Wiglaf Droste von Twitter-Schnösel mies gemacht
Unbeschwert und friedlich feiern
Der wunderbare Wiglaf Droste hat in der Jungen Welt etwas zum Loveparade-Desaster geschrieben:
Am erstaunlichsten an der ganzen Angelegenheit aber war, daß niemand abließ zu jammern, »friedliche und fröhliche junge Menschen hätten doch nur feiern und ihren Spaß haben wollen« – obwohl die sich den von ein paar Abgängen doch gar nicht verderben ließen. Die unnz!-unnz!-stumpfe Technomasse leugnet ja nicht, daß es Kollateralschäden gibt – und überläßt das händeringende Bedauern darüber den professionellen Glitsch- und Glibberkomödianten aus Politik und Medien. Die ihrerseits dann große Gefühle entdecken für Leute, denen nur eine Rolle zugedacht ist: die von Brot-und-Spiele-Empfängern. [Junge Welt am 26.07.2010]
Dem kann ich – jenseits aller Wut und Trauer über die Getöteten – nur aus vollem Herzen zustimmen. Drauf gestoßen bin ich über die Bemerkung eines Social-Media-Schnösels, der zu allem seinen dünnflüssigen Senf dazugibt. Die Palette seiner Themen reicht von iPhone-Apps über Gourmetfrass und Museumskultur bis hin zu Fußball und Eishockey; allesamt Gebiete, auf denen er verzweifelt bemüht ist, irgendwie als Berater oder so Geld zu verdienen. Dieser Social-Media-Apostel meinte nu, Wiglaf Droste habe sich mit dem Beitrag “diskreditiert”. Das Wort ist so unpassend wie die Sichtweise dieser wandelnden Sprechöffnung richtig ist.
Natürlich ist die Loveparade seit mindestens 10 Jahren ein Konsumevent, der von Politik und Wirtschaft geduldet und gefördert wird, weil man so die unzufriedenen Massen ruhigstellen kann. Dafür das Wort LOVE (Liebe! Versteht ihr…) zu vergewaltigen, Reklame für eine miese Fitnesskette zu machen, schwimmt ziemlich weit oben auf der alles umfließenden Zynismusbrühe dieser Zeit. Ja, die Heuchler aller Couleur gefallen sich – jenseits aller Trauer, selbstverständlich – darin, eine Mitschuld am Tod der 21 bei den Anwesenden zu suchen, die zuvor berauschende Tinkturen und Substanzen konsumiert hatten. Hallo! Alkohol ist das gesellschaftlich anerkannte Betäubungsmitteln der Massen, an dem der Staat mitverdient, um u.a. Bundeswehreinsätze in fernen Ländern zu finanzieren. Cannabis zu konsumieren ist ja beinahe schon wieder ein politischer Akt, wo doch der Joint bislang noch steuerfrei ist.
Und: Was wird denn den jungen Leuten zwischen 8 und 38 pausenlos durch die Brainwash-Anlage eingebläut? Dass man Spasssss haben soll, Pachtie ohne Ende et cetera pp. Das Glücksversprechen lautet: Wenn du’s richtig anstellst und ohne Rücksicht auf eigene und fremde Verluste agierst, dann winkt dir Ficken, Saufen und Party bis zum … genau: Abwinken. Manchmal wird dann auch einer dabei abgewunken. Das ist Teil des Spiels.
Wie gesagt: Mit dem was die Techno-Musik mal war (so zwischen 1985 und 1993), hat die Loveparade bestenfalls in der Ära “Dr. Motte” noch was zu tun gehabt. Damals stand die Musik nicht für entgrenzten Hedonismus und maximalem Konsum, sondern für ein Erforschen der Grenzen von Körper und Geist. Da war nicht einfach Unnz-unnz, da war Kulturforschung in Praxis. Dass dies auch mit hippiesken Symbolen (Delfine! Immer wieder Delfine!) verschmückt wurde, war die Attitüde einer kleinen, von ebenhenem Dr. Motte inspirierten Minderheit unter den Ravern. So kam die LOVE zum Techno und wurde – man denke an den eigentlichen Gehalt des Wortes! – Parade. Nein, nein, eine eigentlich ziemlich blöde Veranstaltung jetzt zum universellen Friedensfest zu stilisieren, ist bestenfalls ein Missverständnis. Eher aber Ausdruck der verdrehten bürgerlichen Sichtweise angesichts menschengemachter Katastrophen.
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Ich musste schon stark schlucken, als ich den Artikel von Droste las. Nicht, weil ich die Kritik nicht gelten lasse sondern weil ich es für zu drastisch halte, auf die Mißbrauchten auch noch einzuprügeln. Nicht jeder weiß, daß er zu dieser megalomanischen Veranstaltung von Presse- und Gruppenzwang nur ‘eingeladen’/gedrängt wurde, um die entsprechenden Bilder zu liefern und um ein finanzielles Plus in die Kassen zu spülen.
Da vertrauen halt zu viele noch der Hand, die sie schlägt – das sind vielleicht auch solche, die auf die geilgeiz- und billigbillig-Versprechen von Vermarktern reinfallen, keine Ahnung.
Natürlich hat die Loveparade schon ewig nichts mehr mit Jugendkultur etc. zu tun. Diesmal konnten die Verkäufer aber nicht einmal das Grundlegendste einhalten: Daß die Teilnahme an dem ‘Spaß’ zumindest nicht das wertvollste kostet, nämlich das Leben.
Kinder, macht Euch Eure eigene Jugenkultur, mißtraut jedem, der Euch vermarkten will, der Euch als bloße Masse zusammenpfercht, stoßt jene weg, die sich mit Euch gerne ablichten wollen. Sie kümmern sich nicht – zumindest nicht um Euch.
[Antwort]
Alle Print-, Audio- und Videomedien reden auch ständig von “Ravern”, obwohl deren Anteil an dieser “Love Parade” bereits seit Jahren wahrscheinlich nur verschwindend gering ist. Auch “Rave” war mal Underground. Im Rahmen der Berichterstattung vor dem Desaster habe ich keine Raver erkennen können, sondern nur das übliche Atzen-Paaadie-Volk, das sich (fast schon zwangsneurotisch) nix entgehen lässt um ja nix zu verpassen.
Der WDR sollte sich in seiner Betroffenheit auch nicht so weit aus dem Fenster lehnen, denn schließlich haben die diese Katastrophenveranstaltung selbst mächtig hochgejazzt und niemals kritisch hinterfragt. Bug schwafelte vor der Katasrophe ja selbst noch entzückt von den “Millionen”. Aber die WDR-Truppe kam ja über den großzügig bemessenen VIP-Eingang rein und hatte keinen Plan von den tatsächlichen Gegebenheiten.
[Antwort]
Also jetzt doch ein bisschen Eva H. oder wie?
Man kann über die Kommerzialisierung der Love Parade sicherlich zu Recht lamentieren – was bleibt, ist dennoch der Wunsch einer recht großen Menge mehr oder weniger junger Menschen, ein wenig zu feiern.
Und was ist daran schlecht?
Alkohol, sonstige Drogen, der Wunsch nach einem ordentlichen Fick?
Ja, und? Was genau daran ist denn bitte schön neu, kapitalismus-immanent und/oder schlecht?
Was davon beschäftigt die Menschheit denn nicht seit Jahrtausenden?
Die Scheisse daran ist doch maximal, dass Spass, Drogen und Ficken als knappes Konsumgut von interessierter Seite mit maximalem Profit verscheuert werden…
Ich bin nun – leider – auch schon ein recht alter Sack, aber mal ganz ehrlich: ich habe vollstes Verständnis für die Wünsche der jungen Menschen, die letzten Samstag nach Duisburg gezogen sind. Und umso mehr könnte ich immer noch während des Heulens kotzen (oder umgekehrt), wenn ich daran denke, wie dort letztlich 21 Menschen einer ekelhaften Mischung aus Profitgier und Provinzpolitiker-Gehabe zum Opfer gefallen sind.
Mann, und während der Planung der Weltrevolution in meiner aktiven Zeit in den lang vergangenen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hätte ich dennoch nix, aber auch gar nix gegen einen ordentlichen Fick gehabt…
Gilt heute übrigens auch noch immer (oder wieder?).
Und einen gelegentlichen Rausch weiß ich auch immer noch zu schätzen.
Ach, irgendwie bin ich jetzt zu schräg drauf, um mich hier weiter auf- und wieder abzuregen.
Wollte ich nur mal geschrieben haben…
[Antwort]
Rainer Bartel Antwort vom 30.07.10 18:56:
Als alter Revoluzzer solltest du wissen, dass die Angelegenheit am besten dialektisch in den Verstandesgriff zu kriegen ist.
Auf der einen Seite der Medaille steht der legitime Wunsch der jungen Menschen nach Tanz, Flirt, Fick, Suff, Fick und sogar nach Ekstase. Auf der andere die immer noch anschwellende Ausbeutung der damit verbundenen Gefühle.
Ich verstehe jeden einzelnen Loveparade-Besucher bzw. dessen Wunsch nach dem GANZ GROßEN Party-Erlebnis. Mich macht es ziemlich traurig, dass die erschlagende Mehrheit von ihnen nicht ansatzweise erkennt, was da mit ihnen für ein Schindluder getrieben wird.
Dass kaum jemand von ihnen auch nur ansatzweise sieht, dass sie auf widerlichste Weise massiv missbraucht werden von den Instanzen, die mehr verkaufen und mehr verdienen wollen.
Ich bin mit Wiglaf Droste einig (und das wird anscheinend von vielen, vielen des Lesens und Verstehens mächtigen Leuten völlig missverstanden), dass es ein eiskalt-zynischer Euphemismus ist, die Propaganda-Veranstaltung eines Fitness-Betreibers mit dem Slogan “The Art of Love” zu versehen. Das ist eine Vergewaltigung aller, die a) sich nach Liebe sehnen, b) die an die Liebe Glauben und vor allem c) die hoffen, bei einer Loveparade könne die Liebe der verbindende Wert sein.
Ist er nicht. Der verbindende Wert ist das Geld. Typen wie der Schaller sind Emotionsvampyre, die den armen Menschen die Gefühle absaugen, um sie ihnen dann als Konsumentscheidungen ins Hirn zu schießen.
Natürlich bin ich zunächst entsetzt, wenn so’n Mädel sich ereifert, dass es keinen Handy-Empfang hatte. Mich schüttelt es angesicht von soviel Blödheit. Aber gleichzeitig bin ich traurig und wütend darüber, dass dieses System die Menschen so macht.
[Antwort]
Tommy_99 Antwort vom 30.07.10 23:11:
Da sind wir uns völlig einig.
Aber Droste diffamiert – jedenfalls aus meiner Sicht – mehr die Teilnehmer und deren Wünsche/Hoffnungen als er Schaller & Co attackiert.
Und da blitzt – sozusagen als Gegenentwurf zur der unsäglichen Eva H. – die gleiche Genugtuung für das Geschehene und Verachtung für die Teilnehmer/innen hervor wie bei der fundamentalistischen Sprechblase. Indem er vier oder fünf Dumpfbacken, möglicherweise aus dem Zusammenhang gerissen, zitiert und denen noch den Tod an den Hals wünscht, den andere erleiden mussten, eignet er sich den Zynismus an, den er anderen vorwirft.
Auf mich wirkt das, als wolle man die Opfer eines entmenschlichten Systems noch dafür verhöhnen, dass sie – aus Gründen, die sie wenn überhaupt nur zum Teil selbst zu verantworten haben – zu Opfern wurden.
Das, was Du in Deiner Antwort geschrieben hast, ist wahrer und zutreffender, als das, was Droste da abgesondert hat.
Manchmal mag ich Zynismus eben einfach nicht mehr…
[Antwort]
Rainer Bartel Antwort vom 31.07.10 10:01:
Komisch, ich habe Drostes Text nicht so diffamierend empfunden und schon gar nicht zynisch.
Schön dass unsere Positionen in dieser Sache dicht beieinander liegen…
Also, ich sehe es ähnlich wie Tommy_99, da war schon viel Zynismus drin. Vielleicht liegen Droste und Herman insgeheim gar nicht soo weit auseinander. Zugeben würden Sie das natürlich nie.
##”Dieser Social-Media-Apostel meinte nu, Wiglaf Droste habe sich mit dem Beitrag “diskreditiert”. Das Wort ist so unpassend wie die Sichtweise dieser wandelnden Sprechöffnung richtig ist.”
Ich nehme mal an, Du meinst mit der “Öffnung” den Apostel und nicht Droste. Somit müsste es “unrichtig” heißen, oder?
##”Ja, die Heuchler aller Couleur gefallen sich – jenseits aller Trauer, selbstverständlich – darin, eine Mitschuld am Tod der 21 bei den Anwesenden zu suchen, die zuvor berauschende Tinkturen und Substanzen konsumiert hatten.”
Tut Droste das nicht??
Grüße
jj68
[Antwort]
janisjoplin68 Antwort vom 03.08.10 18:05:
Ups, das “Sie” im dritten Satz sollte eigentlich kleingeschrieben sein…
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