Schneidende Ungerechtigkeit mit massiven gesellschaftlichen Folgen
Thomas Hettche: Die Liebe der Väter
Vorbemerkung: Keine Ahnung warum mir mit zunehmendem Alter beim Lesen strunzbürgerliche Romane immer mulmig wird. Vielleicht weil ich merke, dass die Probleme der Protagonisten allesamt Nebenwidersprüche sind… Teilweise ging’s mir bei diesem rührenden Roman von Thomas Hettche auch so. Mir erscheint es letztlich irrelevant, welche Probleme Söhne von Buchhändlerinnen haben, die selbst Buchreisende sind und sich mal mit Keramikkünstlerinnen eingelassen haben. Dafür hat mich – obwohl ebenfalls nicht betroffen – das Thema interessiert. Passend zur Entscheidung des Verfassungsgerichts, unverheirateten Vätern mehr Recht in Sachen Sorgerecht zu verschaffen, ist dieser Roman erschienen, der von einem Vater handelt, dem die Mutter seine inzwischen 13-jährige Tochter mit Methode entzieht und entfremdet. Ein ähnlicher Fall ist einen meiner besten Freunde auch zugestoßen. Der hatte den gemeinsamen Sohn quasi großgezogen, um der Kindsmutter die Karriere zu ermöglichen. Als die einen neuen Partner fand, wurde ihm der Sohn weggenommen – und der Kontakt mit verschiedensten juristischen Finten final unterbunden.
Diese Sache hat meinen Freund so tief getroffen, dass er bis heute – nach über zehn Jahren – ein anderer geworden ist. Auch dem Protagonisten in Hettches Geschichte merkt man an, dass ihn der lange Kampf mit der Mutter seiner Tochter zermürbt hat, dass er zwischen extremen Gewaltphantasien und Resignation schwankt. Das auf dem Hintergrund einer gemeinsamen Silvesterreise mit der Tochter nach Sylt, wo sie gemeinsam mit Freunden in einem Haus auf dem Deich wohnen. Das ist ein nach außen hin harmonisches Ehepaar mit zwei halbwegs normalen Kindern. Die Frau ist ein ehemalige Freundin, mit der es aber nie zu einer Beziehung gereicht hat.
Annika, so heißt die Tochter, ist störrisch, hat ihren Papa aber doch lieb. Immer wieder fragt sie, warum sich die Eltern getrennt haben. Immer wieder bekommt sie eine Antwort, die sie nicht zufrieden stellt. Und immer wieder macht sie dem Vater den Vorwurf, er sei nicht da gewesen als sie schwer erkrankt im Hospital gelegen habe. Dass die Mutter den Vater nicht informiert habe, mag sie nicht glauben. Schrittweise eskaliert die Situation zwischen Vater und Tochter. Als die einen Jungen kennen lernt und der Vater verbietet, dass sie mit dem loszieht, ist die Stimmung am Boden. Dann berichtet sie, dass ihre Mutter sie von der Schule genommen hat, um sie woanderns anzumelden. Da haut ihr der Papa eine runter. Sie flieht.
Von nun an ist er im Kreise der Freunde und deren Bekannte geächtet als der Vater, der sein Kind schlägt. Man spürt, dass alle Vorurteile gegen uneheliche Väter im Raum stehen, wenn ihn die Erwachsenen schneiden und zurechtweisen. Ihm wir die Schuld gegeben, er wird als die Person gesehen, die dem Kind ein Elternteil geraubt hat. Schließlich berichtet er davon, was die Mutter mit ihrem Kind angestellt: Drogen, Küsse erwachsener Männer, Geldbeschaffung und andere eklige Dinge mehr.
Nach einem Gespräch am Strand entschließt sich Annika, mit ihrem Vater abzureisen. Ein Happyend ist das nicht…
Hettche arbeitet mit einer reichen, aber nicht elaborierten Sprache. Das wird besonders deutlich in den plastischen Schilderungen der Natur auf der Insel Sylt. Der Schauplatz scheint zunächst eher beliebig, aber mit fortschreitenden Handlung wird deutlich, dass eine Insel Handlungsort sein musste und dass es nur Sylt sein konnte. Denn nur hier – zwischen Westerland und dem Sansibar – ist die bürgerliche Scheinwelt aufzubauen, die als Kulisse für den Roman notwendig ist. Auf Malle wäre das nicht gegangen.
Hettche, Thomas
Die Liebe der Väter.
Roman
Kiepenheuer & Witsch, 2010, 223 Seiten, gebunden
ISBN: 3-462-04187-8. EAN: 978-3-462-04187-3.