Wie der Kaizer-Chiefs-Fan Freddie 'Saddam' Maake die Tröte erfand

Vuvuzela – Geschichte geklärt!

freddie_maakeNachdem in Fußballfankreisen heftig über die südafrikanische Tröte debattiert wird, entstehen auch sehr merkwürdige Theorien über die Herkunft der Vuvuzela. Befürworter des nervigen Teils reden immer gern davon, es sei halt Element der südafrikanischen Fankultur. Wer sich besser informiert fühlt, gibt an, die Tröte sei seit etwa 20 Jahren in den Stadien da unten verbreitet. Und dann gibt es auch noch Verwirrte, die uns glauben machen wollen, zwei “Düsseldorfer Jungs” hätten die Vuvuzela erfunden. Die bisher beste Darstellung der Historie findet sich aber in einem tollen Artikel der südafrikanischen Zeitung “Mail & Guardian” vom 08.01.2010:

He points at the first picture taken in the 1970s, of him holding a long aluminium vuvuzela. “This is the father of all the vuvuzelas you see today.” Maake says the instrument was banned from the stadium as authorities ruled that it was a dangerous weapon. He admits to having used it once or twice in scuffles with rival fans and feels the ban was justified. [Quelle: M&G vom 08.01.2010]

Kurz gefasst hört sich die Geschichte des Freddie “Saddam” Maake so an:

Der Mann, den sie schon seit Längerem “Saddam” nennen, ist Chef-Supporter der Kaizer Chiefs. Das ist einer der beiden Fußballclubs in Johannesburg. Der andere Club vor Ort heißt “Orlando Pirates” und wurde 1937 von Arbeitern der Goldminen in Gauteng gegründet. Noch heute ist daher der Schutzhelm der Bergleute unverzichtbarer Fanartikel bei Anhängern der Pirates und der Chiefs. Denn die Kaizer Chiefs wurden erst 1970 als Abspaltung der Pirates gegründet. Benannt sind sie nach dem südafrikanischen Fußballhelden Kaizer Motaung, der einst in der US-Operrettenliga bei den Atalanta Chiefs kickte. Freddie Maake gibt an, er habe bereits in den späten 60ern – damals noch als Pirates-Anhänger – eine Fahrradhupe des Gummballs beraubt und auf dem Ding getrötet. Den Reportern zeigt er Fotos, die ihn in den Siebzigern und Achtzigern mit Aluminiumtröten zeigen, die schon als Vuvuzela erkennbar sind.
Nicht nur durch Freddies Bilder, sondern auch Fotos in der Presse und Ausschnitten aus Videoberichten ist NACHWEISBAR, dass Saddam bei den Spielen der Bafana Bafana bei den Afrika-Cups der Jahre 1992, 1996 und 1998 der EINZIGE mit einem solchen Horn ist. Die Fotos, die ihn 1998 in Burkina Faso zeigen, führten dazu, dass er von Coca Cola zur Fußball-WM nach Frankreich eingeladen wurde, wo er seine Fankluft samt Vuvuzela vorführte.

So weit ist seine Geschichte nachvollziehbar. Wir halten fest: Vor 1998 gab es vermutlich eine einzige Vuvuzela. Die war aus Alu und gehörte Freddie “Saddam” Maake. Es gibt übrigens eine weitere Quelle für die Tröte, denn auch in Südamerika und auch in Mexiko kennt man seit den Siebzigern kleine Hörner als “Cornetas”. Die sind aber kaum länger als 15 Zentimeter und nicht annähernd so laut.

An dieser Stelle gehen die Darstellungen auseinander – auch weil es um viel, viel Geld geht. Fest steht, dass die südafrikanische Zwei-Mann-Firma Masincedane Sport erst 2001 begann, Vuvuzelas aus Plastik zu produzieren und zu verkaufen. Laut Saddam Maake wandte sich dieser 1999 an einen Unternehmer namens Peter Rice mit der Frage, ob der nicht Vuvuzelas aus Plastik herstellen könne. Das Ergebnis gefiel ihm nicht und wurde auch kaum vermarktet. Immerhin brachte Saddam 1999 eine CD mit 12 Vuvuzela-Songs auf den Markt.
Da die Koopoeration mit Rice nicht zufriedenstellend verlief, nahm Saddam Kontakt mit Neil van Schalkwyk, einem der Besitzer von Masincedane Sport auf. Der begann – wie erwähnt – 2001 mit der Produktion und Vermarktung der Vuvuzela. Unstrittig ist, dass van Schalwyk dem Freddie Maake 2.500 Rand als Vergütung zahlte, darüber hinaus aber keine Verträge entstanden.

Aber die Vuvuzela war immer noch nicht wirklich populär in Südafrikas Stadien. Lediglich bei den Fans der Chiefs – ist ja klar -, aber auch denen der Pirates verbreitete sich das Ding schnell. Saddam Maake erzählt, dass er den gegnerischen Fans sogar das Tuten beigebracht habe. Bei der WM 2002 in Japan und Südkorea – und das belegen Auswertungen von Videos – hatte kein einziger Fan der Bafana Bafana eine Tröte dabei. Beim Afrika-Cup Anfang des Jahres 2002 in Mali finden sich einzelne Anhänger mit Vuvuzelas, 2004 in Tunesien dagegen nicht. Erst 2006, als die Meisterschaft in Ägypten ausgetragen wurde und Südafrika in der Vorrunde ausschied, sah man Vuvuzelas in größerer Zahl. Weltweit bekannt und gleichzeitig populär in allen südafrikanischen Stadien wurde die Vuvuzela erst 2006 als Nelson Mandela als Leiter der südafrikanischen Delegation, die zur Bewerbung um die WM nach Zürich gereist war, zig Tröten mitnehmen und vor Ort auch blasen ließ.

Mit anderen Worten: Die Vuvuzela hat eine “Tradition” von maximal acht, eher nur vier Jahren. Sie als Teil der südafrikanischen Fußballkultur zu bezeichnen, ist zumindest fragwürdig.

Jedenfalls ist Freddie “Saddam” Maake tierisch sauer auf Niel van Schalkwyk. Der hat sich nämlich die weltweiten Rechte an der Vuvuzela gesichert und nimmt in diesem Jahr zig Millionen an Tantiemen aus vielen Ländern ein. Besonders viel wird von der Urbas Kehrberg GmbH aus Düsseldorf zu überweisen sein. Die halten die Rechte für den deutschen und Teile des europäischen Marktes und haben – rechnet man diverse Angaben zusammen – wohl schon mehr als 5 Millionen Tröten verkauft. Auch von diesem Geld wird der Edelfan der Kaizer Chiefs, der 53-jährige Freddie “Saddam” Maake wohl nichts ab bekommen…

[Das Foto zeigt übrigens Saddam Maake im vollen Ornat]


» Hinweis von Rainer Bartel am 13.06.10 um 12:54 » in Kategorien: Feuilleton,Sport,Wirtschaft » 1 x gelesen » 7 x kommentiert
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  1. Ja, und dann gibt´s noch die fünf Millionen Menschen, die das Ding gekauft haben. Sicher auch ein Thema wert.

    Ich habe mittlerweile ein paar Klangbeispiele von Leuten gehört, die Vuvuzela KÖNNEN. Klang erheblich besser als die magendarmkranken Elefanten, die zurzeit um mein Haus streunen.

    Meine “Stille”-Hoffnung war bis gestern das Vuvuzela-Verbot in Duisburg und das vielversprechende Stirnrunzeln unseres GA-Chefs Prof. Schneitler. Perdu! Da müssen wohl in der Public-Viewing-Entertainment-Area (oder wie das heißt) erst die Ohren bluten.

    Rainer Bartel Antwort vom 13.06.10 15:17:

    Nein, nein, es spricht nichts dafür, dass 5 Millionen Tröten VERKAUFT wurden. Es handelt sich um die Zahl der ausgelieferten Röhren – u.a. an Shell…

     
    Kommentar von quietschbaer am 13.06.10 um 15:14
  2. Ich habe ja bereits an anderer Stelle erwähnt, das bei den Afrika Cups der 90er Jahre mitnichten monotones Getröte herrschte. Fans aus Kamerun und Ghana z.B. haben damals ihre Teams mit richtigen Trompeten und vorallem Trommeln angefeuert.

    Was die Vuvuzela und die Aussage von Sepp Blatter, diese Tröte sei ja ein Stück afrikanische Kultur, zeigt ist folgendes: wie sehr nämlich die FIFA bemüht ist, *ihre* verdrehte Vorstellung von Fan- und Fussballkultur zu etablieren. Ein besseres Beispiel für die Ignoranz und Verklärung der FIFA Funktionäre gibt es wohl nicht.

    Vielleicht ist manch’ einem FIFA Funktionär das Getröte aber auch lieber als etwaige Schmähgesänge der Fans gegeneinander. Das wäre dann ein weiterer Schritt zur “Säuberung” des Fussballs von seinen “unerwünschten Nebeneffekten”.

     
    Kommentar von VaterAbraham am 14.06.10 um 11:32
  3. Da ich dem Schweizer eine echte Kulturfreundlichkeit und deren Wahrung nicht zutraue, wenn eine Kultur seinen eigenen Interessen entgegenstünde, sind mit der Verteidigung der Tröten und Ignoranz der Proteste wohl andere (Finanz-, Macht- und/oder Wahl)-Interessen verbunden. Und der Zwanziger trötet mit seiner Aussage, man könne mit einem positiven Einlaassen auf das Geräusch auch Spaß daran haben, ins gleiche Horn (no pun intended).

    Kann man (nach Helm und Tröte) noch das angeblich ebenfalls afrikanisch-kulturell bedingte Tragen der bescheuerten überdimensionierten Brillen klären?

     
    Kommentar von Raf am 14.06.10 um 13:19
  4. Das mit den Brillen ist Bootsy Collins schuld! Oder wahlweise Heino! ;)

     
    Kommentar von VaterAbraham am 14.06.10 um 14:48
  5. [...] Zur leidigen Diskussion um die Vuvuzuelas möchte ich zudem noch anmerken, dass ich als Liberaler zwar grundsätzlich wenig von Verboten halte, aber die FIFA als Veranstalter der WM meines Erachtens durchaus das Recht hat, diese Stimmungstöter mit dem Verweis auf das Hausrecht auszuschliessen. Vermissen würde ich dieses ewige, monoton-penetrante Gebrumme unsichtbarer Monsterwespen jedenfalls ganz sicher nicht. Ob diese Tröten viel mit afrikanischer Kultur zu tun haben, ist ohnehin stark hinterfragbar. [...]

     
  6. [...] Auch in der Blogosphäre war viel Kontroverses zu lesen: Die Vuvuzela-Gegner wurden nicht müde zu betonen, dass die Tradition der Vuvuzela allenfalls vier Jahrzehnte zurückreiche, und sie deshalb keine Berechtigung habe (vgl. z. B. rotstehtunsgut.de, Wir sind im Garten und Rainer’sche Post). [...]

     
    Pingback von Ja gut, aber … » Trötungsdelikt am 12.07.10 um 13:24

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