Vom Äffischen und Wölfischen im Menschen
Mark Rowlands – Der Philosoph und der Wolf
Auf dieses Buch hatte ich mich schon gefreut, nachdem ich zum ersten Mal davon hörte. Ohne allzuviel über den Inhalt zu wissen, hatte ich die vage Hoffnung, es könne sich um einen philosophischen Versuch auf der Basis des Mensch-Tier-Verhältnisses handeln. Ich wurde nicht enttäuscht, obwohl der Autor einen ganze anderen Weg geht als vermutet und zu ganz unerwarteten Ergebnissen kommt. Worum geht’s? Der junge Philosophieprofessor Mark Rowlands, der an einer unbedeutenden Hochschule in Alabama, USA, lehrt, schafft sich aus einer Laune heraus eine Wolfswelpe an. Brenin, so tauft er den Rüden, wächst zu einem mächtigen Wolf heran und zwingt seinen Halter so dazu, seinen lockeren Lebenswandel zu ändern und sich fit zu halten, um dem Tier Herr zu werden.
Rowlands schildert eigentlich nur Bruchstücke seines Lebens mit dem Wolf (und später den zusätzlichen zwei Hündinnen). Statt dessen benutzt er die Geschichte nur als Folie, auf der er seine philosophischen Überlegungen entwickelt. Seine Ausgangsthese ist die, dass in jedem Lebewesen der Erde immer auch alle seine evolutionären Vorfahren stecken – im Mensch also der Affe, aber auch der Wolf. Nach Rowlands unterscheidet sich der Affe von Nichtprimaten vor allem durch die Fähigkeit zur Lüge und zum Betrug. Während der Wolf nicht anders kann als vollkommen ehrlich zu sein, setzt der Affe allerlei Tricks ein, um sich einen indviduellen Vorteil zu verschaffen. Mit der Zeit setzt Rowlands bei sich ein Stück des wölfischen Erbes frei, und Brenin wird so zu seinem Bruder.
Aus diesem Spannungsfeld heraus erarbeitet Rowlands eine Theorie des Tierrechts, der weit über die sentimentale Hysterie so genannter “Tierschützer” hinausgeht. Ja, es geht auch um die Frage, ob das Tier eine Seele hat. In diesem Punkt wird Rowlands selbst zum Radikalen, der beginnt, sich nur noch vegetarisch zu ernähren und den Wolf vom Fleisch auf den Fisch bringt.
Schließlich befasst sich Rowlands notgedrungen mit dem Tod. Nach elf Jahren ist Brenin an Krebs erkrankt und stirbt qualvoll. Rowlands begräbt ihn des Nachts und betrinkt sich so haltlos, dass er beinahe selbst einer Alkoholvergiftung erliegt. Später wird ihm klar, dass nur der Mensch mit seinem linearen Zeitdenken (Vergangenheit -> Gegenwart -> Zukunft) Angst vor dem Tod haben muss, denn der Tod nimmt ihm die Zukunft. Der Wolf und die anderen Tiere betrachten die Zeit dagegen als Kreis, als Abfolge wiederkehrender Ereignisse – sie kennen keine Wünsche und Hoffnungen, können deshalb nicht enttäuscht werden und leben so in völligem Einklang mit sich.
Die elf Jahre führen Rowlands aus einem wilden Partyleben in Alabama in ein zugiges Haus in Irland, nach London und schließlich nach Südfrankreich, wo Brenin stirbt. Aus dem jungen Draufgänger wird ein einsamer Misantroph. Erst durch die Beziehung zu Emma, seiner Frau, und dem Baby, erfährt er etwas, worum er den Wolf immer beneidet hat.
[Mark Rowlands; Der Philosoph und der Wolf; exklusiv bei Zweitausendeins]