Film-Quiz (25)

Schlaflos in [Paris] … gelöst

les_amantsAus der Tatsache, dass ich Hollywood’sche Kommerzfilme verabscheue, habe ich nie einen Hehl gemacht. Es gibt auch nur maximal zwei Hände voll von diesen, denen man cineastische Qualität zusprechen kann.
Hier ist aber ein sturz-europäischer Film, der ist ungewöhnlich, aufregend und schön. Seine Produktion hat verschiedene Firmen (fast) in die Pleite und einige Leute (fast) in den Wahnsinn getrieben. Wenn ich in den Stadt komme, in der die Geschichte spielt, besuche ich immer den wichtigsten Schauplatz und schau nach, ob die Klappe immer noch offen ist. Mitgespielt hat übrigens ein 2008 verstorbener Kinomensch, der in diesem Film zum ersten und einzigen Mal als Darsteller aktiv war.

Wie heißt der Film: Die Liebenden von Pont Neuf

Reib dir die Stirn nicht an der Fahrbahn auf, sondern antworte…
Ja, die Klappe… Wie der Titel schon vermuten lässt spielt der Film in Paris. Und zwar zur Zeit der Jubiläumsfeiern der französischen Revolution. Zu diesem Zweck hat man den Pont Neuf, die älteste Brücke der Stadt, renoviert. Nur ist man nicht fertig geworden. So beherrscht der deutsche Clochard Hans den Ort, in dessen Sitzbuchten er und der junge Alex schlafen. Hans verfügt über eine Kassette voller Ampullen mit Barbituraten; ohne die kann weder Hans, noch Alex schlafen. In der Anfangssequenz sieht man Alex des Nachts mitten auf der Avenue de l’Opera entlang stolpern, vvermutlich schwer betrunken. Die Autos rasen an ihm vorbei. Er lässt sich auf Höhe der Metro-Station “Pyramides” fallen und scheuert sich am Asphalt die Stirn wund. Die Malerin Michéle taucht eines Nachts auf der Brücke auf. Alex setzt bei Hans durch, dass sie bleiben darf. Michéle droht zu erblinden und wünscht sich, noch einmal ein bestimmtes Bild im Louvre zu sehen. Hans war dort Nachtwächter und besitzt noch Schlüssel, sodass er ihr den Wunsch erfüllt. Morgens wäscht sich Michéle an einem Wasserhahn unter der Brücke. Alex und Michéle verlieben sich ineinander. Er findet eine Pistole, die sie ihrem Vater, einem Offizier, gestohlen hat, in ihrer Tasche. Damit hat sie ihren ehemaligen Geliebten erschossen. Sie bittet Alex, die Waffe in die Seine zu werfen. Er wirft etwas anders und versteckt den Revolver. In den Balustraden der Sitzbuchten auf dem Pont Neuf gibt es gusseisene Klappen, hinter den sich die elektrischen Anschlüsse verbergen. Dort deponiert Alex die Waffe. Und damit wären die gelegten Spuren des Rätsels erklärt.

Jedes Mal, wenn ich für mehr als einen Tag in Paris bin, besuche ich die genannten Schauplätze. Ja, die Klappe auf der Brücke gibt es, und beim letzten Mal, als ich vorbeischaute, konnte man sie sogar öffnen. Ich setze mich in einer der Buchten und schaue hoch zum Kaufhaus “Samaritaine”. Dann gehe ich zu Fuß zur Opera und nehme den selben Weg wie Alex. Das ist meine Hommage an diesen wunderbaren, völlig artifiziellen Film, den der Mann mit dem Künstlername Leos Carax im Jahr 1992 präsentierte. Geplant war, alle Szene an den Originalschauplätzen zu drehen, also mitten in Paris rund um den Pont Neuf während dessen Restauration. Aufnahmen, die währen der Feiern am 14. Juli 1989 zum zweihundertjährigen Jubiläum der Französischen Revolution gedreht wurden, sollten im Zentrum stehen. Aber dann geschah etwas, was Regisseur, Produzenten, Banken und sogar den damaligen französischen Kulturminister Jack Lang fast in den Wahnsinn trieb: Große Menge des belichteten Materials erwiesen sich als unbrauchbar; man hatte Film geliefert, der chemische Mängel aufwies und sich nach Tagen auflöste. So verlor Carax gut die Hälfte der gedrehten Szenen. Nachdrehen war unmöglich, denn der Pont Neuf war inzwischen wieder fertig und dem Verkehr übergeben.
So baute man mit massiver staatlicher Finanzhilfe den Drehort im Studio nach und wiederholte Hunderte von Einstellungen. Die Brüche sind im fertigen Film durchaus zu erkennen; besonders am Hauptdarsteller Denis Lavant (Alex), dessen Physiognomie sich in den vier Jahren zwischen den ersten, später verwendeten Aufnahmen und den abschließenden Takes sehr verändert hatte. Der Regisseur nutzte dies, um eine ganz neue Schlusssequenz zu schreiben: Michéle und Alex treffen sich nach Jahren zu Silvester auf der verschneiten Brücke – eine Art Happy End, das so unwahrscheinlich ist wie jede einzelne Szene in diesem fantastischen Film aus einer wunderbaren Stadt.
.

  • Add to favorites
  • Print
  • PDF
  • RSS
  • email
  • Facebook
  • Twitter
  • Google Bookmarks
  • del.icio.us
  • MisterWong
  • Digg
  • StumbleUpon
  • Identi.ca
  • Yigg
  • Posterous

Folge 6 von 39 in Film-Quiz



» Quizfrage von Rainer Bartel am 20.09.09 um 11:30 » in Kategorien: Kultuur & Popp » 568x gelesen » 6 x kommentiert
»   

  1. himmel über berlin

    Schön, aber falsch ;–))
    Wüsste auch nicht, dass der Wenders Pleiten und Wahnsinn verursacht hätte mit dem Film. Wer wäre denn der verstorbene Kinomenschß

    Antwort von Rainer Bartel am 17.09.09 um 20:03

    Schön, aber falsch ;–))
    Wüsste auch nicht, dass der Wenders Pleiten und Wahnsinn verursacht hätte mit dem Film. Wer wäre denn der verstorbene Kinomensch?

    Antwort von Rainer Bartel am 17.09.09 um 20:03
    Kommentar von yallamann am 17.09.09 um 19:28
  2. ich kaufe noch ein “der”

    Kommentar von yallamann am 17.09.09 um 19:35
  3. Was die Klappe angeht kann es ja nur:

    Die Liebenden von Pont Neuf sein

    Tja, da stimmt natürlich.
    Vollständige Auflösung folgt morgen.

    Antwort von Rainer Bartel am 17.09.09 um 20:32
    Kommentar von sozenrotweintusse am 17.09.09 um 20:24

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel.  |  Trackback-URL

Sie müssen eingelogged sein um kommentieren zu können.

blogoscoop