Als noch nicht alles eingetippt wurde...

Wählscheibe

Folge 2 von 6 in Wörtermuseum

Manche Wörter verschwinden, weil es die Technik nicht mehr gibt, die sie repräsentiert haben. Das ist in ganz besonderem Maße rund ums Telephon so. Die technische Evolution der audialen Fernkommunikation verlief zunächst langsam. Bis weit in die vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein gab es praktisch keine Selbstwählnetze. Man nahm den Hörer von der Gabel (noch so ein schwindendes Wort in diesem Kontext) und drehte an der Kurbel. So wurde das Fräulein vom Amt geweckt, der man mitteilte, mit wem man verbunden werden wollte. Die ersten Telefone für den Selbstwählverkehr arbeiteten übrigens mit Tasten. Und dann wurde der Nummernschalter namens “Strowger finger-wheel sub station dial” erfunden – die Wählscheibe. Wieder vergingen etliche Jahre bis um 1970 herum das Multifrequenzverfahren zum Wählen von Nummern eingeführt wurde. Nun sendete das Telefon nicht mehr elektrische Impulse, sondern akustische Signale. Ende der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts machten sich pfiffige Jungs das zu nutze.

Mit Hilfe von Kinderflöten, die den Cornflakes beilagen, tricksten sie das System aus, um so vom öffentlichen Fernsprecher aus die Zeitansage in Tokio anzurufen oder sonstwie teure, aber sinnlose Gespräche zu führen. Es waren Typen wie Steve Wozniak, der dann später den ersten Apple-Computer zusammenschraubte. Ja, der Beginn der immer noch andauernden Hacker-Ära ist ursächlich mit der Einführung dieses Wählverfahrens gekoppelt.

Hierzulande, wo die Bundespost regierte, der “Gilb” – wie hiesige Hacker sagten -, war davon noch lange nicht die Rede. Hier bot man dem Bürger erstmal quietschbunte Fernsprechgeräte mit Wählscheibe an. Übrigens: Die bekam man im Gegenzug zur monatlichen Grundgebühr quasi zur Miete. Später schlug die Bundespost Zusatzgebühren heraus, wenn man ein besonderes Telefon haben wollte. Der Betrieb von Nicht-Post-Geräten am Netz des Gilb waren grundsätzlich verboten, konnte sogar strafrechtlich verfolgt werden. Das führte zum selbsterlebten Kuriosum, dass ein Postbeamter mich warnte, ich dürfe das Modem an meinem Commodore PC nicht betreiben, dabei war es eines der ersten von der Bundespost vergebenen Modems…

Das Prinzip der Wählscheibe war Zeit ihrer Existenz so einleuchtend, dass es viele Menschen praktisch für die natürliche Art der Zahlen- und Buchstabeneingabe hielten. Man kann das sehr schön in Science-Fiction-Filmen der fünfziger und sechziger Jahre sehen, wo die Riesencomputer in den Raumschiffen winzige Bildschirme haben, aber überall Wählscheiben angebracht sind.

Telefone mit Wählscheibe existieren weiter. Ja, es gab eine Zeit, da haben Spezialisten die schönen alten Fernsprechapparate aus schwarzem Bakelit mit schwerem Hörer und eben Wählscheibe auf das Multifrequenzverfahren umgerüstet. Und heute kann man Geräte (siehe Foto oben) kaufen, bei denen der Gag darin besteht, eine Wählscheibe zu haben – ansonsten sind sie voll digital.


» Erklärung von Rainer Bartel am 31.07.10 um 09:57 » in Kategorien: Feuilleton » 4,046 x gelesen » noch kein Kommentar
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