Pkwisten. Bei Fußgängerunfällen ist die Ursache entweder Durchbrausen bei Rot oder Abbiegen ohne aufzupassen. Im vergangenen Jahr gab es in Düsseldorf keinen Fall, in dem ein Fußgänger wegen falschen Überquerens einer Straße angefahren wurde.
    Das Gros der Unfälle vom Typ Auto vs Straßenbahn sind entstanden durch regelwidriges Wenden über Gleise oder regelwidriges Linksabbiegen.

    Aber ich werde dieses Jahr die entsprechenden Unfallberichte der Tageszeitungen sammeln und auswerten. Dann wird man im kommenden Dezember sehen, wie’s war.

    Michael Antwort vom 23.01.12 12:51:

    Auto vs Tram, das wird in Zukunft auch weiter zunehmen.
    Die Schwachköpfe, die unter Ausschaltung sämtlicher Wahrnehmung und Logik das machen, was ihr Navi sagt, werden wohl eher mehr als geringer.

    Keine Frage, die meisten Unfälle entstehen, weil der Autofahrer den Fehler gemacht hat.
    Aber kombinieren wir mal die Meinungen zu den Fußgängern:
    Ich fahre jemanden beim Abbiegen an, weil der plötzlich bei Gelb noch losrennt, um ja noch über die Strasse zu kommen. Muss ich als Autofahrer damit rechnen, dass das passiert, bin ich also der Schuldige?
    Ich habe mal ein wenig in den Düsseldorfer Polizeipresseberichten gesucht. Leider gibt es jetzt schon für 2012 mehrere böse Unfälle, wobei es wohl noch keinen Todesfall gab.
    Ein Unfall entspricht dabei so ungefähr dem obigen Beispiel: http://tinyurl.com/83e58th
    Und ein anderer zeigt, dass nicht nur für Kinder gefährlich sein kann, zwischen parkenden Autos auf die Strasse zu gehen: http://tinyurl.com/6ne25ke

    Und nochmal: Nein, ich möchte keine Autofahrer verteidigen, die durch die Stadt heizen und auch auf sonstige Regeln schei*en.

    Rainer Bartel Antwort vom 23.01.12 13:00:

    Die Polizeiberichte basieren in beiden Fällen auf den Aussagen der Autofahrer. Zumindest im Fall der Stromstraße würde ich der Darstellung aus eigener Anschauung nicht glauben… Und bei Aussagen von Taxifahrern, da bin ich IMMER skeptisch.

    yallamann Antwort vom 23.01.12 15:45:

    klar bist du schuld wenn du nen fussgänger oder radfahrer wegmähst mit dem auto. von deinem fahrzeug geht die “höhere gefahr” aus. kannst du beweisen, das dir das opfer regelrecht in die karre gelaufen ist bist du raus aus der nummer.

     
    Kommentar von Michael am 23.01.12 um 09:29
  4. da ließen sich diese ganzen Rundumkameras an den neuen Autos doch als Beweismaterial nutzen?

     
    Kommentar von Wilm am 23.01.12 um 16:09
  5. Natürlich halten sich auch Nichtautofahrer zunehmend weniger an die Verkehrsregeln – aus Notwehr.

    Das ist, mit Verlaub, ziemlich tendenziöser Quark (selbst wenn daran nichts zu deuteln ist, dass von den Autos im Verkehr die größere Gefährdung ausgeht). Aber da so gut wie niemand heutzutage nur Autofahrer oder nur Radfahrer oder nur Fußgänger ist, scheint mir diese Trennung künstlich, sprich, der Autofahrer, der am Steuer wenig Rücksicht nimmt auf schwächere Verkehrsteilnehmer ist womöglich auf dem Fahrradsattel genau der Idiot, der auf der falschen Straßenseite oder über die rote Ampel kachelt oder der Fußgänger, der sich zwischen zwei Fußgängerampeln in den laufenden Verkehr stürzt. Das ist dann aber meistens keine Notwehr, sondern das exakt gleiche regelverachtende Arschlochverhalten in verschiedenen Kontexten. Und man kann es sich in der jeweiligen Situation auch immer so schön reden wie mans braucht, weil die jeweils anderen, DAS sind doch immer die schlimmen.

    Rainer Bartel Antwort vom 23.01.12 20:17:

    Du hast ja Recht. Aber bei einem solch polemischen Wutausbruch muss ich doch die Grundhaltung auch in der Diskussion aufrechthalten, oder?

    Im Ernst: Der Autoarsch ist meist ein ganz anderes Wesen, wenn er nicht in seiner klimatisierten Virtualkiste hockt. Und macht dann auch mal Mist. Tatsächlich – das sagen zumindest niederländische Experten – ist die strikte Trennung der Bewegungszonen für Pkw, Radler und Fußgänger eine Ursache für die zunehmende Rücksichtslosigkeit. Es gibt wohl ein paar kleinere Städte in Holland, wo man Geh- und Radwege abgeschafft hat und die Verkehrsfläche allen Teilnehmern gleichermaßen gehört. Das soll gut funktionieren…

    Michael Antwort vom 24.01.12 09:05:

    Stichwort Shared Space, der Wiki-Artikel scheint nicht so schlecht zu sein zu dem Thema. Aber eine Umsetzung scheint mir im großflächigen städtischen Gebieten erst nach einem gesellschaftlichen und ökonomischen Totalzusammenbruch möglich zu sein..

    mark793 Antwort vom 24.01.12 12:21:

    Bei uns in der Verbundgemeinde westlich von Düdorf ist shared space grad in der Diskussion für die Dorfstraße. Ich finde das Konzept nicht uncharmant, sehe aber auf alle Beteiligten noch einige Lernprozesse zukommen.

     
    Kommentar von mark793 am 23.01.12 um 17:45

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