AC/DC live auf Schalke
Ganz klar: Ein Stadionkonzert sollte man nicht unter musikalischen Gesichtspunkten betrachten. Speziell im Falle der kleinwüchsigen Band AC/DC nicht, denn bei denen verbietet sich die Anwendung dieser Kategorie von vornherein. Wir lieben AC/DC ja nicht, weil sie so ausgefuchste Stücke schreiben und so subtile Harmonien pflegen, sondern weil sie ihr Werk mit roher Kraft präsentieren. Insofern eignen sich die Young-Brüder & Co. gut für das Befüllen von Event-Arenen wie der auf Schalke. Genauso klar ist, dass Sound, Auftreten und Image der Band haufenweise Prolls anlocken. Im Grunde gab es gestern nur drei Sorten Anwesender: Stockbesoffene Fußballprolls, Event-Touris auf Betriebsausflug und das Häuflein aufrechter und echter AC/DC-Anhänger. Und alle zusammen pressten sich in die Müllhalde, die sich Veltins-Arena nennt.
Katastrophale Event-Arena
Als Düsseldorfer lernt man die Qualitäten des hiesigen St.Erwin-Tempels ohnehin erst schätzen, wenn man sich woandern Fußballspiele oder Konzerten angesehen hat. Was aber so viele so toll an der Arena finden, die Biertrinker Assauer der unbedeutenden Stadt Gelsenkirchen geschenkt hat, bleibt Ihrem sehr ergebenen Beobachter (ISEB) verborgen. Der Bau sieht aus der Ferne aus wie ein aus der Form geratenes Zirkuszelt in hässlichern Farben. Aus der Nähe ist das Gebilde schmuddelig. Drinnen ist es eng und dreckig. Die Umläufe sind so schmal, dass jede Schlange Pissbeckensuchender den Verkehr final zum Erliegen bringt. Apropos Verkehr: Das Verlassen des Parkplatzes im Norden der Hütte dauerte sage-und-schreibe zwei Stunden! Zwar kassiert man fünf Euro, aber nach Ende der Veranstaltung haben sich alle Verkehrsregler verpisst, und auf der Fläche herrscht das Faustrecht. Und das bei massenhaft angreisten Fußballprolls aus Gelsenkirchen, Dortmund und Essen! Da drohte ein Kumpel seinem Kumpel Schläge an, weil der das Auto nicht fand. Da wankte zwei Volltrunkenen zum Auto und debattierten, wer denn nun fahren sollte.
Kurz und schlecht: Die Organisation war anlässlich des AC/DC-Konzert mit über 60.000 Besuchern eine einzige Katastrophe. Zumal man an den Fress-und-Saufausgaben abgezockt wird. Man muss nämlich eine Geldkarte erwerben; nur mit der ist der Kauf von Pils und Wurst möglich. Die so genannte “Knappenkarte” ist in Stückelungen von je fünf Euro aufladbar, sodass bei ungeraden Preisen meistens was übrig bleibt, das dann verfällt. Wes Geistes Kinder die Betreiber sind, zeigt auch die Anzeige auf dem Würfel über dem Innenraum: “You can by the Knappenkarte at the Knappenkartenschalter”. Am Ausschank grölten die bereits erwähnten Prolls dann unflätige Hassgesänge auf die jeweils anderen Fußballclubs. Mehr hässliche Menschen auf einen Haufen hat ISEB selten gesehen, und zwei Stunden vor Konzertbeginn fielen die ersten Besoffenen auf ihre Fressen.
Im Block
Für die Ordnung sollten Leute einer Firma namens “Bremen” sorgen, die aber den lieben Gott lieber einen guten Mann sein ließen. Entweder lungerten sie tatenlos herum oder sie waren gar nicht erst da. So herrschte an den Eingängen zu den Stehblocks ebenfalls das Recht des Stärkeren. Da eigentlich immer Hunderte zum Bierholen rein und raus tapperten, gab es keinen Platz, an dem man sich auf das Geschehen konzentrieren konnte. ISEB wanderte später aus und fand ganz vorne links ein nettes Plätzchen auf der Rollstihlfahrerplattform.
Zuvor war man mit einer circa zwölfköpfigen Kollegentruppe konfrontiert, die sich mal so richtig Rock geben wollten, aber doch eher in ein Christina-Stümer-Konzert gepasst hätten. Wie überhaupt gefühlte 80 Prozent der Besucher kein irgendwie nachvollziehbares Verhältnis zu AC/DC erkennen ließen. Vermutlich handelte es sich vielfach um Personen, die alternativ auch in den Movie-Park hätten gehen können, wo an diesem Abend sicher ein nettes Spargelwettschälen oder irgendein Rekordversuch stattfand.
Selbst die Tausenden AC/DC-T-Shirt-Träger konnten nicht durchgehend als Fans überzeugen. Dann schon eher die zwei Hände voll Typen, die sich als Angus Young verkleidet hatten. Gerade für die Älteren – rund zwei Drittel der Zuhörer waren Mitte vierzig und älter – scheint AC/DC eher symbolhaft für die Kraft der Jugend zu stehen. Und so freuten sich Vati und Mutti, beide in Lederjacke, gemeinsam am Krach. Wie überhaupt die Zahl der weiblichen Fans erstaunlich groß ist, wo man doch denken sollte, Krach ist was für Männer.
Das Konzert
ISEB muss gestehen, kein AC/DC-Fan zu sein und dem spezifischen Rock’n'Roll der Australier mit einer gewissen ironischen Distanz gegenüberzustehen. Dass hinter “Highway to Hell” und “Hell’s Bells” irgendeine krude Mystik stehen könnte, darf bezweifelt werden. Wie auch die Bühnendekoration und -show mit allerlei teuflischen Versatzstücken operierte, die einen Hauch satanistisch wirken sollen. Dem entsprechen auch die Teufelshörner an den Angus-Kappen, die links und rechts oberhalb der Bühne schwebten. Die gehen bekanntlich zurück auf ein Cover, das Angus als Teufel in Schuluniform zeigt. In dieser Tracht ist er eine absolute Rock-Ikone, ohne dass hierzulande irgendwer wüsste, welche Symbolik sich hinter dem Outfit verbirgt.
Sänger Brian Johnson zeigt sich dagegen als Working Class Hero mit wolliger Schlägermütze und ärmelloser Weste. Beide beziehen sich damit auf eine britische Ära, als es zwischen Schülern und Arbeitern erst zu Massenschlägereien und dann zu Verbrüderungen kam. Beide Seiten verstanden sich nämlich in den Jahren vor 1970 als Kämpfer gegen das Establishment. Das nur am Rande…
Jedenfalls scheinen die Hörner wichtigster Merchandising-Artikel zu sein, denn gefühlte fünfzig Prozent der Zugucker hatten sich für zehn Euro diese Karnevalsdinger gekauft und ließen ihre Hörnchen rot blinken. So mancher Rock’n'Roller dürfte sich angesichts dieses Schwachsinns in seinem Grab umdrehen.
Natürlich ist man bei einem Stadionkonzert extrem weit weg. Da die Gleichstromwandler persönlich alle ziemlich klein sind (Angus Young angeblich unter einssechzig…), erkennt man sie auf der Bühne eigentlich gar nicht. Dafür wurden aber wirklich gute Live-Bilder auf den Leinwänden links und rechts der Bühne gezeigt. So konnte man den Musikern auch mal ins Gesicht schauen. Natürlich gab es einen Hundertmeterlaufsteg, auf dem Angus und Brian die meiste Zeit verbrachten. Aus irgendeinem Grund stand eine Dampflok im Mittelpunkt, die ordentlich Funken sprühte.
Vorsichtshalber hatte sich ISEB mit leuchtend blauen Ohrstöpseln versorgt und war denen sehr dankbar. AC/DC spielt wirklich sehr, sehr laut. Die Anlage gab ordentlich Druck und war auch prima ausgesteuert. Einzig die Tatsache, dass die Videobilder nicht mit der Musik lippensynchron liefen, störte ein bisschen. Bei der Art Mucke, die diese Jungs machen, ist die Einstellung der Soundanlage extrem wichtig, weil gerade bei lautem Rock die Gefahr groß ist, dass ein dumpfer Krachbrei entsteht. Das war gestern definitiv nicht so.
Über die Setlist kann ISEB mangels Kenntnis des Oeuvres wenig sagen. Die Mitgrölsongs kamen jedenfalls vor. Leider war das mittlere Drittel des Konzert ausgesprochen eintönig und letztlich stinklangweilig. Klasse aber ein Bluesstück, dass wirklich wie Blues klang – hätte ich denen gar nicht zugetraut. Mit “Whole lotta Rosie” hatten sie mich dann. Ein toller Song, perfekt live vorgetragen. Das ging auf die Nackenmuskeln. Anschließend gab der Hänfling Young im Umfeld von “Those who are about…” ein über zehnminütiges Solo, das eher sportlich betrachtet werden sollte. Er sprintete klampfend über den Laufsteg in den Kubus in der Mitte des Innenraums und tauchte plötzlich auf dessen Dach auf. Dann raste er wieder zurück, ein Treppchen hoch, wieder runter und quer über die Bühne. Die Bilder zeigten das Gesicht eines Triathleten am Ende der Laufstrecke.
Fazit
Natürlich sind die Bestandteile eines Stadionkonzerts vorhersehbar. Natürlich ist auch jeder AC/DC-Gig vorhersebar; so vielfältig ist das Repertoire der Band ja nicht. Leider muss die Arena auf Schalke aber als ein ausgesprochen schlechter Ort für Derartiges betrachtet werden. Wobei sie letztlich der passende Platz war für ein Konzert, dessen Inhalt die alkoholmissbrauchenden Fußballprolls des gesamten Ruhrpotts anlockt. Anders wird das Spielen des Nie-Wieder-Meisters Schalke 04 auch nicht sein.
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Wow. Ich hab AC/DC (die ich als Teenie natürlich vergötterte und deren Songs ich auf der Stromgitarre nachspielte) anno 1979 live in der Ludwigshafener Eberthalle gesehen, damals noch mit Bon Scott am Mikro. Es war mein erstes größeres Konzert, und ich hatte mit meinen Eltern lange Debatten, ob ich da hindarf oder nicht. Es stand auch auf der Kippe bis zuletzt. Irgendwie wars ziemlich geil, aber irgendwie auch erschreckend. Mir ist diese geballte und hochenergetische Massendynamik nicht nur positiv aufgestoßen, ab einem gewissen Punkt ist es doch egal, ob die Masse auf Aufforderung des Frontmanns hin “She’s got the jack” mitgrölt oder sportpalastmäßig auf die Frage nach dem totalen Krieg “jaaaa” brüllt. Und dann die vielen Vollhonks, die sich vor dem Einlass schon die Lichter ausschossen mit kanisterweise Cola-Whisky und was weiß ich noch alles, das war schon eklig. Und irgendwie ist mir damals klargeworden, dass diese Art von Event nichts für mich ist.
Ich habe später eine Reihe von Clubkonzerten (Punk, Hardcore, whatever) gesehen, wo es zum Teil heftiger herging, aber irgendwie blieb das ganze noch einigermaßen überschaubar. So ein Stadion-Rock-Riesen-Event habe ich mir jedenfalls nie wieder gegeben – da müsste man mir eine Menge Geld hinlegen. Und grade deswegen find ichs gut, dass Dir das angeguckt hast, um Bericht zu erstatten. Denn trotz allem find ich AC/DC irgendwie immer noch gut.
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