Frisch von der Prostata weg

Philip Roth: Exit Ghost

Folge 1 von 45 in Erlesenes

Es ist das Zeitalter der Prostata. Nicht nur, dass dieses unscheinbare Organ in aller Mund (na ja…) ist, es bestimmt auch weite Teile der aktuellen Weltliteratur. Ob in Fords Lage des Landes oder Köhlmeiers Abendland: Die Helden haben’s an der Vorsteherdrüse, mussten sich die operativ entfernen lassen und sind anschließend nicht ganz dicht. So auch Nathan Zuckermann, der Protagonist in Philip Roths neuestem Altmännerroman. Dass der kastaniengroße Spender von Schmiermittel weg ist, hat aber auch den Vorteil der abhanden gekommenen Potenz. Die Herren können also vom Sex absehen und sich den großen Fragen des Lebens widmen.

Wobei: Es bleibt ja die Fantasie. Die bringt zwar keine Ejakulationen mit sich, aber heißes Begehren. Besonders komisch wird es im vorliegenden Fall. Zuckerman ist anerkannter Dauerschriftsteller und Liebling amerikanischer Ostküstenintellektueller. Nach einer mysteriösen Serie Drohpostkarten hat er sich aufs Land zurückgezogen und von der wilden Welt der literarischen und politischen Verwirrungen Abschied genommen. Er widmet sich ganz der Schreiberei und der Inkontinenz. Als ihm ein Arzt Hoffnung macht, das Dauertröpfeln zu heilen, reist er nach New York. Per Zufall lernt er ein Schriftstellerehepaar kenne, das gern für ein Jahr aufs Land will und einen Wohnungstausch anbietet. Die Dame des Hauses heißt Jamie und wäre im Falle intakter Sexualität ein feuchter Traum: Groß, schlank, schön und mit großen Brüsten ausgestattet. Da aber das Hirn des Intellektuellen sein wichtigstes Sexualorgan ist, kommt verstärkend hinzu, dass sie auch noch schlau ist. Olle Nathan verguckt sich heftig und belästigt Jamie mit brillantem Flirten.

Dies alles ist aber nur die Folie, auf dem der Fall des vergessenen Schriftstellers I.E.Lonoff verhandelt wird, den Nathan einmal traf und fortan bewunderte. Dem ist ein dynamisch-aggressiver Literaturwissenschaftler auf den Fersen, der – Zufälle über Zufälle! – Jamies Ex-Lover oder Noch-Lover ist. Dieser will Zuckermans Segen zur Biografie von Lonoff, dessen dunkles Geheimnis er angeblich entdeckt hat. Zufällig (sic!) taucht auch noch die Frau auf, die Lonoff in seinen letzten Jahren beistand und in die Nathan einst verknallt war. Da er selbst sich biografischen Zugriffen verweigert, will er auch den Versuch des Kerls verhindern, Lonoffs Werk hinter seiner Biografie zu verstecken.

Das alles schildert Roth mit einer routinierten Erzählkunst, die mit allem Zick und Zack geschmückt ist. Natürlich ist der Gegenstand des Romans derart weit entfernt vom Alltagserleben der Mehrheit der Leser, aber die Frage, wie wahrhaftig Literatur überhaupt sein kann, dürfte für alle Romanfressern von Interesse sein. Die Lage des Landes USA wird unter das Ganze geschoben, denn der wichtigste Plotpoint findet in der Nacht der Wiederwahl von George W. Bush statt.


» Rezension von Rainer Bartel am 07.12.08 um 12:35 » in Kategorien: Feuilleton » 291 x gelesen » noch kein Kommentar
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