Woher ich von Wacken weiß? Das kam so. Ich hatte einen Kollegen, der seine Arbeitszeit im Wesentlichen damit verbrachte, obskure Alben obskurer Metal-Bands am Computer zu vervielfältigen. Im März 2004 bemerkte ich eine zunehmende Unruhe an ihm. Und dann brach es eines Tages aus ihm heraus: “Uuuuaaarrhhh! Wacken!!!!” Ursache seines Urschreis war der Online-Erwerb eines Tickets für eben jenes Metal-Festival im tiefsten Schleswig-Holstein. Obwohl die Sache nur drei Tage im August anhält, nahm sich der Kollege zehn Tage Urlaub – er müsse sich anschließend erholen, meinte er.
Der Kollege, nennen wir ihn Börnie, stammte aus dem Kölner Hinterland und hatte einen Kumpel, der hier Baro heißen soll. Der war ebenfalls Metal-Fan. Und wenn es je eine Personifikation der legendären Comic-Charaktere Beavis und Butthead gegeben hat, dann durch Börnie und Baro. Nun waren die beiden damals schon gut vierzig, also weit entfernt vom pubertären Notstand der Originale. Aber sowohl in Sachen Musik, als auch im Kontakt mit der Damenwelt war kein Unterschied festzustellen. Während Börnies Schüchternheit gegenüber Frauen sich in Stammeln, Stottern und Sprachlosigkeit manifestierte, ging Baro immer gleich aufs Ganze.
So erlebte ich bei einer Festivität aus der Nähe, wie er eine große Blonde (die ihn locker um anderthalb Köpfe überragte) anbaggerte. “Ey, du biss die Frau meines Lebens. Isch will disch sofort heiraten.” Und frühmorgens am Ende einer Party zu einer außergewöhnlich schönen Frau: “Hömma, isch find, du biss jenau die Frau, die mir morgen datt Nutellbrötschen schmieren sollte.” Bei diesem Anlass, der als Tanzparty gedacht war, fielen B & B vor allem dadurch auf, dass sie selbst zu Sambaklängen Headbanging probierten und in regelmäßigen Abständen lauthals AC/DC forderten. Natürlich sah man die beiden nie ohne den gemeinsamen Bierkasten…
Full Metal Village
Seit gestern läuft nun die 2008er-Version des inzwischen weltweit legendären Heavy-Metal-Festivals von Wacken. Selbstverständlich ist das Ding seit März mit rund 65.000 Tickets restlos ausverkauft. Wieder hat Bauer Trede, der Pate von Wacken, seine Äcker zur Verfügung gestellt und fungiert erneut als Cheforganisator der Dorfbewohner, die für Ernährung sorgen und den Verkehr regeln.
Dies alles zeigt die Regisseurin Sung-Hyung Cho in ihrer wunderbaren Dokumentation “Full Metal Village“, der im Jahr 2005 aufgenommen und 2006 veröffentlicht wurde. Zum Glück handelt es sich nicht einfach um eine Folge abgefilmter Auftritte. Sung-Hyung Cho befasst sich vielmehr mit den Wackener und ihrem Verhältnis zu den Festival-Besuchern. Und das gibt nicht nur Aufschluss darüber, wie rund 1.500 norddeutsche Dörfler mit 60.000 jugendlichen Headbangern fertig werden, sondern gibt Einblicke in das Psychosziale der Gemeinde.
Auch für Menschen, die Metal-Mucke eher bäh! finden, ist dieser Film dringend empfehlenswert. Ja, vielleicht ist “Full Metal Village” einer der besten Musik-Dokumentarfilme aller Zeiten.
Ah, danke für den Filmtip, auf Wacken bin ich als Nichtmetallicfan dennoch über ein wunderschönes Minnelied aufmerksam geworden. Dat schau ich mir gleich mal an, ne? Augen sanft, wie Mondenschein, Rosenblätter würd ich streun …