Vor Jahren hatte ich das Vergnügen, während der Frankfurter Buchmesse mit T.C. Boyle zu plaudern. Gegen Ende des Messtags stand der schmale Mann mit dem spitzen, irischen Gesicht und der merkwürdigen Rothaartolle einsam am Stand seines deutschen Verlags. Ich outete mich einerseits als Fan seiner Romane und andererseits als jemand, der auch schreibt. Das schreckte den amerikanischen Erfolgsautor komischerweise überhaupt nicht ab, und bei allen Niveauunterschieden entspann sich ein Gespräch über das Schreiben an und für sich. Themen, sagte Boyle, fielen ihn einfach so an: unvorhersehbar und ohne Grund. Mit seinem eigenen Leben hätten die meisten Themen wenig oder gar nichts zu tun. Aber wenn ihn solches Thema gepackt hätte, dann recherchiere er bis ins kleinste Detail. Vorher teste er so ein Sujet aber meist mit einer Kurzgeschichte an. Diese Methode kann man an seinem Shortstory-Band “Zähne und Klauen” ganz unverstellt nachvollziehen.
Dabei wird fiel über den fleißigen Rechercheur und Schreiber deutlich. Genau wie bei seinen Romanen finden sich dort Geschichten, die im neunzehnten Jahrhundert (oder früher) spielen, neben Episoden aus der Hippie-Ära, der Jetzt-Zeit und unbestimmten Perioden der Modernen. Immer liegt der Story ein Einfall zugrunde, den Boyle ausspinnt. Manchmal funktioniert das, manchmal nicht. Aber dann kann man immer noch bestens seinen Umgang mit der Sprache studieren – immer auf der Suche nach neuen Bildern, Klischees vermeidend und voller Kraft.
Wer seinen Boyle kennen lernen will, der sollte dieses Buch lesen. Wer aber das schnelle Amüsement bei der Lektüre sucht, dem ist abzuraten, denn so richtig unterhaltsam sind vielleicht drei oder vier der gesammelten Geschichten.
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