In Bremen beim Bund

Sven Regener: Neue Vahr Süd

Folge 2 von 45 in Erlesenes

Ich finde ja, dass die Romane von Sven Regener überschätzt werden. Und das ist nicht einmal böse gemeint. Tatsächlich sind die Bücher rund um Herrn Lehmann so tief in die jeweilige Epoche verstrickt, dass nur Menschen einer bestimmten Generation sie nachvollziehen können. Es handelt sich um Leute, die zwischen 1980 und 1990 jung und hoffnungsvoll waren. Nun neigen die betreffenden Jahrgänge 1950 bis 1965 ohnehin zur Selbstbespiegelung und zur Verklärung ihrer Jugend, da kommen die Regener’schen Texte gerade recht. Wo “Herr Lehmann” allerdings zwanghaft das Groteske suchte, da ist “Neue Vahr Süd” auf lakonische Art wahrhaftig. Das ist die wahre Stärke des Romans, dass Szenen und Dialoge realistisch bis zur Unerträglichkeit sind.

Denn eines kann er, der Sänger und Trompeter aus Bremen: Schreiben, dass man es lesen mag. Da darf es dann auch mal so karikaturistisch zugehen wie bei der Beschreibung der chaotischen WG oder dem Treiben in den Kasernen. Zu kurz kommt allerdings, was die Jungs des Alters tatsächlich umtreibt: Sex. Die heimliche Hauptfigur, eine winzige Blondine namens Sibille ist kaum mehr als das abgeschriebene Poster einer Jugendzeitschrift der damaligen Zeit, und das erotische Abenteuer des Frank Lehmann ist eine Bankrotterklärung dessen, was damals an den erotischen Fronten wirklich abging.

Ganz großes Schreibkino ist aber die Schilderung der Vorgänge rund um die Rekrutenvereidigung im Mai 1980 im Bremer Weserstadion im Mai 1980. Die Insassen der Regener’schen Zielgruppen werden sich dunkel an einen Tag und eine Nacht mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen erinnern, aber dies aus der Sicht des zwangsverpflichteten Lehman zu schildern, ist genial. Dafür ist dem Autor zu danken.


» Rezension von Rainer Bartel am 07.12.08 um 12:30 » in Kategorien: Feuilleton » 337 x gelesen » noch kein Kommentar
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