Mit Beine auch nicht besser
Sibylle Berg: Der Mann schläft
Selten oder gar nie hat die Frau Berg wegen eines neuen Romans so viel mediale Aufmerksamkeit über sich ergehen lassen müssen. Der Promotion-Feldzug (ein Begriff, den sie lieben wird…) führte sie gar an den Schreibtisch des Harald Schmidt, wo sie sich aufs Spiel einließ und mit einem gerechten Unentschieden vom Platz ging. Nun eilt den Werken der Sibylle Berg nicht der Ruf voraus, Quell großen Spaßes und Anlass bester Laune zu sein. Eher nicht, denn die Frau Berg ist eine der letzten verbliebenen Realistinnen. Oha, sagt mancher, die sieht doch bloß alles schwarz. Ja, antworte ich, wenn Optimismus Dummheit ist, dann bleibt dem denkenden Menschen doch bloß noch der Realismus. Jedenfalls leben die Menschen in ihren Büchern Leben, die niemand leben möchte und doch jeder lebt. Komischerweise verfiel das Feuilleton bei “Der Mann schläft” auf die Idee, der Roman transportiere Tröstliches.
Die Frau hat über vierzig Jahre ihres Leben in leichter Verwirrung angesichts des Tuns der anderen verbracht, Verbindliches versucht zu vermeiden, sich durchzuwinden und so wenig Leid wie möglich abzubekommen. Dann trifft sie den Mann, der auch keine Ansprüche hat, aber ein Haus im Tessin. Und sie zieht zu ihm und findet auf seinem schweigsamen 100-Kilo-Bauch Ruhe und Frieden: Perfect live, according to Sibylle Berg. Diese Exposition haben ihr die ganzen Kritiker und vor allem -innen einfach so abgekauft. Mir kam die Beschreibung des nur zwei Jahre währenden Zusammenlebens der Frau mit dem Mann vor wie die Beschreibung einer Folter. Das konnte auch die merkwürdige Bekannte, die sich später beleidigt eine Hand abhackt, nicht verschlimmern.
Dann entwickelt das Paar einen Anspruch und reist nach Asien. Auf eine Insel unweit Hongkongs. Sie leben in einem Badeort für Chinesen, in dem am Wochenende die Hölle los ist. Unter der Woche bewegen sie sich durch die Gegend wie Fische im Wasser. Dann fährt der Mann mit der Fähre in die Stadt und kommt nicht wieder. Die Frau verfällt in völlige Lähmung, aus der sie von einem chinesischen Mädchen gerissen wird. Es folgt ein Horrortrip nach Hongkong und der Versuch des chinesischen Großvaters, die Frau an seine Seite zu ziehen.
Was ist daran schön? Was ist daran erfreulich oder tröstlich? Hey, das ist schwärzester Existenzialismus pur! Es gibt keine Hoffnung. Kapiert? Wenn sich also Buchbesprecher diesen Roman von Frau Berg schön reden, dann sind auch sie bloß dumme Optimisten.
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