Das Leben im Hotel zur Mühle

Striptease in Roermond (2)

striptease_roermondAn die vielen Diskussionen zu diesem Plan erinnere ich mich genau. Manes war der Ansicht, dass die Militärangehörigen, die kein Quartier auf der Base hatten, ja irgendwo nächtigen müssten. Da wäre doch so ein Hotel eine Goldgrube. Hanne war skeptisch, ja, ihre realistische Einschätzung war, dass die Pacht für den Schuppen mit der großen Wirtschaft im Erdgeschoss und den acht Fremdenzimmern geringer sei als die aktuelle Miete, da wäre das Risiko ja überschaubar. Ich hatte allerdings immer den Eindruck, Manes war scharf darauf, eine eigene Kneipe zu haben, um immer an der Alkoholquelle sitzen zu können.
Als wir das erste Wochenende im Hotel zur Mühle verbrachten, waren wir entsetzt. Dieses Etablissement war durch und durch marode. Die Zimmer waren schmutzig und feucht, die Betten in einem abenteuerlichen Zustand, genau wie die Waschräume und die übrige Installation. Nur je ein Zimmer pro Etage verfügte über ein Bad, die restlichen Gäste waren auf Gemeinschaftsduschen und –toiletten angewiesen. Da Manes, Hanne und Andreas keine Wohnung in der Bruchbude hatten, funktionierten sie die oberste Etage um.

Das Mobiliar warfen wir aus dem Fenster in den Hof. Die Einrichtungsgegenstände aus der Wohnung in Lüttringhausen wurden recht wahllos in den fünf Räumen im dritten Stück verteilt. Tatsächlich wurde die Kneipe zum eigentlichen Wohnzimmer, in dem sich die Dietzes, ihre Familienangehörigen und Freunde nach Belieben ausbreiten konnten, denn Gäste kam anfangs überhaupt nicht, schon gar keine Soldaten auf der Durchreise, die Übernachtungsmöglichkeiten suchten.
Dass die Sache zum finanziellen Desaster werden würde, war eigentlich von Anfang an klar. Zwar brachten Manes‘ Noteinsätze mit seinem Kompagnon Egon gutes Geld ein, nur fielen selten mehr als zwei Jobs pro Monat an. Und immer wenn der frischgebackene Hotelier einen fetten Scheck eingesackt hatte, schmiss er eine Party für die Clique, die sich inzwischen als Mischung aus Verwandten und alten Freunden gebildet hatte. Jedes Wochenende waren fünf, sechs Leute zu Gast, aßen und tranken, was die Wirtschaft hergab und übernachteten in den ungenutzten Zimmern.

Kurz vor Weihnachten verkündete Manes, dass jetzt Schluss sei mit der Gratisversorgung. Für die Übernachtung würde er nichts berechnen, aber jeder bekäme jetzt einen Deckel, auf dem er die bitte seinen Konsum aufzeichnen und vor der Abreise bezahlen solle. Einen dieser Deckel habe ich heute noch. Bezahlt hat nie jemand. Dabei wurde bisweilen gesoffen bis zum Umfallen. Zum Beispiel zu Silvester am Übergang von 1971 auf 1972. Alle waren da, und Hanne hatte beim Dorfbäcker, einem Exilspanier namens Jesus, ein ganzen Spanferkel aus dem Ofen bestellt. Zu viert holten wir das Blech mit dem Braten beim Herrn des Ofens ab und trugen es mit Hilfe eines Schalbretts durchs Dorf wie eine Leichenbahre.
Die anwesenden Frauen hatten den Tag über eine Fülle an Beilagen produziert und als Büffet im vorderen Teil der Kneipe aufgebaut. Das Schwein fand seinen Platz auf dem Billardtisch. Und während anfangs noch alle brav mit ihren Tellern anstanden, um sich vom Chef persönlich ein Stück abschneiden und übergeben zu lassen, wurde die Angelegenheit schon so an zehn Uhr zum Massaker, bei dem jeder nach Lust und Laune am gebratenen Tier herum schnippelte.
Andreas, damals ungefähr zwölf Jahre alt, betreute die Cocktailbar, die aus einet abenteuerlichen Konstruktion aus zwei Tischen bestand. Zwei verschiedene Mixgetränke hatte er zur Auswahl: Cola-Asbach und Wodka-Orange. Alle anderen Spirituosen wurden pur und mit Eis serviert. Juppes bediente den Zapfhahn und Birgit war für Wein und Sekt zuständig. Klausi hatte seine Anlage mitgebracht und fungierte als DJ. Wer sich noch auf den Beinen halten konnte, tanzte zur Musik. Wer diesen Punkt überschritten hatte, suchte festen Halt und trank weiter. Die Aufräumungsarbeiten zogen sich bis zum Dreikönigstag hin.

Immerhin wurde Jesus, den sie im Dorf nur Jupp nannten, nun Stammgast. Er brachte Hanne bei, Tapas zu bereiten und ließ Manes spanischen Wein einkaufen. Der Bäcker war Junggeselle und – wie wir später erfuhren – eigentlich durchgehend unglücklich verliebt. Meistens in Frauen in festen Händen. Dass er Hanne anschmachtete, war nicht zu übersehen. Aber unternahm in all den Monaten, in denen die Dietzes das Hotel zur Mühle betrieben, keinen Versuch, Hanne seine Liebe zu erklären. Statt dessen spielte er Billard wie besessen. Meist kam er am Nachmittag, direkt nach dem Aufstehen. Er frühstückte und begab sich an den Tisch. Pünktlich um acht verließ er die Wirtschaft, um sich bis zum Beginn der Backzeit schlafen zu legen.

Im Frühjahr fuhren wir nach einigen Wochen Pause wieder einmal nach Bracht. Auf einem der drei Gästeparkplätze stand ein schmeißfliegengrünes Achtzylindercoupé, ein Amischlitten im Stil der Zeit, versehen mit einem US-Kennzeichen wie es Angehörige der Army in Europa bekamen. „Wir haben Gäste“, begrüßte uns Hanne freudstrahlend. Tatsächlich würden Vern und Joe die einzigen Gäste bleiben, die je für Übernachtungen im Hotel zur Mühle bezahlten. Sie waren ein Special-Team, das mit einem gewaltigen Truck von NATO-Base zu NATO-Base reisten und für die Wartung und Einstellung der Mikrowellen-Kommunikationsanlagen verantwortlich waren. Joe hatte einem Kameraden, der zurück nach Amerika gegangen war, den Straßenkreuzer abgekauft und mit Erlaubnis von Manes dauerhaft vor dem Hotel geparkt.
Die beiden Amis hätten unterschiedlicher nicht sein können. Joe war seit seinem sechzehnten Lebensjahr Berufssoldat, und mehrere Einsätze in Vietnam hatten ihn hart und zynisch werden lassen. Vernon war fast fünfzehn Jahre jünger und stammte aus Baltimore. Er hatte sich auf zehn Jahre verpflichtet, weil ihm nach der Highschool nichts Besseres eingefallen war. Man hatte ihm nach der Grundausbildung verschiedene Möglichkeiten angeboten, aber er hatte sich für die Spezialistentätigkeit entschieden, weil er so in die Heimat seiner Vorväter kommen konnte. Während Joe italienische Wurzeln hatte, stammte Verns Urgroßvater, ein gewisser Adalbert Alt, aus Norddeutschland.

Wir haben uns sehr mit Vern angefreundet. Mir kam er immer sehr naiv vor. Er war aber auch sehr neugierig, interessiert und freundlich. Um noch mehr über das Land seiner Herkunft zu erfahren, hatte er sogar im Selbststudium ein wenig Deutsch gelernt. In seiner Freizeit besuchte er im Sattel seiner Yamaha systematisch die üblichen Sehenswürdigkeiten, und nach dem das Team geplatzt war, besuchte er uns einige Male. Beim letzten Mal – es muss kurz nach dem RAF-Anschlag auf die Botschaft in Stockholm gewesen sein – verbrachten wir einen sonnigen Tag mit ihm im Biergarten an der Kaiserpfalz, und er sprach davon, den Dienst zu quittieren, aber in Deutschland zu bleiben. Ja, er überlegte ernsthaft, sich falsche Papiere zu besorgen oder gar ganz offiziell die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen. Werner Alt wollte er sich nennen und dann vielleicht Ingenieurswesen in Aachen studieren.
Das war die letzte Begegnung. Nach dem fürchterlichen Attentat der Baader-Meinhof-Bande im Jahr 1972 hatten die US-Militärs die Möglichkeiten für Nicht-Soldaten, mit Angehörigen der Streitkräfte zu kommunizieren, drastisch einzuschränken. Deshalb hatten wir keine Chance, Vern anzurufen, anzuschreiben oder zu besuchen, und waren darauf angewiesen, dass er sich meldete. Das geschah aber nicht. Über die Jahre habe ich oft nach ihm gesucht. Seit es das Internet gibt, forsche ich regelmäßig nach einem Werner Alt und habe auch schon mit zwei Herren dieses Namens Kontakt aufgenommen. Vernon war nicht dabei.

[Fortsetzung folgt; hier geht’s zum ersten Teil]

[Hinweis: Dies ist eine Geschichte, keine Dokumentation. Sie basiert auf Situationen, die tatsächlich stattgefunden haben, beschreibt aber auch Szenen, die es nie gegeben hat. Die Namen sind teilweise verändert, die Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen jedoch unvermeidlich.]

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» Folge 12 von 14 in Stadtgeschichten

» Geschichte von Chefred am 25.12.12 um 16:52 » in Rubrik(en): Feuilleton
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