The Brighouse & Rastrick Brass Band

Liebe Freunde der Blasmusik

Folge 13 von 39 in Blasmusik

brighouse_rastrickGibt es etwas, das mehr für die Kraft des Proletariats steht als die Kultur der Bergmänner? Und wenn das nicht auf die Kumpel im Pott zutrifft, dann doch sicher auf die Miners in den Kohlerevieren Englands. Schon Friedrich Engels hat in “Die Lage der arbeitenden Klasse in England” in den 40er Jahren des neunzehnten Jahrhunderts davon berichtet. Damals hatte sich der Bergbau in Durham und Northumberland, Yorkshire und Derbyshire, Lancashire, Südwales und Südstaffordshire zum Motor der Industrialisierung entwickelt. Natürlich wurden die Arbeiter heftigst ausgebeutet, aber mit der wachsenden Bedeutung ihrer Arbeit wuchs auch ihr Selbstbewusstsein. Und die Solidarität untereinander. Denn man arbeitet zusammen und lebte in Zechensiedlungen dicht an dicht miteinander. Ganz Städte wurden nur von Kumpels und ihren Familien bewohnt, eine eigene Kultur der Miners entstand rund um die Collierys. Und zu der gehört seit etwa 1830 die Blasmusik.

Wie eng der Zusammenhang zwischen Bergarbeiterleben und der Musik der Marching Brass Bands ist, zeigt sehr schön der Film “Brassed Off” von 1996, der nur ein bisschen Komödie und ganz viel Sozialdrama ist. Nicht erst durch den Streifen rund um die fiktive Blaskapelle namens “Grimley Colliery” (die von der weltbekannten “Grimethorpe Colliery Band” gedoubelt wird…) bin ich auf die Blasmusik gestoßen – schon 1977 faszinierte mich ein Stück namens “Floral Dance” von der Brighouse & Rastrick Brass Band, das damals wochenlang in den englischen Popcharts auf den oberen Plätzen stand und sogar mal die Nummer 2 war. Das nämliche Stück kommt im Film übrigens auch vor – aber die Brighouse & Rastrick Brass Band spielt es besser:
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Brighouse ist ein kleiner Ort in Yorckshire in der Nähe von Bradford und Leeds; zwei Städtenamen, die den Fußballfreund aufhorchen lassen. Zieht man einen Kreis von 20 Meilen Durchmesser um Brighouse, wird es noch spannender: Manchester, Blackburn, Bolton, Burnley, Barnsley, Sheffield und Huddersfield heißen die Orte – allesamt Repräsentaten des guten alten englischen Soccers. Manchester United und Manchester City sind hierzulande die bekanntesten, aber auch von Rovers und Wanderers, Burnley FC und Barnsley FC (bekannt geworden durch die Biografie des deutschen Torhüters Lars Leese) sowie FC Sheffield und Sheffield Wednesday hat man hierzulande gehört. Dass aber Huddersfield Town (neben Preston North End) zu den absoluten Traditionsvereinen gehört, wissen nur wenige.

Die Geschichte des englischen Fußballs ist eng verbunden mit dem Kohlebergbau, das ist klar. Zwar stammt der Sport selbst eher aus den aristokratischen und großbürgerlichen Kreisen, aber schon um 1880 herum begannen Kohlearbeiter, Clubs zu gründen und Wettkämpfe abzuhalten. Einer der ältesten, nur zum Zwecke des Fußballspielens gegründete Clubs der Welt ist vermutlich Preston North End (von 1881), die 1889 erste englischer Fußballmeister wurden. Preston liegt etwa 25 Meilen weg von Brighouse. So mischt sich die Brass-Band-Tradition mit der Tradition des englischen Fußballs.

Selbst der ekelerregende Thatcherismus, der den großen Bergarbeiterstreik von 1984/85 niederschlug, hat es nicht geschafft diese proletarische Kultur zu zerstören. Da sind die Fußballgeschäftemacher schon auf einem erfolgreicheren Weg, denn als Folge der Hillsborough-Katatsrophe und des anschließenden Taylor-Reports wurde alles abgeschafft, was den Arbeiterfußball ausmachte. Inzwischen kann sich kaum ein Normalverdiener noch eine Dauerkarte leisten; viele bringen es pro Saison auf gerade Mal zwei oder drei Spiele ihres Teams, schließlich kosten die Tickets in der Premier League mindestens 20 Pfund (etwa 22 Euro) – um 1988 herum gab es Karten für die Stands teilweise schon für weniger als ein Pfund.

Angesichts dieser langsamen Zerstörung einer kulturellen Tradition darf man sich über die wieder wachsende Begeisterung der Ebgländer für ihre Brass Bands freuen. Übrigens: Die Brass-Band-Bewegung schwappte Ende des neunzehnten Jahrhunderts einserseits in die USA über, wo daraus die Kultur der Marching Bands entstand, und andererseits besonders in die Niederlande. Die dort praktizierenden Kapellen sind die einzigen, die den Gruppen aus England das Wasser reichen können.


» Geschichte von Rainer Bartel am 13.10.09 um 13:03 » in Kategorien: Feuilleton,Sport,Wirtschaft » 700 x gelesen » noch kein Kommentar
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