Die Provinz kommt langsam aber gewaltig
Im Prinzip ist dieser Roman das genaue Gegenteil des Mädchenbuches der Hegemann. Das fängt schon beim Titel an. Während “Axolotl Roadkill” gleich ganz auf billige Provokation setzt, bietet das schöne deutsche Wort “Grenzgang” gleich eine Fülle an Interpretationsmöglichkeiten. Und dann handelt es sich bei dem überhypten Werk des Krawallkindes natürlich auch um einen Hauptstadtroman par excellence, also um einen Text darüber wie sich Buben und Mädels in der Provinz dieses große, wilde Berlin vorstellen. Das ist von Hause aus so öde, dass es nicht die Bohne lebenswert ist. Auch weil die erhoffte Darstellung eines Lebensgefühls bestenfalls die Schilderung von Taten und Gedanken fiktionaler Individuen in einem fiktionalen Umfeld sein kann. Das wird zwangsläufig alle ernüchtern, die nicht dazugehören. Thomes Roman spielt in der Provinz, in einer fiktiven (aber erkennbaren) Kleinstadt an der Lahn. Im Zentrum des Textes stehen zwei Personen, deren Denken, Fühlen und Handeln. Das ist für einen Großteil der Leser nachvollziehbar und hat wenig Fiktionales. Das wird viele erschrecken, die dazugehören.
Während Karin nach einer kurzen, wilden Studentinnenzeit in Köln per Liebe nach Bergenstadt geraten ist, dort geheiratet und sich mit Mann und Kind angesiedelt hat, gehört Thomas zu den Eingeborenen. Er ist nach dem abrupten Ende einer Akademikerkarriere aus Berlin (sic!) geflohen und ist nun Lehrer am Bergenstädter Gymnasium. Alle sieben Jahre feiern die Bergenstädter den Grenzgang – eine merkwürdige Mischung aus Schützenfest und Wandertag, an dem die Stadt geschlossen teilnimmt. Im Zentrum der Geschichte stehen die Ereignisse beim Grenzgang 2006, der genau in den Tagen der Fußball-WM stattfindet, also während dessen, was krank-kreative Medienhirne “Sommermärchen” getauft haben. Da ist Karin schon geschieden und lebt mit dem schwer pubertierenden Sohn und der dementen Mutter zusammen. Karin und Thomas begegnen sich und werden auf Umwegen ein Paar. Die Folie der Handlung bilden Schilderungen der Ereignisse vorangegangener Grenzgangsfeste: 1985 trifft Karin den späteren Gatten Jürgen, und 1999 ist die Ehe auf dem Höhepunkt.
Der Roman gibt dem Leser keine Rätsel auf, sondern gibt ihm nachvollziehbare Bilder in reichen Schilderungen. Von stiller Schönheit sind aber die Dialoge und vor allem die inneren Monologe der Protagonisten. Mehr Identifikation ist kaum möglich – ausgenommen natürlich für Hauptstädter, die das Denken der Kleinstädter für schlicht halten. Ob die Verwendung von Sprachfiguren und -bildern am Rande der Trivialliteratur in der Absicht des Autors lag oder ihm einfach passiert ist, lässt sich nicht erkennen. Spielt aber auch keine Rolle, weil dieser Roman gelesen werden muss – von allen, denen diese sinnlose Beschleunigung, dieses fortwährende Wichtigtuen und der scheinbare Modernismus Berlins auf die Nerven geht.
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