Sexuelle Verwahrlosung reloaded

Sex für die ganze Familie

sex_traeumer.jpgTausende Unterschichtfamilien haben ein neues, preiswertes Hobby für sich entdeckt: Sex. Das macht Spaß, das kostet nichts, und das kann jeder – vom elf-, zwölfjährigen Nachwuchs bis zum rüstigen Opa mit achtzig. Anhänger dieser Familiensportart meinen, man könne gar nicht schnell genug damit anfangen, denn früh übt sich, wer mal Gangbang-Meister werden will. So stattet man die Kinderzimmer mit freiem Internetzugang aus, damit sich die Kleinen recht frühzeitig in Bild und Schrift mit den verschiedenen Taktiken des Geschlechtsverkehrs vertraut machen können. Spießer betrachten die entsprechenden Inhalte als Pornografie, für die Sexfreunde ist es Inspiration, was da zum Beispiel im Aufklärungskanal YouPorn zu sehen ist. Die erfreuliche Folge sind intensive Diskussionen auf deutschen Hauptschulhöfen über die Fachthemen: Soll ich schlucken? fragen sich da Mädels im soeben geschlechtsreifen Alter. Muss Analverkehr wehtun? besprechen die Jungs. Und nach Schulschluss trifft sich dann manch frühpubertäre Rasselbande zum fröhlichen Gangbang.

Wo Menschen, die in den Fünfzigern oder Sechziger geboren wurden, noch erheblichen logistischen Problemen gegenüberstanden, wenn sie die Funktionsweise der primären Geschlechtsorgane austesten wollten, da stellt die alleinerziehende Mami ihrer dreizehnjährigen Tochter mit Freude das mütterliche Schlafzimmer zur Verfügung, wenn diese mit Marvin und Hamsa mal eine Doppelpenetration trainieren will. Ja, die Unterschichteltern sind in Sachen Sex voll krass gut drauf. Da holt sich Mutti den sechsten Beschäler des Jahres ins Haus, und vier der sechs Kinder schauen bei der Bumspremiere zu. Hey, guckma, wie die Olle noch abgeht mit ihren vierzig Jahren! So animiert verzieht sich der Nachwuchs in die Zimmer, um es der Mutter nachzutun.

Die Mittelschicht ist naturgemäß schockiert, frönt sie doch der altmodischen Meinung, Kinder müssten behutsam an die Sexualität herangeführt werden, und auch der junge Erwachsene solle zu verantwortungsvollem Umgang mit der Liebe herangezogen werden. Aber das sind natürlich nur bigotte Arabesken des Bürgertums, das dem Proletariat die Freuden des Vögelns vorenthalten will. Denn: In keiner gesellschaftlichen Formation ist der Konsum pornografischer Erzeugnisse weiter verbreitet als bei den Spießern. Nun holen sich die Unterschichtler einfach, was ihnen zusteht. Zum Glück sind deren Mitglieder seit Längerem nicht mehr auf teure Videotheken angewiesen, deren Nutzung das durchschnittliche Hartz-IV-Budget deutlich strapazieren würde. Eine DSL-Flatrate kommt letztlich billiger und bringt mehr Anschauungsmaterial zum selben Preis ins Haus.

Alt-68er sollten ein Auge auf dieses Phänomen werfen, denn recht eigentlich erfüllen sich in der selbstbewussten Sexualität der Arbeiter die kühnsten Revolutionsträume: Beim Ficken kann jeder nach seinen Fähigkeiten und bekommt nach seinen Bedürfnissen. Stattdessen beklagen die altgewordenen Salonsozialisten, die Jugend sei sexuell verwahrlost.
Auch die Feministinnen sollten mit einigem Stolz auf die jungen und jüngsten Frauen blicken, die schon ganz, ganz früh ihre weibliche Sexualität entdecken und im Kreise vorwiegend Gleichaltriger ausleben. Dass sie dabei bisweilen übers Ziel hinausschießen und sich auf Praktiken einlassen, die als frauenfeindlich gegeißelt werden müssen, liegt in der Natur der Sache.
Schließlich sind es die Sozialpolitiker aller Fraktionen, die glücklich sein sollten über das alte, neue Hobby für die ganze Familie. Denn wer viel vögelt, braucht nicht so viel Geld. Und wer ein überschäumendes Sexualleben pflegt, der jammert nicht über zu wenig Staatsknete. Diesen Trend zu fördern sollte vordringliche Aufgabe von Familien- und Arbeitsministerium sein.

Bleiben die Alten, besonders diejenigen, deren Rente hinten und vorne nicht reicht. Auch da ersetzt ein langsamer Fick am frühen Abend schon mal den früher üblichen, aber kostenträchtigen Gang ins Theater. Und wer als Rentner ein bisschen mehr auf Tasche hat, der teilt gern ein wenig davon aus. So verdienen sich Mädchen, die dank Zugehörigkeit zu einer Hartz-IV-Gemeinschaft keinen Anspruch auf Taschengeld haben, gern ein paar Euros dazu, indem sie Opa zur Hand gehen oder sonstwie für seine Entspannung sorgen.

Apropos Sorgen: Nein, wenn irgendwelche moralinsauere Pfarrer jetzt in dicken Büchern beklagen, es ginge abwärts mit der Jugend, dann liegen Vertreter dieser Ansicht weit daneben und verleihen letztlich nur ihrer eigenen sexuellen Frustration öffentlich Ausdruck. Die Heuchler dieser Kategorie versuchen dem Restvolk zu suggerieren, Kinder, Jugendliche und Heranwachsende, die dauernd pimpern, bumsen oder vögeln, würden zwangsläufig emotional verarmen, hätten irgendwann nur noch Sex im Kopf und müssten – analog zu den Heroinabhängigen – ihren Pornokonsum ständig steigern, damit die Stimulans überhaupt noch wirkt. Das erinnert fatal an die Argumentation der Erzieher, die seinerzeit Jungmänner einreden wollten, exzessives Wichsen führe zur Verblödung. In Wahrheit verwirklichen diese braven Menschen nur, wovon die Spießer heimlich träumen: So viel ficken wie möglich. Und das hat noch niemandem geschadet!

» Glosse von Rainer Bartel am 20.11.08 um 10:21 » in Kategorien: Inland, Kultuur & Popp » 3025x gelesen » 6 x kommentiert
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  1. Ein kluger Artikel. Ich würde ihn loben, wenn ich nicht zum Schluss entdeckt habe, dass er eine Satire sein sollte. Schade!

    Kommentar von Joachim Reinhold am 20.11.08 um 13:49
  2. Na ja, das Stück kann man ja nicht guten Gewissens als Essay bezeichnen. Oder als Bericht. Nicht einmal als Kommentar. Eventuell als Glosse… Ja, das ginge. Ich ändere das auf den vielfachen Wunsch eines einzelnen Lesers.

    Kommentar von Rainer Bartel am 20.11.08 um 14:00
  3. Als Polemik würde das gute Stück auch noch durchgehen.

    Kommentar von mark793 am 20.11.08 um 16:56
  4. Was’n das für’n blöder Text – bei mir hat sich nicht einmal was geregt!

    Kommentar von Chat Atkins am 21.11.08 um 14:02
  5. Ach, Herr Atkins, hätte sich denn was regen sollen? Und: Wenn ja, was?

    Kommentar von Rainer Bartel am 22.11.08 um 11:03
  6. Hauptsache die kennen sich mit Verhütungsmitteln aus.

    Kommentar von efeu am 24.11.08 um 11:44

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