Das Prinzip Hoffnung
Als der greise Jazz-Vibraphonist Lionel Hampton irgendwann in den achtziger Jahren ein grandioses Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle nach der vierten Zugabe endgültig beendete, trat er ans Mikrofon und gab dem enthusiastischen Publikum mit einem breiten Lächeln folgenden Satz mit auf den Weg: “There’s still hope.” In Zeiten wie diesen, die uns in kürzester Zeit alle möglichen Krisen servieren, muss es auch immer um Hoffnung geben. Nun ist die Wortfolge “Prinzip Hoffnung”, die sich auf den Titel des Hauptwerks von Ernst Bloch bezieht, mittlerweile zur Allzweckphrase verkommen, die jeder halbverblödete Spochtrepochter erbricht, wenn einer der Wettkämpfer oder eine der Mannschaften hoffnungslos zurückliegt. So ist die Bourgeosie mit der einzigen linken Philosophie umgegangen, die jede Herrschaft des Menschen über den Menschen negiert, selbst die Diktatur des Proletariats, dass ein hoffnungsloser Zustand mit dem Etikett “Prinzip Hoffnung” beklebt wird. Denn im Sinne des ausschließlich quantitativ messenden Turbokapitalismusses ist dann jede Hoffnung gestorben, wenn dem Subjekt im Rahmen des ihn fesselnden Systems keine Handlungsmöglichkeiten mehr gegeben sind.
Dass ist es auch, was die Zukunftsdiskussionen dieser Wochen belastet, dass die Protagonisten des Kapitalismusses und deren durch Propaganda verblödeten Opfer, die Konsumenten, sich Zukunft nur innerhalb des noch existierenden Systems, das in Wahrheit am Ende ist, vorstellen können. Postuliert wird die Gier als quasi natürliche Eigenschaft des Menschen, wo doch das Streben nach materialem Mehr gerade die naturfeindliche Grundeinstellung des Systems ist, die für die allgegenwärtugen Ressourcenkrisen verantwortlich ist.
Hoffnung besteht nur im Radikalen. Also (wie Bloch ist ausdrückte) im Griff an die Wurzeln. Nun ist Radikalität über die Jahre, die seit 1967 (Attentat auf Rudi Dutschke) vergangen sind, zur kleinen Münze verkommen. Die Repression, die dank der gelenkten Medien, von der Zensur zur Gehirnwäsche mutiert ist, macht schon das Denken abseits der Wachstumspfade zum radikalen Akt. Wer dieser Tage das Ende des Automobilzeitalters beschwört, gilt als radikaler Pessimist – als ob der Transport von einzelnen Individuen in anderthalb Tonnen Blech verpackt und unter Zurhilfenahme von Verbrennung natürlicher Ressourcen eine naturgegebene und/oder gottgewollte Methode sei. Überhaupt: Pessimismus ist nicht gefragt dieser Tage, denn – so die korrupte Mehrheit der Meinungstransporteure – schlimmer kann es nicht kommen. Der Untergang der US-Autoindustrie wird als Katastrophe gesehen, wo er doch eine große Hoffnung in sich trägt.
Hoffnung zu haben, ist optimistisch. Und hoffen heißt, sich vorstellen zu können, dass die Zustände der menschlichen Gemeinschaft sich durch ein Ereignis verbessern können. Nach Bloch ist der Mensch als schöpferisches Wesen, das in der Lage ist, die Gegebenheiten zu ändern, nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen, sondern hat den Akt der Entstehung noch nicht abgeschlossen. Das schöpfende Organ des Menschen ist das Hirn, das sich Vorstellungen machen kann. Vorstellungen auch von Dingen, Umständen und Vorgängen, die während der Aufenthaltsdauers des Menschen auf der Erde noch nicht dagewesen sind und stattgefunden haben.
Optimisten haben berechtigte Hoffnungen in die Zukunft, weil sie die Möglichkeiten erkennen können; Künstler zumal, denen Bloch die Rolle zuschreibt, in ihren Werken den Vorschein auf die besser Zeit geben zu können. Wenn die naturzerstörenden, menschenfeindlichen Institutionen fallen (Babylon) oder die Instanzen, die naturzerstörend und menschenfeindlich agieren, mutieren, dann erst kann eine neue Welt (Zion) sein. Das aber kann nur der Mensch bewirken, wenn er noch Hoffnung hat. Und sei sie noch so kindlich-naiv: Liebe & Frieden.
Wer in diesen Monaten Zeit hat, weil er nicht mehr jagen muss, der studiere “Das Prinzip Hoffnung” und seine Wirkungsgeschichte.
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[...] verblöden was das Zeug hält. So auch wieder im Jahr 2008, das den einen oder anderen Hoffnungsschimmer brachte. Es begann mit einem Wahlkampf auf Bundeslandebene, der einige Erschütterungen mit [...]