Die Kiss-Opas spielen bei Gottschalk
Oh, mein Gott, sie haben den Rock’n'Roll getötet!
Danke der Nachfrage, es geht mir besser. Der Brechdurchfall, der mich gestern abend so gegen 22:00 ereilte, ist abgeklungen. Beim Nebenbei-Fernsehgucken geriet ich versehntlich auf das zweite Programm, wo es ja schon seit vielen Jahren eine Show names “Wetten dass” gibt. Man sagt, früher sei es darum gegangen, dass irgendwelche Bekloppten irgendwelche bekloppten Sachen machen und irgendwelche bekloppten Promis wetten, dass die Bekloppten das schaffen oder nicht. Das interessiert ja im Prinzip keinen toten Hering. Nun hat ein gewisser Thomas Gottschalk irgendwann die Show übernommen und lädt immer ganz viele internationale Promis ein. Denn “der Thommy” – so lässt er sich gern nennen – lebt in Kalifornien, und die ganzen Hollywood-Stars sind quasi seine Nachbarn. Außerdem hält sich dieser Gottschalk, der wohl 50 sein mag oder älter, für so’n richtigen Rock’n'Roller – also wild, frech, unangepasst etc. Tatsächlich ist er auch bloß ein schmieriger, alter Sack, der gern junge Frauen befummelt. Aber darum geht es hier gar nicht.
Denn also ich so verwundert auf den Bildschirm glotzte, sagte dieser “Thommy” plötzlich an, dass jetzt Kiss spielen würden. Wie jetzt, sachte ich bei mir, die KISS? Sind die nicht schon alle tot oder fett oder in der Klinik? Dabei müsste ich es wissen, weil ich kürzlich auf irgendeinem dieser obskuren Kabelsender, von denen man nie genau weiß, ob sie tatsächlich senden oder man sich das einbildet, eine Sendung sah, in der ein gewisser Gene Simmons auftrat. Das ist der Kiss-Mann mit dem Haarpuschel oben und der Cunnilingus-Zunge vorne. In der Sendung spielte er den Ozzy Osbourne, also er imitierte dessen legendäre Reality-Home-Show (“Sharoooon! Wer are my fucking glases?”). Nun ist der Simmons aber eine unsympathisches, neoliberales und vermutlich auch neokonservatives Arschloch, der Meinungen von sich gibt, mit denen er leicht Berater von George Kabeljau (Kennt den noch wer?) hätte werden können.
Als ich diesen hässlichen Vogel sah, der sich die Fresse liften ließ und irgendwie dauernd Leute zusammenschießt, die weniger Kohle haben als er, dachte ich noch so: Boah, gut dass es diese fürchterliche Band nicht mehr gibt! Und jetzt das.
Da hoppeln also vier verkleidete und bemalte alte Säcke (der jüngeste ist 57, der älteste 65), die nicht richtig Gitarre spielen und vor allem nicht singen können, über die Bühne, rund um die es sieben Minuten lang unentwegt pufft und kracht und blitzt und donnert. Dazu sägen sie “Songs” von ausgesuchter Simplizität und unvorstellbar bescheuerten Texten – in einem davon fordern sie das Publikum (“Let me hear you, Deutschland!”) auf, “Yeah” zu brüllen. So flashmob-mäßig…
Das Publikum in Erfurt (Jau, genau in solchen Orten sollten diese Show nur noch aufgeführt werden!) war gemischt. Eine ziemlich große Minderheit war wohl wegen Kiss dar, denn man sah zig Spießer, die sich entweder kissig geschminkt hatten oder aber Karnevalsmasken in den Händen trugen, die diesen Simmons vorstellen sollten. Die hässlichsten Vertreter dieser Fans hatten sich gleich ganz in Kiss-Schale geschmissen. Und fühlten sich wahrscheinlich wild, frech, unangepasst.
Tatsächlich ist es aber die pophistorische Rolle dieser minderwertigen Truppe, den Rock’n'Roll gekillt zu haben. Olle Zappa bezieht sich mit seinem legendären Albumtitel “We’re only in it for the money” ausdrücklich auf Simmons & Konsorten. Ja, dieser Haufen klebriger Freaks war eine der ersten, wenn nicht die erste “Rock”band, die es allein um des Geldes wegen taten. Verrückt daran ist ja nur, dass es ihnen ohne spürbare Begabung und mit schlimmem Material gelang, bloß weil sie sich anmalten und komische Sachen trugen…
Natürlich fühlt sich dieser Gottschalk derlei Treiben eng verbunden, denn er ist ja ganz genauso. Auch er ist nur wegen der Kohle drin, auch er kann eigentlich nix und auch er trägt komische Klamotten. So wächst zusammen, was zusammengehört.
Ich saß nach dem ganzen Feuerwerk eine Weile benommen vor dem Monitor. Auf dem Sofa saß dann diese Ossi-Schnalle, die auf RTL “Bauer sucht Frau” ansagen muss und ein Jungschauspieler namens Schweighöfer, der Hollywood auch irgendwie dufte findet. Auch Sophia Loren hatte man angekarrt. Plötzlich kam dann noch der Cevin Kostner, also der mit dem Wolf und der Wasserwelt, weil der jetzt auch Musik macht und eine Tour durch Germany zu bewerben hat. Dem ging das Geplänkel sichtbar auf die Nüsse, der wollte bloß auftreten. Was er dann auch tat. Mit einem Song, der an Belanglosigkeit kaum zu übertreffen ist. Was dem guten Kävin zu sagen sich der Gottschalk aber nicht traute.
[Anregung und Youtube-Link via Silke Lu Nolden im Fratzebuch]
Verachtenswert sind nicht diejenigen die damit Geld machen sondern jene die dafür Geld ausgeben (CD-Käufer, Fernsehsendeanstalten die Gebühren verprassen etc).
Ansonsten gilt: Rock ‘n’ Roll is dead and we don’t care.
Rainer Bartel Antwort vom 28.02.10 12:49:
Alles ein Generationsproblem: Mir als jemand aus dem Jahrgang 52 ist es nicht egal, dass irgendwelche Arschgeigen versuchen, den Rock’n'Roll zur Nutte zu machen.
Und als jemand dieses Alters hat das Ganze schon auch eine politische Dimension.
Ich hasse Revivals, ob von Kiss oder Led Zeppelin, egal. Das ist wie “nochmal zum Abschied” miteinander zu schlafen: Gegen den schalen Nachgeschmack hilft auch kein Odol.
Kiss ist und war immer eine Gurkentruppe. Selbst die Bühnenshows sind trotz (oder wegen?)jeder Menge Farbe, Feuer und Blut unsagbar öde und vorhersagbar. Lass sie trotzdem noch was Kohle verdienen, dann liegen sie wenigstens der Sozialversicherung nicht auf der Tasche.
Rainer Bartel Antwort vom 28.02.10 13:16:
Nope. Nachdem ich den Wohlstand, nein, Reichtum von diesem Oberarsch Simmons gesehen habe, gönne ich dieser Kacktruppe nicht mal den Dreck unter meinen Fingernägeln!
Auf das ZDF kann man nicht aus versehen schalten! Erst recht nicht nach 20 Uhr. Nur ein Pegel deutlich jenseits der Käßmann-Grenze würde hier eine Erklärung für die Schuldunfähigkeit sein.
Rainer Bartel Antwort vom 28.02.10 13:26:
Nicht schuldig, euer Ehren. An meinem DVB-T-Dingesbums am PC kann ich nur Sender für Sender blättern. Da gerate ich immer auf alle Wellen – auch ZDF. Und wenn dann in dem Moment gerade ein schleimiger Berufsjugendlicher eine geldgeile Gurkentruppe ansagt, dann bleibe ich – von wegen dem Reiz des Ekels.
Sowas von Zustimmung, lieber Rainer!
Nur eine kleine
BesserwissereiKorrektur: Francis Vincent Z.’s 67er Album “We’re Only In It For The Money” kann sich nicht ausdrücklich auf die 1973 gegründete Klopper-Truppe beziehen. Grundsätzlich und was die Haltung solcher Musikdarsteller betrifft, natürlich schon…